1845
Carmen
Überblick↑
Die Novelle Carmen erschien 1845 und stammt von dem französischen Schriftsteller Prosper Mérimée (1803–1870). Sie erzählt von der verhängnisvollen Liebe eines baskischen Soldaten zu der jungen Zigeunerin Carmen im südlichen Spanien. Berühmt wurde der Stoff vor allem durch die Oper, die Georges Bizet daraus schuf; das Libretto verfassten 1875 Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Schon der Name trägt eine Bedeutung in sich, denn das lateinische Wort carmen heißt „Liedgesang", „Zauberdichtung" oder „Orakelspruch".
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf einer Reise durch Andalusien begegnet der Erzähler einem Fremden, den er bald für einen gesuchten Räuber hält. Weil der Mann sich ihm freundlich zeigt, hilft er ihm sogar, den Soldaten zu entkommen. Erst Monate später hört der Erzähler wieder von ihm – und sucht ihn im Gefängnis auf, wo der Räuber Don José ihm seine Lebensgeschichte erzählt.
Diese Geschichte führt zurück nach Sevilla. Der junge Baske José muss aus seiner Heimat fliehen und schlägt sich als Unteroffizier durch. Vor der Tabakfabrik der Stadt trifft er auf die junge Zigeunerin Carmen – schön, eigensinnig und unberechenbar. Von diesem Augenblick an verliert er den Boden unter den Füßen. Für Carmen setzt er seine Stellung, seine Ehre und schließlich sein ganzes bisheriges Leben aufs Spiel. Wohin ihn diese Leidenschaft treibt, macht die Novelle zu einer der eindringlichsten Liebesgeschichten der Weltliteratur.
Die Handlung im Detail↑
Den Rahmen der Erzählung bildet eine Begegnung in Andalusien. Der Erzähler trifft auf seiner Reise einen Unbekannten, den er schon bald für einen gesuchten Räuber hält. Weil der Fremde sich ihm gegenüber freundschaftlich verhält, verhilft er ihm zur Flucht vor Soldaten. Einige Monate später erfährt der Erzähler von der Verhaftung des Räubers Don José und von seiner bevorstehenden Hinrichtung. Er besucht ihn im Gefängnis, und dort erzählt José sein Leben.
Der Baske José Lizarrabengoa hatte in seiner Heimat bei einem Spiel im Streit seinen Gegner getötet und musste fliehen. In Andalusien dient er als Unteroffizier im Wachkommando der Tabakfabrik von Sevilla. Dort begegnet er der jungen Zigeunerin Carmen. Als die impulsive Carmen bei einem Streit in der Fabrik eine andere Frau mit dem Messer niedersticht, soll José sie ins Stadtgefängnis bringen. Doch er lässt sich von ihr betören und verhilft ihr zur Flucht. Dafür wird er für vier Wochen in Arrest gesteckt und zum einfachen Rekruten degradiert.
Bei einem Wiedersehen verliebt er sich unsterblich in Carmen. Aus Dankbarkeit verbringt sie eine Nacht mit ihm, doch am Morgen weist sie ihn ab: Sie seien nicht füreinander geschaffen, er solle sie vergessen. Wenig später lässt er sich als Wachposten überreden, bei einer Schmuggelaktion wegzusehen. Als er dann noch einen von Carmens Liebhabern im Streit mit dem Säbel tötet, muss er aus Sevilla fliehen. Nun ist es Carmen, die ihm hilft. José schließt sich einer Schmugglerbande an, für die Carmen als Kundschafterin arbeitet. Er lebt fortan wie ein Zigeuner, findet Gefallen an diesem Leben und genießt vor allem die Nähe zu Carmen, der er immer wieder seine Liebe gesteht. Auch sie versichert ihm, dass sie ihn liebe.
Dann taucht der einäugige Garcia auf – der eigentliche Anführer der Bande und zugleich Carmens Ehemann. Vor Eifersucht und Wut außer sich, wird José abermals zum Mörder und nimmt Garcias Platz ein. Jetzt aber will er das Gauner- und Schmugglerleben hinter sich lassen und mit Carmen in Amerika neu beginnen. Carmen jedoch erklärt, sie liebe ihn nicht mehr, sondern den Picador Lucas. Sie weigert sich, seinen Befehlen zu folgen, und sein Flehen lässt sie kalt: Lieber wolle sie sterben, als ihre Freiheit als Zigeunerin aufzugeben. Als alle Anstrengungen vergeblich bleiben, tötet José sie. Carmen wehrt sich nicht, denn sie glaubt, es sei ihr Schicksal. Kurz darauf stellt sich José einem Wachposten, gesteht die Tat und wird zum Tod durch den Strang verurteilt.
Stil↑
Mérimée legt die Novelle als Geschichte in der Geschichte an. Zuerst berichtet ein reisender Erzähler von seiner eigenen Begegnung mit dem Räuber; dann tritt dieser selbst als Erzähler auf und schildert in der Ich-Form sein Leben. Dieser Bericht aus dem Gefängnis ist ein Geständnis, das rückblickend auf den unausweichlichen Schluss zuläuft. Schauplatz ist das südliche Andalusien mit seiner Tabakfabrik, seinen Soldaten und Schmugglern – ein Milieu, das der Erzählung ihre besondere Färbung gibt. Schon der Titel klingt vieldeutig: Das lateinische Wort carmen bedeutet „Liedgesang", „Zauberdichtung" und „Orakelspruch" und gibt dem Namen so einen geheimnisvollen Beiklang.
Rezeption↑
Weltberühmt wurde der Stoff weniger durch die Novelle selbst als durch die Oper, die Georges Bizet daraus formte. Das Libretto schrieben 1875 Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Seither gehört Bizets Carmen zu den meistgespielten Bühnenwerken überhaupt. Auch für das Ballett wurde der Stoff mehrfach bearbeitet.
Vom frühen Stummfilm an bis in die Gegenwart wurde Carmen zudem immer wieder verfilmt. Schon 1915 entstanden mehrere Fassungen, darunter eine Parodie von Charlie Chaplin und eine Verfilmung von Cecil B. DeMille; 1918 drehte Ernst Lubitsch seine Version. Später folgten viel beachtete Bearbeitungen wie das Musical-Drama Carmen Jones von Otto Preminger (1954) sowie die Filme von Carlos Saura (1983) und Francesco Rosi (1984). So lebt Mérimées Erzählung bis heute auf der Bühne und auf der Leinwand fort.
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