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Werkseintrag · Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl
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Cover Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl
1817
– Werkseintrag –

Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl

1817 · Novelle

Eine alte Bäuerin, ein Schriftsteller in einer kühlen Frühsommernacht und ein Ritt zum Richtplatz, der zur späten Frage wird, was Ehre wirklich kostet.

Überblick↑

Die Erzählung von Clemens Brentano erschien 1817 in den Gaben der Milde, die Friedrich Wilhelm Gubitz herausgab. Dieser Band war ein Benefizband zugunsten verwundeter Soldaten der Befreiungskriege. Brentano griff dafür einen Bericht aus dem Bekanntenkreis auf: einen Kindsmord in Schlesien und den Selbstmord eines Unteroffiziers. Aus diesem Stoff formte er eine Rahmennovelle. Sie zählt seither zu den meistgedeuteten Werken der deutschen Romantik und wird immer wieder neu auf ihren Ehrbegriff und ihre gesellschaftliche Frage hin gelesen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In einer kühlen Frühsommernacht trifft ein Schriftsteller auf eine alte Bäuerin. Er erzählt zugleich die Rahmenhandlung. Die Bäuerin wartet vor dem Haus eines hohen Herrn und beginnt, dem Fremden ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Enkel Kasperl, ein Unteroffizier, dem die Ehre über alles ging, hat sich das Leben genommen. Seine Verlobte Annerl sitzt im Gefängnis. Sie soll am Morgen als Kindsmörderin hingerichtet werden.

Die Großmutter ist zugleich Annerls Patentante. Sie ist nicht gekommen, um Gnade zu erbitten, sondern um eine andere, sehr eigene Bitte vorzutragen. Der Schriftsteller ist von dem, was er hört, so erschüttert, dass er noch in der Nacht handelt. Er sucht den Herzog auf und versucht, das Schicksal des Mädchens zu wenden. Was sich daraus entwickelt, führt mitten hinein in Brentanos Fragen nach Ehre, gesellschaftlichem Zwang und der Verantwortung dessen, der schreibt.

Die Handlung im Detail↑

Die Rahmenhandlung beginnt in einer kühlen Frühsommernacht. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, begegnet einer alten Bäuerin und kommt mit ihr ins Gespräch. Sie erzählt ihm von ihrem Enkel Kasperl, einem Unteroffizier, dem die Ehre das Wichtigste im Leben gewesen sei. Kasperl hat erfahren, dass sein eigener Vater und sein Stiefbruder ihn bestehlen wollten; aus Scham über diese Schande in der eigenen Familie hat er sich am Grab seiner Mutter erschossen.

Auch von Annerl berichtet die Großmutter, der Verlobten Kasperls. Annerl sitzt im Gefängnis und wartet auf die Hinrichtung: Sie hat ihr Kind getötet und ist dafür zum Tode verurteilt. Die alte Frau will nicht um Gnade flehen. Sie ist gekommen, um den Herzog um etwas anderes zu bitten: dass Annerl und Kasperl nach der Hinrichtung ehrenvoll nebeneinander begraben werden dürfen.

Der Schriftsteller ist von der Erzählung so ergriffen, dass er beschließt, selbst beim Herzog für Annerls Begnadigung einzutreten. Sein Gnadengesuch findet tatsächlich Gehör. Zusammen mit seinem Freund, dem Grafen Grossinger, reitet er zum Richtplatz, um die Hinrichtung in letzter Minute zu verhindern.

Doch die beiden kommen zu spät. Annerl ist bereits hingerichtet. Im Anschluss gesteht Graf Grossinger, dass er der Vater von Annerls Kind war. Er nimmt sich später im Gefängnis das Leben.

Der Herzog ordnet ein ehrenvolles Begräbnis für Annerl und Kasperl an; sie sollen neben Kasperls Mutter ruhen. Bei der Beerdigung stirbt auch die Großmutter, so dass am Ende Großmutter, Tochter, Enkel und Annerl nebeneinander begraben liegen. Der Herzog heiratet Grossingers Schwester und lässt auf dem Friedhof ein Monument errichten. Auf ihm sind die falsche und die richtige Ehre, die Gnade und die Gerechtigkeit dargestellt. In diese Handlung webt Brentano seine Gedanken über den Begriff der Ehre, über gesellschaftliche Zwänge und über die Stellung der Schriftsteller in Deutschland ein.

Stil↑

Brentano wählt für seine Erzählung die Form der Rahmennovelle. Ein Ich-Erzähler, selbst Schriftsteller, hört in einer nächtlichen Begegnung die Geschichte einer alten Bäuerin und gibt sie weiter. So entstehen zwei ineinander geschachtelte Ebenen: die nüchterne Außenwelt der Stadt und die mündlich vorgetragene Lebensgeschichte aus dem Volk.

Innerhalb dieser Konstruktion verwebt Brentano mehrere Schicksale zu einem dichten Geflecht. Darin sind die Großmutter, Kasperl, Annerl und Graf Grossinger durch Schuld, Ehre und Tod miteinander verbunden. Die Erzählung verzichtet auf jede romantische Verklärung des Stoffs. Sie bleibt nah an der Sprache der alten Frau. Der Reflexion über Ehre, gesellschaftliche Zwänge und die Rolle des Schriftstellers gibt sie eigenen Raum innerhalb der Handlung.

Rezeption↑

Die Erzählung gilt als eine der am häufigsten interpretierten Novellen Brentanos und gehört zum festen Bestand der deutschen Romantik. Schon ihre Entstehung war an einen öffentlichen Anlass gebunden. Sie erschien 1817 in den Gaben der Milde als Beitrag zu einem Benefizprojekt "zum Vorteil hilfloser Krieger". Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Stoff mehrfach adaptiert. 1942 entstand ein dramatisch-musikalisches Werk unter dem Titel Die Geschichte vom schönen Annerl. 1951 folgte ein Radiohörspiel in der Regie von Klaus Stieringer.

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