1876
Clarel
Überblick↑
Mit Clarel legte Herman Melville 1876 sein zweibändiges Versepos vor. Es gilt als eines der längsten Gedichte der amerikanischen Literatur. Über 18.000 Verse im jambischen Viertakter führen einen jungen amerikanischen Theologiestudenten als Pilger ins Heilige Land. Damit ist das Werk noch länger als Ilias, Äneis oder Das verlorene Paradies. An biblischen Schauplätzen ringt Melville hier mit der eigenen Glaubenskrise, mit der Erschütterung der christlichen Lehre durch Darwin und mit dem religiösen Zweifel des viktorianischen Zeitalters. Lange wurde das Werk als sperrig und unzugänglich abgetan. Heute gilt es als Hauptwerk des späten Melville und neben seinen Romanen als eine seiner größten Leistungen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein junger amerikanischer Theologiestudent namens Clarel reist nach Jerusalem, um seinen ins Wanken geratenen Glauben an den heiligen Stätten zu erneuern. Die Stadt überrascht ihn: karg, grau, oft seltsam leer. Zugleich ist sie ein Treffpunkt der Religionen, wo Juden, Protestanten, Katholiken, Muslime, Hindus und Buddhisten dieselben Gassen teilen.
In dieser Stadt begegnet Clarel mehreren Menschen, die ihn prägen werden. Er findet einen mystisch gestimmten amerikanischen Christen, der ihn herumführt. Er lernt eine junge Jüdin namens Ruth kennen, in die er sich verliebt. Doch jüdische Bräuche und ein eifersüchtiger Rabbiner halten beide weitgehend auseinander. Und er trifft auf eine Reihe sehr unterschiedlicher Männer: einen redseligen, skeptischen Protestanten, der die Heilsgeschichte historisch hinterfragt, einen wortkargen Beobachter, dessen Schweigen Clarel anzieht, später einen optimistischen anglikanischen Geistlichen, einen früheren Revolutionär aus Schweden, einen abtrünnigen jüdischen Geologen und andere.
Clarel schließt sich einer Pilgergruppe an, die durch die Wüste zum Toten Meer, zum Kloster Mar Saba und nach Bethlehem zieht. Die Stationen werden zum Forum endloser Gespräche über Glauben, Zweifel, Geschichte und die Frage, ob die biblischen Erzählungen Wahrheit oder Dichtung sind. Clarel hört zumeist zu, hin- und hergerissen zwischen den Stimmen. Er sucht eine innere Gewissheit, die er an keinem der heiligen Orte einfach finden kann.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Teil spielt in Jerusalem. Clarel, dessen christlicher Glaube ins Wanken geraten ist, sucht an den Schauplätzen des Alten und Neuen Testaments nach neuer Festigkeit. Er ist erschüttert, wie öde und seelenlos die Stadt wirkt. Er wohnt in einer Herberge bei Abdon, einem schwarzen Juden, der wie ein lebendiges Sinnbild Jerusalems erscheint, in Wahrheit aber aus Indien eingewandert ist. Auf den Straßen erkennt Clarel die religiöse Vielfalt: Juden, Protestanten, Katholiken, Muslime, Hindus und Buddhisten.
Er kreuzt den Blick mit Celio, einem italienischen Jüngling mit Rückenleiden, den katholische Mönche im Kloster aufgezogen haben und der dennoch am Katholizismus zweifelt. Beide spüren eine seelische Verwandtschaft, doch keiner spricht den anderen an. Als Celio kurz darauf stirbt, fürchtet Clarel, eine Chance auf Erneuerung seines Glaubens verpasst zu haben.
Auf den Straßen trifft er Nehemiah, einen demütigen amerikanischen Christen voller mystischer Neigung, der seit vielen Jahren in Jerusalem missioniert. Nehemiah nimmt Clarel unter seine Fittiche und führt ihn herum. An der Klagemauer sieht Clarel Abdon, dazu einen amerikanischen Juden namens Nathan und dessen Tochter Ruth. Nehemiah stellt Clarel und Ruth einander vor; Clarel verliebt sich in sie. Nathans Festhalten am jüdischen Brauchtum und der eifersüchtige Rabbiner halten die beiden auseinander, doch Ruths Mutter Agar billigt die Verbindung.
In Gethsemane begegnet Clarel zwei sehr verschiedenen Männern: Rolfe, einem gesprächigen, weltgewandten Protestanten und religiösen Skeptiker, der Jerusalem historisch deutet und Jesu Anspruch auf Göttlichkeit hinterfragt – und Vine, einem äußerst schweigsamen Mann, der seine Umgebung nur beobachtet oder ganz in sich zurücktritt. Gerade Vines Beispiel weckt in Clarel zunächst Hoffnung auf Glauben. Als Vine und Rolfe eine Rundreise zu nahe gelegenen heiligen Orten planen – zur Wüste Johannes des Täufers, zum Kloster Mar Saba und nach Bethlehem – möchte Clarel mitziehen, will aber Ruth nicht zurücklassen.
Da stirbt Nathan. Die jüdische Trauerzeit verbietet Clarels Anwesenheit bei Ruth und Agar, und so schließt er sich der Pilgergruppe an, im Vertrauen, die Geliebte in wenigen Tagen wiederzusehen. In der Nacht vor der Abreise erblickt er ein Relief, das den Tod einer jungen Braut zeigt – ein böses Vorzeichen, das er beiseiteschiebt.
Im zweiten Teil führt der Weg durch die Wüste. Zur Gruppe gehören neben Nehemiah, Rolfe und Vine weitere Figuren: Djalea, Sohn eines Emirs und nach dem Massaker an seinem Volk zum Reiseführer geworden; Belex, Anführer von sechs bewaffneten Wachen; ein wohlhabender griechischer Bankier mit seinem Schwiegersohn Glaukon; der zuversichtliche anglikanische Geistliche Derwent; ein namenloser, ehemals gläubiger Älterer; und der schwedische Sinnsucher und einstige Revolutionär Mortmain. Der Bankier und sein Schwiegersohn verlassen die Gruppe bald, ebenso der wortkarge Ältere; Mortmain weigert sich, das verruchte Jericho zu betreten. Später stößt Margoth dazu, ein abtrünniger jüdischer Geologe und Atheist, dessen Hohn Rolfe näher an Derwents Glauben rückt. Auch ein dominikanischer Wandermönch wird gestreift.
Zwischen Derwent und Rolfe entzünden sich heftige Debatten über die Verlässlichkeit der biblischen Berichte und über die protestantischen Lehrunterschiede. Clarel hört gebannt zu, ohne zu wissen, ob sein Glaube gestützt oder zersetzt wird. Bei Vine sucht er innige Nähe, doch dessen stoisches Schweigen weist ihn ab.
Am Toten Meer schlägt die Gruppe ihr Lager auf. Mortmain stößt wieder zu ihnen; geistig verstört trinkt er trotz aller Warnungen vom giftigen Salzwasser – er überlebt. Am Morgen entdecken die Pilger, dass Nehemiah in der Nacht gestorben ist, nach einer Vision der himmlischen Stadt über den Trümmern von Sodom und Gomorrha. Während die Gefährten ihn am Ufer bestatten, sieht Clarel über dem Wasser einen schwachen Nebelbogen, der wie bei Noah Hoffnung verheißt – doch der Bogen verblasst und verschwindet.
Der dritte Teil führt zum griechisch-orthodoxen Kloster Mar Saba mit seiner uralten Palme, die der heilige Saba der Sage nach hier gepflanzt haben soll. Unterwegs begegnen die Pilger einem jungen Mann aus Zypern, dessen ungebrochener Glaube und Gesang sie beneiden. Bei den „Zelten Kedars“ verlangen Räuber Wegzoll, lassen die Gruppe aber unbehelligt ziehen, weil sie in Djalea arabischen Adel erkennen.
Im Kloster werden die Pilger bewirtet und mit einem Maskenspiel über Cataphilus, einen ewigen Juden, unterhalten. Cataphilus, „der kein Mitleid verdient“, weil er den Glauben verloren hat, erscheint Clarel wie ein Spiegel. Mit Lesbos, einem muslimischen Kaufmann, geraten die Gefährten in ein trunkenes Gelage, an dem sich sogar der sonst gesetzte Derwent beteiligt. Ein weiterer Gast, der griechische Seemann Agath, der nach einem Überfall in der judäischen Wüste hierher zur Genesung kam, erzählt mit Lesbos Seegeschichten, die Clarel an Melvilles eigene Romane wie White-Jacket und Moby-Dick erinnern.
Allmählich zeigt sich, dass niemand in der Runde wirklich glaubt – weder Vine noch Rolfe, weder Belex noch Lesbos, und auch Derwent nicht, der seinen Unglauben endlich Clarel eingesteht. Auf einem Klosterrundgang verspottet Derwent die Reliquien, hält manche Mönche für irr und kann der heiligen Palme weder Heiligkeit noch ihr tausendjähriges Alter zugestehen. Als er den Blick von der Palme nimmt, sieht er Mortmains Käppchen von einem Felsvorsprung herabflattern, wo der Schwede die Palme betrachtet. Am Morgen, als die Karawane aufbrechen will, fehlt Mortmain. Sie finden ihn auf dem Vorsprung, die toten Augen starr auf die Palme gerichtet. Die Mönche bestatten ihn außerhalb der Mauern in ungeweihter Erde, „wo Geier den Geier ruft, und nur Unrein einen Freund findet“.
Der vierte Teil führt nach Bethlehem. Lesbos kehrt nach kurzer Strecke zum Kloster zurück. Ungar gesellt sich hinzu, ein Veteran des amerikanischen Bürgerkriegs, von katholischen Siedlern und Indianern abstammend – als einziger der Runde ein Gläubiger. In Bethlehem verlässt Agath die Gruppe; Djalea und Belex werden für ihre Dienste entlohnt.
Ungars Glaube zieht Clarel an. Derwent reibt sich an Ungars Überzeugung, der Mensch sei „gefallen“ und könne sich ohne göttliche Hilfe nicht erheben; die Streitgespräche reichen bis zu Demokratie und Kapitalismus. Vine, Rolfe und Clarel, alle Amerikaner, schlagen sich auf Ungars Seite, was der Engländer Derwent als Vorurteil gegen die Alte Welt deutet.
In Bethlehem zeigt ihnen ein junger Franziskaner namens Salvaterra – „rette die Erde“ – die Geburtsgrotte Christi. Er wirkt fast wie eine Wiederkehr des heiligen Franziskus und entzündet in Clarel neuen Glauben. Mit Ungars und Salvaterras Beistand erstarkt diese Hoffnung; die untergehende Sonne erscheint dem Studenten als leuchtendes Zeichen.
Ungar zieht weiter, Salvaterra bleibt im Kloster, und Clarel kehrt allein nach Jerusalem zurück, fest entschlossen, Ruth und Agar aus dem Exil in Palästina zu retten und mit ihnen in die Vereinigten Staaten zu reisen. In der Nacht vor Aschermittwoch begegnet er einer jüdischen Begräbnisprozession: Ruth und Agar sind in seiner Abwesenheit gestorben. Sein gerade erst gefestigter Glaube bricht zusammen. Die ganze Karwoche hindurch wartet Clarel auf ein Wunder – Ruths Auferstehung wie die Christi. Doch Ostern vergeht, und das Wunder bleibt aus. Clarel verbleibt als einsamer Mann in Jerusalem und klagt, die Welt sei mit Drähten umspannt, „doch von unter dem Stein kommt mir keine Botschaft“.
Der Schluss-Gesang, der Epilog, ist Melvilles eigener Kommentar zu Clarels Glaubenskrise. Trotz aller Zweifel ruft er den jungen Mann auf, das Herz zu wahren: Wie der Krokus aus dem Schnee, wie der Schwimmer aus der Tiefe könne er aus der letzten Flut auftauchen – und beweisen, dass der Tod das Leben nur in den Sieg zwingt.
Stil↑
Der Vers ist jambischer Viertakter, gleichmäßig durchgehalten über mehr als 18.000 Zeilen. Diese Form rückt das Werk äußerlich an die großen europäischen Epen von Ilias über Äneis bis Das verlorene Paradies. An Länge übertrifft es sie sogar. Die Sprache aber bricht mit der Erwartung, die das Versmaß weckt. Melville schreibt nicht im liedhaft-lyrischen Ton seiner berühmten Romane, sondern knapp, herb und philosophisch. Die Zeitgenossen waren von dieser Knappheit befremdet. Spätere Kritiker haben das Verfahren als „verdichtet und schroff“ gerühmt.
Das Werk lebt von langen Streitgesprächen. Pilger verschiedener Herkunft und Überzeugung – Skeptiker, Anglikaner, Atheisten, Mystiker, ein katholischer Veteran – wechseln Reden über Bibelglauben, Geschichte, Politik und Erlösung. Clarel selbst spricht selten. Er ist der zuhörende, schwankende Mittelpunkt, an dem die Stimmen sich brechen. Melville hebt diese Eigenart selbst hervor. Gleich zu Beginn des zweiten Teils stellt er klar, dass seine Pilgerfahrt nichts mit Chaucers heiterer Canterbury Tales-Gesellschaft gemein hat: ein anderes Zeitalter, andere Menschen, „und das Leben ein unerfüllter Roman“. Landschaft, biblische Schauplätze und kleine Szenen werden zu Sinnbildern der inneren Krise. Beispiele sind ein Relief mit einer toten Braut, ein verblassender Nebelbogen, eine uralte Palme. In lyrische Süße verfällt das Werk dabei nie.
Rezeption↑
Bei seinem Erscheinen 1876 wurde das Werk kaum beachtet. Die wenigen Besprechungen fielen vernichtend aus. Der amerikanische Geschmack neigte zu den geschliffenen Versen eines Henry Wadsworth Longfellow oder James Russell Lowell. Die New York Times urteilte, das Buch hätte „in Prosa geschrieben werden sollen“. Ein Rezensent klagte, er sei „in einer Flut von Mittelmaß untergegangen“. Eine Zeitschrift fand „keine sechs Zeilen echter Poesie“ darin. Der Forscher Walter E. Bezanson hat später vermutet, dass keiner der Kritiker das Werk tatsächlich gelesen hatte. Er erklärte das Versepos zu einem „historischen Dokument fast ersten Ranges“, weil es die großen Spannungen seiner Zeit zu fassen suche.
Mit dem sogenannten „Melville Revival“ der frühen 1920er-Jahre kehrte sich das Urteil um. Frank Jewett Mather nannte das Werk „Amerikas bestes Beispiel viktorianischer Glaubens-Zweifel-Dichtung“. Raymond Weaver fand darin „mehr Ironie, Lebendigkeit und Geist als bei fast allen zeitgenössischen Dichtern zusammen“. 1924 lobte der britische Kritiker John Middleton Murry das „verdichtete, schroffe“ Versmaß. Der französische Kritiker Jean Simon sah darin „die außerordentliche Offenbarung einer gequälten Seele“.
Nach 1945 rückte das Werk endgültig ins Zentrum. Richard Chase deutete die „Sterilität des modernen Lebens“ als die zentrale symbolische Idee. Er stellte das Epos als geistige Vorform von T. S. Eliots The Waste Land in eine Reihe der großen Dichtungen der Moderne. Ronald Mason las es als „kontemplative Zusammenfassung von Melvilles gesamtem Vorstellungsleben“. Newton Arvin nannte es „Melvilles großen Ideenroman in Versen“. Das Werk gilt zugleich als Melvilles deutlichster Kommentar zur Reconstruction-Ära nach dem Bürgerkrieg. 1994 wählte Harold Bloom es als eines von fünf Melville-Werken aus, die er in The Western Canon behandelte. Heute steht das Versepos neben den Romanen als eines der Hauptwerke des Autors.
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