Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Canzoniere
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Canzoniere
1921
– Werkseintrag –

Canzoniere

1921 · Lyrik

Ein ganzes Leben in Versen: schlichte, alltägliche Worte, die von Kindheit, Liebe und Heimat erzählen und gerade darin überdauern wollen.

Überblick↑

Der Gedichtband Il Canzoniere ist die große Gedichtsammlung des aus Triest stammenden Dichters Umberto Saba. Die erste Ausgabe erschien 1921 in sechshundert Exemplaren. Über die Jahre wuchs das Buch immer weiter, wurde mehrfach überarbeitet und neu herausgegeben. Es ist der Versuch, ein ganzes Menschenleben von der Kindheit bis ins Alter in Versen zu erzählen – schlicht im Ton, aber umfassend im Anspruch.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Angelegt ist das Werk wie eine dichterische Lebenschronik. Saba versammelt darin seine Gedichte in der Reihenfolge ihrer Entstehung, geordnet in mehreren umfangreichen Bänden mit vielen einzelnen Abteilungen. Jede dieser Abteilungen trägt einen eigenen Titel und gehört zu einem bestimmten Lebensabschnitt, von den Jugendgedichten über die Jahre beim Militär bis zu den späten Versen des alten Mannes.

Im Mittelpunkt steht ein einfacher Mensch – der Dichter selbst –, der sein eigenes Leben betrachtet. Wiederkehrende Gestalten sind seine Heimatstadt Triest, seine Frau Lina und die Erinnerung an die eigene Kindheit. Saba sucht dabei nach der ehrlichsten, alltäglichsten Sprache, um von Liebe, Familie und dem einfachen Leben zu sprechen. Wer den Band aufschlägt, folgt einem Menschen auf seiner langen Suche nach innerer Klärung.

Die Handlung im Detail↑

Von der Kindheit bis ins hohe Alter erzählt Saba in diesem Werk fast sein ganzes Leben in Versen. Er versteht die Sammlung als den Weg eines einfachen Menschen zu einer vollständigen inneren Reinigung. Der Aufbau folgt den Lebensjahren: Der erste Band reicht von den Jugendgedichten über die Versi militari, Casa e campagna und Trieste e una donna bis zu den Gedichten aus den Kriegsjahren. Der zweite Band führt die Reihe fort, unter anderem mit den Abteilungen Fanciulle und Il piccolo Berto. Der dritte Band schließt mit den späten Sammlungen, darunter Mediterranee und die Gedichte des Alters.

Das Hauptthema ist die Kindheit des Dichters. Sie ist überschattet von einem frühen Bruch: Mit drei Jahren wurde der Junge von seiner Amme getrennt, die ihn bis dahin umsorgt hatte. Die strenge, unterdrückende Erziehung der Mutter wirkt darüber hinaus wie ein seelisches Trauma. In seinen Gedichten nennt Saba die Amme darum „Mutter der Freude“ (Madre di gioia), die eigene Mutter dagegen „betrübte Mutter“ (Madre mesta). Diese beiden Bilder überträgt er später auf jede Frau, der er begegnet. Im ersten Band vergleicht er seine Frau Lina mit der Mutter, weil er ihren Charakter als ebenso dunkel empfindet. Im zweiten Band, besonders in der Abteilung Fanciulle, erhalten die Frauen dagegen die Züge der „Mutter der Freude“. In dem Gedicht A mia moglie aus Casa e campagna zeichnet er Lina im Bild sanfter Tiere des Landlebens, die jedoch ein hartes, strenges Wesen zeigen können – so wie er es der eigenen Mutter zuschreibt.

Der innere Zwiespalt lässt den Dichter nicht los. In der Abteilung Il piccolo Berto – Berto ist die Koseform von Umberto – ruft er den kindlichen Bruch, die Trennung von der Amme, noch einmal wach, nun mit Gelassenheit und einer stillen Trauer. Den Abschied begeht er ohne Groll, mit der Haltung eines Erwachsenen, der das alte Leid angenommen hat.

Ein zweites bestimmendes Thema ist die Liebe im Sinne des sinnlichen Lebenstriebs, jener unwillkürliche Antrieb, der zum Leben drängt. Besonders in Trieste e una donna wendet sich Saba den einfachen Leuten seiner Heimatstadt zu, den Armen und Bedürftigen. Gerade in dieser Gemeinschaft, so seine Überzeugung, findet der Mensch den Zugang zur Liebe. Damit stellt er sich entschieden gegen die heuchlerische bürgerliche Lebensart seiner Zeit und gegen das Vorbild Gabriele D'Annunzios, der den Dichter zum erhabenen Seher und Verkünder überhöhte.

In der Abteilung Mediterranee legt Saba im Gedicht Amai schließlich sein dichterisches Bekenntnis ab. Seine Poesie besteht aus „abgegriffenen Worten“, die aber Ehrlichkeit und die Echtheit des Daseins bedeuten – angefangen beim schlichten, vielgebrauchten Wort „Liebe“. Schon in seinem Aufsatz Quel che resta da fare ai poeti oggi hatte er diese Haltung vertreten: Die wahre Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts sei die ehrliche Dichtung aus einfachen, kargen Worten, die dennoch überdauern, so wie die Verse Alessandro Manzonis. Den prunkvollen Versen D'Annunzios wirft er dagegen vor, sie sprächen nur einen kleinen Kreis an und zeigten etwas Unechtes.

Stil↑

Der Stil Sabas wird als „anti-novecentistisch“ bezeichnet: Er greift bewusst auf die Versformen des neunzehnten Jahrhunderts und der antiken Dichtung zurück, statt der Moderne seiner Zeit zu folgen. Vorherrschend sind das Sonett, der Elfsilbler und der Siebensilbler, dazu viele Paarreime und nur wenige Kreuzreime. In diese überlieferten Formen füllt er einfache Gegenstände, die Themen seiner „ehrlichen Dichtung“.

Auch die Sprache bleibt bewusst schlicht. Schwierige Wörter meidet Saba, er verwendet die Wörter des Alltags und sucht stets den möglichst konkreten Ausdruck für einen Gedanken. So verbindet sich klassische, geschliffene Form mit einem ganz unmittelbaren, verständlichen Ton.

Rezeption↑

Über Jahrzehnte wuchs das Werk immer weiter und wurde mehrfach neu aufgelegt. Auf die erste Ausgabe von 1921 folgten überarbeitete Fassungen, unter anderem beim Verlag Einaudi. Eine posthume Ausgabe nahm auch frühere Sammlungen mit auf, und eine spätere, umfassende Einaudi-Ausgabe vereinte das Werk in drei starken Bänden samt den Gedichten der letzten Lebensjahre.

Saba selbst rechnete damit, dass die Sammlung den Lesern schwer zugänglich sein könnte. Deshalb verfasste er eine Art Leseführer und Kommentar zu seinem eigenen Buch, Storia e cronistoria del Canzoniere. Darin spricht er von sich in der dritten Person, um mit dem Leser gleichsam ins Gespräch zu treten. Dass er sein Lebenswerk auf diese Weise fortlaufend ordnete, erweiterte und erläuterte, zeigt, welchen Rang er ihm zumaß.

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