1778 – 1842
Clemens Brentano
Kurzporträt↑
Clemens Brentano (1778–1842) gilt neben Achim von Arnim als Hauptvertreter der Heidelberger Romantik. Berühmt wurde er vor allem durch die gemeinsam mit Arnim herausgegebene Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn. Bekannt machten ihn außerdem seine Märchen und eine Lyrik, die bis heute zum Kernbestand der deutschen Romantik gehört. Sein Leben verlief in mehreren Brüchen. Auf eine unstete frühromantische Phase folgten eine tiefe religiöse Krise, die Rückkehr zur katholischen Kirche und die jahrelange Niederschrift der Visionen der Nonne Anna Katharina Emmerick. Bis heute fasziniert die irritierende Vieldeutigkeit dieses Dichters. Sein Werk schwankt zwischen weltlicher Poesie und religiöser Hingabe.
Biografie↑
Clemens Wenzeslaus Brentano kam am 9. September 1778 in Ehrenbreitstein, dem heutigen Koblenz, zur Welt. Er wurde im Haus seiner Großmutter Sophie von La Roche geboren. Sein Vater Peter Anton Brentano war ein wohlhabender Frankfurter Kaufmann aus der Linie der Brentano di Tremezzo. Seine Mutter Maximiliane war eine Tochter Sophie von La Roches und wurde vom jungen Goethe verehrt. Zu seinen vielen Geschwistern gehörten unter anderem die Schriftstellerin Bettina, die spätere Frau Achim von Arnims, sowie Kunigunde, die den Rechtsgelehrten Friedrich Carl von Savigny heiratete. Brentano wurde katholisch getauft. Der häufig anzutreffende zweite Vorname Maria gehört nicht zu seinen Taufnamen. Er benutzte ihn in frühen Veröffentlichungen als Pseudonym. Auch die oft anzutreffende Schreibweise „von Brentano" beruht auf einer Verwechslung mit einem entfernt verwandten Diplomaten. Eine Nobilitierung hat es nie gegeben.
Die Kindheit verlief unter mehrfachem Wohnortwechsel zwischen Frankfurt, Koblenz, Heidelberg und Mannheim. Als Sechsjähriger kam er zu einer harten Tante nach Koblenz. Später folgten ein Heidelberger Internat und von 1791 bis 1793 ein Mannheimer Erziehungsinstitut. Eine 1795/96 begonnene kaufmännische Lehre in Langensalza scheiterte. Ab Mai 1797 studierte Brentano in Halle Bergwissenschaften. 1798 wechselte er zur Medizin an die Universität Jena und wandte sich dort immer mehr der Literatur zu. Er lernte die Vertreter der Weimarer Klassik – Wieland, Herder, Goethe – sowie die Frühromantiker Friedrich Schlegel, Fichte und Ludwig Tieck kennen. Besonders Tieck gab ihm laut der Deutschen Biographie starke Anregungen. Es entstanden die Satire Gustav Wasa gegen Kotzebue und der Roman Godwi. In diesem Roman sind mehrere seiner bekanntesten Gedichte enthalten, darunter Zu Bacharach am Rheine.
In Jena schloss Brentano Freundschaft mit Friedrich Carl von Savigny und führte ihn in die Familie ein. Um beide bildete sich ein Kreis deutscher Romantiker. Zu ihm gehörten auch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm sowie Karoline von Günderrode. Savignys Familiensitz Hof Trages im Spessart wurde häufiger Treffpunkt. 1801 schrieb Brentano sich in Göttingen als Student der Philosophie ein. Dort lernte er Achim von Arnim kennen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. 1802 unternahmen beide eine gemeinsame Rheinreise. In den folgenden Jahren wohnte Brentano bis 1811 immer wieder über längere Zeit mit Arnim zusammen.
1803 heiratete er die Schriftstellerin Sophie Mereau. 1804 zog er mit ihr nach Heidelberg. Dort gab er mit Arnim die „Zeitung für Einsiedler" sowie die Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn heraus, deren erster Band 1805 erschien. 1806 starb Sophie bei der Geburt des dritten Kindes. Auch die beiden anderen Kinder wurden nur wenige Wochen alt. Wenige Monate später heiratete Brentano die sechzehnjährige Auguste Bußmann. Diese Verbindung beschrieb Hans Magnus Enzensberger später als Prototyp der „Amour fou". Die Ehe wurde 1814 geschieden, und Brentano bereute sie. Sein „Wanderleben" führte ihn nach Kassel, wo er die Brüder Grimm kennenlernte, sowie nach Landshut und München.
Von Ende 1809 bis Mitte 1811 lebte er bei Arnim in Berlin und nahm am literarischen Leben teil. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der 1810 entstandenen Deutschen Tischgesellschaft. Deren antijudaistische, teils in Antisemitismus übergehende Tendenz unterstützte er mit seiner Schrift Der Philister vor, in und nach der Geschichte. Solche Anspielungen finden sich auch in späteren Werken, etwa in Gockel, Hinkel und Gackeleia. Seine kurze Mitarbeit an Kleists „Berliner Abendblättern" endete nach Differenzen. 1811 reiste er nach Böhmen, ab 1813 nach Wien, wo er als Bühnenautor scheiterte. Die Dramen Aloys und Imelde und Die Gründung Prags entstanden in dieser Zeit.
Nach seiner Rückkehr nach Berlin 1815 geriet Brentano in eine Lebenskrise. Über die pietistische Erweckungsbewegung fand er zurück zur katholischen Kirche. Auslöser war die Bekanntschaft mit der Pastorentochter Luise Hensel, die er Ende 1816 kennenlernte. Als sie seinen Heiratsantrag ablehnte, bemühte er sich um ihre Konversion, die 1818 erfolgte. 1817 legte er die Generalbeichte ab und inszenierte seinen Verzicht auf weltliches Dichtertum, ohne im Privaten das Schreiben aufzugeben. Aus dieser Zeit stammen die Luise Hensel gewidmete Lyrik und Teile der Italienischen Märchen.
1818 löste Brentano seinen Berliner Hausstand auf. Sechs Jahre verbrachte er im westfälischen Dülmen, um in vierzig Foliobänden die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick aufzuzeichnen. Aus diesem Material entstanden später Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi (1833), Leben der heiligen Jungfrau Maria (postum 1852), die Lehrjahre Jesu und eine Biographie der Nonne. Nach Emmericks Tod 1824 lebte er an wechselnden Orten: ab 1829 in Frankfurt, ab 1832 in Regensburg und ab 1833 in München. 1833 lernte er dort die Schweizer Malerin Emilie Linder kennen. Im Zusammenhang mit dieser späten Liebe entstand sein lyrisches Spätwerk. Im selben Jahrzehnt entstanden die Märchenromane Fanferließchen Schönefüßchen und Gockel, Hinkel und Gackeleia (1838) sowie das 102 Strophen lange Gedicht Alhambra. Am 5. Juli 1842 zog er zu seinem Bruder Christian nach Aschaffenburg. Dort starb er am 28. Juli 1842 im Alter von 63 Jahren. Sein Grab auf dem Aschaffenburger Altstadtfriedhof steht unter Denkmalschutz.
Literarische Merkmale↑
Brentanos Werk umfasst eine ungewöhnliche Vielfalt an Gattungen: Romane, Dramen, Erzählungen, Märchen, Lyrik, Singspiele und religiöse Prosa. Bereits sein erster Roman Godwi verbindet erzählende Teile mit eingestreuten Gedichten. Diese Gestaltung geht auf Tiecks Anregung zurück und dokumentiert seine frühe Nähe zur Frühromantik. Mehrere der bis heute bekanntesten Gedichte Brentanos sind in diesen Roman eingebettet, etwa Zu Bacharach am Rheine, Sprich aus der Ferne oder Ein Fischer saß im Kahne.
Mit der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn (1805 ff.), die er gemeinsam mit Arnim herausgab, prägte Brentano den Ton der Heidelberger Romantik wesentlich. Sein eigenes lyrisches Werk ist von musikalischer Form bestimmt. Besonders in den an Luise Hensel gerichteten Gedichten verbindet es frühromantische Dichtungstheorie mit religiösen und erotischen Themen. Im Spätwerk zeigt sich eine ausgeprägt artifizielle, sprachlich hoch verdichtete Form, etwa im Gedicht Alhambra oder in den Märchenromanen der 1830er Jahre.
Charakteristisch ist die enge Verschränkung des dichterischen Werks mit Brentanos persönlichen Beziehungen. Liebe, Werbung und religiöse Bekehrungsbemühungen gehen immer wieder ineinander über. Das zeigt sich an der Lyrik für Sophie Mereau, später für Luise Hensel und schließlich für Emilie Linder. Auch die religiöse Prosa nach 1817 ist nicht von der Dichtung getrennt. Brentanos Aufzeichnungen der Emmerick-Visionen sind, wie Untersuchungen im Seligsprechungsverfahren ergaben, keine reinen Gesprächsnotizen. Sie mischen Aussagen der Nonne mit eigenen Anmerkungen und schriftstellerischen Passagen.
Das Buch Die Barmherzigen Schwestern (1831) wird von der Deutschen Biographie als einer der Höhepunkte deutscher Prosa bezeichnet. Die zeitgleich entstandenen weltlichen Märchenromane Fanferließchen Schönefüßchen und Gockel, Hinkel und Gackeleia knüpfen an das Werk der Berliner Jahre 1810 bis 1818 an. Insgesamt entsteht so das Bild eines Schriftstellers, der zwischen volkstümlich-liedhafter Einfachheit, hoch artifizieller Sprachkunst und religiöser Erbauungsprosa eine außergewöhnliche Spannweite hält.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten wurde Brentano sehr unterschiedlich aufgenommen. Sein Versuch, sich in Wien als Bühnenautor zu etablieren, endete in einem eklatanten Misserfolg. Andere Werke waren dagegen außerordentlich erfolgreich. Vor allem die aus den Emmerick-Aufzeichnungen hervorgegangenen religiösen Bücher fanden weite Verbreitung. Trotz ständig umstrittener Orthodoxie kam es nie zu einer Indizierung durch die römische Indexkongregation.
Zeitgenossen empfanden Brentano oft als irritierende Erscheinung. Manche hielten ihn für einen Satanisten oder für eine „dämonische" Gestalt. Die Vieldeutigkeit seines Lebenswandels und seiner mündlichen wie unveröffentlichten schriftlichen Äußerungen ließ sich mit dem Bild des fromm gewordenen alternden Dichters schlecht vereinbaren. Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil wandten sich auffällig viele seiner ehemaligen Freunde von der Kirche ab, während andere zu deren entschiedensten Anhängern zählten.
Brentanos Wirkung über seinen Tod hinaus ist breit. Die mit Arnim herausgegebene Sammlung Des Knaben Wunderhorn wurde zu einem der einflussreichsten Bücher der deutschen Romantik. Werner von Haxthausen schenkte den Band bereits 1806 seiner Halbschwester, der Mutter der damals neunjährigen Annette von Droste-Hülshoff. Als Organisator laikaler sozialkaritativer Tätigkeit hat Brentano nach Einschätzung der Deutschen Biographie eine nicht unerhebliche Bedeutung in der Vorgeschichte des katholischen Vereinswesens. Mehrere seiner Werke erschienen erst postum, teils erst im 20. Jahrhundert, darunter die Romanzen vom Rosenkranz, die Rheinmärchen, das Drama Aloys und Imelde und die Lehrjahre Jesu in authentischer Fassung. Seine zweite Ehe mit Auguste Bußmann wurde noch im 21. Jahrhundert literarisch verarbeitet, etwa im Kinofilm Requiem für eine romantische Frau von Dagmar Knöpfel. In der Allgemeinen Deutschen Biographie ist er bereits 1876 verzeichnet, in der Neuen Deutschen Biographie 1955.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (69 weitere Titel)