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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Samuel Richardson
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Porträt Samuel Richardson
Samuel Richardson
1689 – 1761
– Autorenporträt –

Samuel Richardson

1689 – 1761 · 71 Jahre

Begründer des empfindsamen Romans, der erst mit fünfzig zu schreiben begann und mit seinen Briefromanen die innere Welt seiner Figuren in den Mittelpunkt rückte.

Kurzporträt

Samuel Richardson (1689–1761) war einer der Begründer des empfindsamen Romans. Er prägte die europäische Erzählkunst des 18. Jahrhunderts. Der gelernte Buchdrucker und erfolgreiche Druckereibesitzer schrieb seinen ersten Roman erst im fünfzigsten Lebensjahr. Mit Pamela oder die belohnte Tugend schuf er ein Werk, das sofort großen Erfolg hatte. Seine Briefromane stellten erstmals die innere Welt der Figuren in den Mittelpunkt. Sie verdrängten den allwissenden Erzähler durch eine subjektive Stimme. Ihre Wirkung reichte weit über England hinaus bis nach Deutschland und Frankreich.


Biografie

Geboren wurde Richardson am 19. August 1689 im englischen Mackworth in der Grafschaft Derbyshire als Sohn eines Schreiners. Er erlernte zunächst den Beruf des Buchdruckers und war als Drucker und Verleger sehr erfolgreich. In London brachte er es zum Druckereibesitzer. Erst im 50. Lebensjahr, 1740, erhielt er den Auftrag, eine Sammlung von Musterbriefen für junge Damen zu verfassen. Dieser Briefsteller erschien 1741 unter dem Titel Familiar Letters. Die Arbeit daran regte ihn dazu an, einen Briefroman zu schreiben.

Sein Roman Pamela oder die belohnte Tugend aus dem Jahr 1740 erzählt von einem tugendhaften Dienstmädchen. Es setzt sich gegen die derben und brutalen Belästigungen ihres Herrn zur Wehr, bekehrt ihn schließlich und lässt sich dann von ihm heiraten. Das Buch wurde sofort ein großer Erfolg. Es begründete nicht nur das Genre des empfindsamen Romans. Es war auch ein wegweisendes Werk in der Geschichte des Romans, denn hier verdrängte erstmals durchgängig eine subjektive Stimme den allwissenden Erzähler. Gegen diese Art der Empfindsamkeit regte sich bald Widerstand, etwa in Henry Fieldings Parodie Shamela von 1741. Sie prangerte moralische Heuchelei und verklemmte Zweideutigkeiten des Buchs an. Dem Erfolg schadete das jedoch nicht. Über 22 Jahre hinweg, von 1739 bis 1761, überarbeitete Richardson seinen Roman immer wieder.

Sein nächstes Buch, Clarissa or, The History of a Young Lady von 1748, verkaufte sich noch besser als sein Erstling. Das gelang, obwohl es aus 547 Briefen bestand und mit über einer Million Wörtern der längste Roman seiner Zeit war. Es reizte zeitgenössische Autoren zu ausführlichen Besprechungen, etwa Sarah Fielding mit ihren Remarks on Clarissa von 1749. Ihr blieb Richardson trotz der satirischen Kritik ihres Bruders wohlgesinnt. Sein dritter Briefroman Sir Charles Grandison von 1753 stellte anders als die beiden Vorgänger einen Mann ins Zentrum der Handlung, und zwar einen guten. Waren die früheren Heldinnen ständig Opfer böser, lüsterner Männer gewesen, so entwarf Richardson hier das Bild des idealen christlichen Gentleman. Auch dieser Roman wurde ein großer Erfolg, obwohl er nochmals etwas länger als sein Vorgänger war. Jean-Jacques Rousseau knüpfte mit seiner Julie oder Die neue Heloise von 1761 an Richardsons Erfolge an.

Auch in Deutschland wurden Richardsons Briefromane viel gelesen. Sir Charles Grandison war Cornelia Goethes Lieblingsbuch, weil sie sich mit der Figur der Harriet Byron identifizierte. Christian Fürchtegott Gellert wagte mit Leben der schwedischen Gräfin von G*** von 1746 den ersten Versuch eines deutschen Briefromans. Sophie von La Roche verbuchte mit der Geschichte des Fräuleins von Sternheim von 1771 einen enormen Erfolg. Diese an Richardson angelehnte Erzählung war unter anderem ein Vorbild für Goethes Die Leiden des jungen Werthers von 1774. Die Produktion deutscher Briefromane riss mit der Empfindsamkeit nicht ab, sondern reichte bis in die Zeit der Weimarer Klassik. Caroline von Wolzogen veröffentlichte 1797 ihren Roman Agnes von Lilien. Er nahm viele Elemente aus Richardsons Werken auf und wurde zeitweise Schiller oder Goethe zugeschrieben. Richardson starb am 4. Juli 1761 in London.


Literarische Merkmale

Kennzeichnend für Richardsons Erzählweise ist die Form des Briefromans. In ihm tragen nicht ein allwissender Erzähler, sondern die Stimmen der Figuren selbst das Geschehen. Erstmals legte er den Schwerpunkt ganz auf die innere Dramatik der Charaktere statt auf die äußere Handlung. Zudem entwarf er erstmals ein ausführliches Psychogramm einer weiblichen Hauptfigur. Der französische Philosoph Denis Diderot lobte in seiner Schrift Éloge de Richardson von 1762 die Detailtreue, mit der Richardson alltägliche Dinge schilderte. Ebenso lobte er die Fähigkeit, moralische Themen anschaulich und spannend am alltäglichen Geschehen darzustellen. Seine Romane ließen den Leser zudem vergessen, dass es sich um eine Fiktion handelte.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten hatten Richardsons Romane eine enorme Wirkung, auch wenn sie heute nur noch wenige Leser ansprechen. Sein Erstling begründete die Schule der empfindsamen Literatur. Zu deren bekanntesten deutschen Beispielen gehört Goethes Die Leiden des jungen Werthers. Großen Einfluss hatten seine Romane Pamela oder die belohnte Tugend und Clarissa or, The History of a Young Lady auch auf das deutsche bürgerliche Trauerspiel in seiner frühen, empfindsamen Phase, etwa auf Lessings Miss Sara Sampson von 1755 oder Pfeils Lucie Woodvil von 1756. In Frankreich gehörte Denis Diderot zu seinen Bewunderern. Trotz der spöttischen Kritik durch Henry Fielding blieb sein Ruhm ungebrochen.

Die literaturgeschichtliche Bedeutung Richardsons war groß. Er rückte erstmals die innere Dramatik der Charaktere in den Mittelpunkt und entwarf das ausführliche Psychogramm einer weiblichen Hauptfigur. Deshalb gilt er als wegweisend für spätere Autoren wie Jane Austen, Henry James, die Geschwister Brontë, Thomas Hardy und noch für John Cleland und D. H. Lawrence.

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