1960
Geschichte meines Lebens
Überblick↑
Die Memoiren Geschichte meines Lebens schrieb Giacomo Casanova ab 1789 auf Schloss Dux in Böhmen, dem heutigen Duchcov in Tschechien. Der französische Originaltitel lautet Histoire de ma vie. Die Handschrift umfasst rund 3700 Seiten und reicht bis ins Jahr 1774. Erzählt werden die Kindheit in Venedig, die Flucht aus den Bleikammern, Reisen durch Europa und zahlreiche Liebesgeschichten. Gedruckt wurde das Werk erst nach Casanovas Tod und lange nur in stark bearbeiteten Fassungen. Den Text der Handschrift veröffentlichten die Verlage Brockhaus und Plon erstmals 1960–1962.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Casanova beginnt mit seiner Herkunft und seiner Geburt 1725 in Venedig. Er erzählt, wie er bei seiner Großmutter aufwächst, in Padua zur Schule geht und auf eine kirchliche Laufbahn vorbereitet wird. Als Tischgenosse des Senators Malipiero lernt er früh die vornehme Gesellschaft seiner Heimatstadt kennen.
Das Buch folgt ihm durch große Teile Europas, an Fürstenhöfe, in Theater und an Spieltische. Er begegnet Voltaire, Friedrich II. von Preußen und Katharina II. von Russland. Neben Herrschern und Gelehrten treten auch Menschen aus den unteren Ständen auf. Einen breiten Raum nehmen seine zahlreichen Liebesgeschichten ein. Zu den bekanntesten Episoden gehört die Flucht aus den Bleikammern, dem Staatsgefängnis unter dem Dach des Dogenpalasts.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht die Kindheit in Venedig. Casanova schildert seine Eltern, die am Theater arbeiten, und das häufige Nasenbluten, das seine älteste Erinnerung ist. Die Großmutter bringt ihn deshalb zu einer Art Zauberin auf Murano. An seinem neunten Geburtstag kommt er nach Padua in die Schule des Antonio Gozzi.
In Padua schreibt er sich an der Universität ein, in Venedig bereitet man ihn auf eine kirchliche Laufbahn vor. Bei seiner zweiten Predigt täuscht er nach eigener Darstellung eine Ohnmacht vor, weil ihm der Text entfallen ist. Eine Reise führt ihn über Korfu nach Konstantinopel, wo er Claude Alexandre de Bonneval trifft. In Parma lebt er rund drei Monate mit einer Französin, die er Henriette nennt.
Am 26. Juli 1755 wird er in Venedig verhaftet und ohne Prozess in die Bleikammern gesperrt. Am 1. November 1756 gelingt ihm die Flucht. Am 5. Januar 1757 erreicht er Paris, am Tag des Attentats auf Ludwig XV. Dort beteiligt er sich an der neuen staatlichen Lotterie und verdient gut daran. Die Marquise d'Urfé täuscht er mit Okkultismus und Zahlenmystik.
Um 1760 besucht er in der Schweiz Albrecht von Haller und Voltaire. Voltaire trägt er aus Ariosts Rasendem Roland vor. 1763 reist er nach England, wo ihn Georg III. in Audienz empfängt. Die Begegnung mit Friedrich II. bringt ihm nichts ein, und Katharina II. lehnt seinen Lotterieplan ab. 1766 duelliert er sich in Warschau mit dem Oberst Franciszek Ksawery Branicki. Beide werden verwundet, und Casanova muss die Stadt verlassen. 1768 bleibt er am spanischen Hof in Madrid ohne Erfolg, in Barcelona sitzt er sechs Wochen im Gefängnis.
Zuletzt führt ihn der Weg über Florenz nach Triest. Der Text reicht bis ins Jahr 1774 und bricht im letzten Kapitel ab. Alle anderen Kapitel hat Casanova am Ende unterzeichnet, dieses nicht. Die Rückkehr nach Venedig im September 1774 erzählt das Buch nicht mehr, obwohl der Titel in der Handschrift bis zum Jahr 1797 reicht.
Stil↑
Den Anstoß zum Schreiben gab 1789 Casanovas irischer Arzt O'Reilly. Casanova lebte seit September 1785 als Bibliothekar des Grafen Joseph Karl von Waldstein auf Schloss Dux und war niedergeschlagen. In einem Brief an J. F. Opiz schrieb er, dreizehn Arbeitsstunden am Tag vergingen ihm wie dreizehn Minuten: „J'écris treize heures par jour, qui me passent comme treize minutes.“
Eine erste Fassung war nach drei bis vier Jahren fertig. Der Fürst de Ligne wollte die Erinnerungen lesen, und ab 1794 überarbeitete Casanova den Text deshalb gründlich. Drei Vorworte entstanden, 1791, 1794 und 1797. Der letzte Titel lautet Histoire de ma vie jusqu'à l'an 1797. Die Arbeit endete mit seiner Erkrankung im Frühjahr 1798. Am 4. Juni 1798 starb er in Dux.
Als Grundlage dienten ihm kleine Notizhefte, die er „capitulaires“ nannte, dazu Briefe und Dokumente. Die Notizhefte sind nicht erhalten, vermutlich vernichtete er sie nach und nach. Für die Kapitel legte er Namenslisten an. Die Streichungen und Überschreibungen in der Handschrift zeigen die lange Arbeit am Text.
Casanova begründet die Wahl der Sprache selbst: „J'ai écrit en français, et non pas en italien parce que la langue française est plus répandue que la mienne.“ Sein Französisch enthält viele Italianismen und eigene Wortschöpfungen, dazu lateinische Zitate, die nicht immer genau sind. Reiserouten, Kosten und Kutschen hält er ebenso fest wie Speisen, Feste und Theaterabende. Das Dossier der Bibliothèque nationale de France urteilt, Casanova lüge nicht, aber er verforme, verschweige und verlege manches.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten erschien nichts von dem Werk. Casanovas Neffe Carlo Angiolini brachte die Handschrift nach Dresden. Im Januar 1821 verkaufte die Familie Angiolini sie für 200 Taler an den Leipziger Verleger Friedrich Arnold Brockhaus.
Die erste deutsche Ausgabe erschien 1822–1828 bei Brockhaus in zwölf Bänden und war stark bearbeitet. Ihr Titel lautet Aus den Memoiren des Venetianers Jacob Casanova de Seingalt. Begonnen hat sie Wilhelm von Schütz, die späteren Bände stammen von einem unbekannten Bearbeiter. Die französische Ausgabe bei Brockhaus erschien 1826–1838, ebenfalls in zwölf Bänden. Jean Laforgue schrieb den Text dafür stark um, und vier Kapitel gingen dabei verloren. Dazu kamen Raubdrucke in Paris. In der entschärften Fassung kannten das Buch auch Stendhal und Stefan Zweig.
Die Familie Brockhaus hielt die Handschrift rund 140 Jahre unter Verschluss. Beim Luftangriff auf Leipzig am 3./4. Dezember 1943 wurde das Verlagsarchiv weitgehend zerstört. Die Handschrift überstand den Brand nach Angaben des Sächsischen Staatsarchivs in einem gesonderten Keller. 1945 kam sie mit dem Verleger Hans Brockhaus nach Wiesbaden.
Erst 1960–1962 erschien bei Brockhaus in Wiesbaden und Plon in Paris die erste vollständige Ausgabe nach der Handschrift. Die vier verlorenen Kapitel sind dort aus Laforgues Fassung ergänzt. Die erste deutsche Übersetzung nach der Urfassung stammt von Heinz von Sauter und erschien 1964–1967 in zwölf Bänden bei Propyläen in Berlin. Sie trägt den Titel Geschichte meines Lebens. Von 2013 bis 2015 erschien bei Gallimard eine dreibändige Neuedition unter Leitung von Gérard Lahouati und Marie-Françoise Luna. Kostenlos lesbar ist die gemeinfreie Übersetzung von Heinrich Conrad, in der Ausgabe von 1911 unter dem Titel Erinnerungen. Sie entstand vor 1960 und folgt daher nicht der Urfassung.
Im 19. Jahrhundert wurde die Echtheit der Memoiren angezweifelt. Arthur Symons ging dem 1902 in seinem Aufsatz Casanova at Dux nach. Die Forschung hat seither viele Angaben bestätigt, abgesehen von Irrtümern bei Daten.
Am 18. Februar 2010 unterzeichnete der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand den Kaufvertrag. Seither gehört die Handschrift der Bibliothèque nationale de France, das Geld gab ein anonymer Mäzen. Die Bibliothek nannte keinen Preis, berichtet wurde von rund sieben Millionen Euro. Die Handschrift gilt als nationales Kulturgut Frankreichs („Trésor national“) und ist auf der Plattform Gallica vollständig digitalisiert.
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