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Werkseintrag · Geschichte des Fräuleins von Sternheim
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Cover Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
1771
– Werkseintrag –

Geschichte des Fräuleins von Sternheim

1771 · Roman

Dieser Briefroman von Sophie von La Roche gilt als erster deutschsprachiger Roman aus der Feder einer Frau – er erzählt, wie die junge Adelige Sophie von Sternheim nach dem Tod ihrer Eltern an einen Hof gerät, an dem man andere Pläne mit ihr hat als sie selbst.

Überblick↑

Der Briefroman Geschichte des Fräuleins von Sternheim erschien 1771 und gilt als erster deutschsprachiger Roman aus der Feder einer Frau. Herausgegeben wurde er von Christoph Martin Wieland, der Name der Verfasserin blieb zunächst ungenannt. Das Buch gehört in die Zeit der Aufklärung und verbindet moralische Belehrung mit Empfindsamkeit. Für Sophie von La Roche bedeutete es den literarischen Durchbruch.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Sophie von Sternheim, Tochter eines geadelten Obersten und einer deutschen Adligen mit englischer Mutter. Sie wächst auf dem Landgut des Vaters auf und wird nach christlichen Werten erzogen. Die Mutter stirbt früh, und mit neunzehn Jahren verliert Sophie auch den Vater. Sie muss das Gut verlassen und zieht in die Hauptstadt D. zu ihrem Onkel und zu ihrer Tante, der Gräfin Löbau.

Dort gerät die junge Frau in eine Welt, die ihrer Erziehung entgegensteht. Statt sich zu bilden, soll sie sich dem Hofleben anpassen und auf ihr Äußeres achten. Der Onkel verfolgt dabei eigene politische Absichten. Am Hof begegnet Sophie zwei Engländern aus gutem Hause: Lord Derby, den sie zunächst abstoßend findet, und Lord Seymour, zu dem sie sich hingezogen fühlt. Seine Zuneigung erwidert er zunächst, wendet sich dann aber ab, weil ihn ihr unbefangenes Wesen irritiert.

Erzählt wird vor allem in Briefen Sophies an ihre Freundin Emilia. Doch auch andere Schreiber kommen zu Wort, so dass sich dieselben Vorgänge aus mehreren Blickwinkeln zeigen. Der Roman ist in zwei Teile gegliedert und führt seine Heldin aus der höfischen Welt in Verhältnisse, die sie nicht vorhersehen konnte. Die Frage, ob Sophie ihre Grundsätze bewahren kann, treibt die Handlung von Brief zu Brief voran.

Die Handlung im Detail↑

Der erste Teil beginnt in der Vergangenheit der Eltern. Oberst Sternheim verliebt sich in Sophie, die Schwester seines Freundes Baron von P. Trotz des Standesunterschieds kommt es zur Ehe. Die Tochter Sophie wird geboren und nach christlichen Werten erzogen. Nach dem frühen Tod der Mutter liegt die Erziehung vor allem beim Vater. Als Sophie neunzehn ist, stirbt auch er. Sie verlässt das Landgut und zieht in die Hauptstadt D. zu ihrem Onkel und zur Gräfin Löbau. Dort soll sie entgegen ihrer tugendhaften Erziehung die Mätresse des Fürsten werden, weil der Onkel sich davon einen politischen Vorteil erhofft.

Am Hof lernt Sophie Lord Derby und Lord Seymour kennen. Seymours Zuneigung erlischt, als ihn Sophies naives Verhalten irritiert. Beim Landfest und beim späteren Maskenball wird sie zusammen mit dem Fürsten gesehen. Seymour schließt daraus auf ein Verhältnis zwischen beiden. Erst später durchschaut Sophie die Intrige ihrer Tante und fühlt sich getäuscht.

Lord Derby gibt sich unterdessen als tugendhafter Mann und hilft der Familie T., um die sich auch Sophie gekümmert hat. Beeindruckt von diesem Verhalten sieht sie nur einen Ausweg, dem Schicksal als Mätresse zu entgehen und ihre Tugend wiederherzustellen: Sie will Derby heiraten. Der inszeniert eine Scheinhochzeit, bei der sich sein Diener als Geistlicher verkleidet und das Paar traut. Nach wenigen Wochen verlässt Derby sie und geht nach England zurück, weil ihn ihre Schwermut langweilt und weil sich zeigt, dass sie noch Gefühle für Seymour hat. Sophie nennt sich nach dieser Enttäuschung „Madam Leidens“, unterrichtet an einer Gesindeschule bei Madam Hills Mädchen und hält ihnen die Tugend vor Augen.

In Spaa begegnet sie Lady Summers, die sie als Gesellschafterin auf ihr Gut nach England holt. Dort lernt Sophie den Nachbarn Lord Rich kennen, der sich in sie verliebt; später stellt sich heraus, dass er der Bruder Lord Seymours ist. Derby ist inzwischen mit der Nichte Lady Summers' verheiratet. Weil er Komplikationen fürchtet, lässt er Sophie vor einem Besuch mit seiner Frau entführen und in die schottischen Bleigebirge zu einer armen Bergmannsfamilie bringen. Dort nimmt sich Sophie der unehelichen Tochter Derbys an. Derby lässt ihr über seinen Diener anbieten, zu ihm nach London zu kommen. Sie lehnt ab. Daraufhin sperrt der Diener sie in einen Turm, während Derby im Glauben gelassen wird, Sophie sei tot.

Derby wird darauf todkrank. Er verrät Lord Seymour und dessen Bruder den Aufenthaltsort, damit der Leichnam geholt und standesgemäß beerdigt werden könne. Seymour stellt fest, dass der Tod nur vorgetäuscht war: Die Familie hatte Sophies Tod vorgegeben, um sie zu retten. Denn Sophie hatte sich ihrer angenommen und sich um Derbys uneheliche Tochter gekümmert. Sophie heiratet Lord Seymour, bekommt einen Sohn und führt ein tugendhaftes Leben.

Stil↑

Mehrere Mittel, die La Roche in diesem Roman verwendet, waren in der deutschen Literatur dieser Zeit neu. Sie legt die Erzählung mehrdimensional an und arbeitet mit dem Wechsel der Perspektive. So ist sie nicht darauf festgelegt, allein Sophies Sicht wiederzugeben; zugleich kommt sie ihren Figuren näher und kann sie formen. Der Perspektivenwechsel bricht die eigentlich gerade verlaufende Handlung auf.

Diese Mehrsträngigkeit nutzt La Roche auch, um ihren Figuren Intensität zu geben und sie zu verfeinern. Sie schafft eigenständige Charaktere, indem sie nicht nur den Stil, sondern auch den Ton der Briefschreiber verändert. Im Vordergrund stehen persönliche, private Regungen und Empfindungen. Was eine Figur ist und was sie antreibt, zeigt sich weniger daran, was sie sagt oder tut, sondern daran, wie sie sich ausdrückt. Diese Psychologisierung von Romanfiguren war im deutschen Roman dieser Zeit neu. La Roche setzte damit neue Maßstäbe für die deutsche Romanliteratur der Folgejahre.

Rezeption↑

Mit dem Erscheinen des Romans 1771 bei Weidmanns Erben und Reich in Leipzig wurde das Buch zu einem der großen Erfolge des Buchmarkts. Sophie von La Roche wurde mit einem Schlag zu einer bedeutenden Schriftstellerin. Noch im ersten Jahr mussten drei Auflagen gedruckt werden, fünf weitere folgten in den nächsten fünfzehn Jahren. Die Verfasserin erhielt begeisterte Zuschriften, und literarische Größen kündigten ihren Besuch an, um sie kennenzulernen. Den Philologen Eulogius Schneider brachte die Lektüre dazu, Auszüge als Beispiel eines guten Schreibstils in seine Stilistik aufzunehmen.

Wielands Vorwort nahm den möglichen Kritikern den Wind aus den Segeln, indem es ihnen schmeichelte. Die wenigen ablehnenden Stimmen trafen auf heftigen Widerspruch der begeisterten Leser. Kritische Einwände richteten sich vor allem gegen die Vorrede des Herausgebers. Bemerkenswert ist, aus wie verschiedenen Lagern die Zustimmung kam: Spätaufklärer und Stürmer und Dränger, jüngere und ältere Leser äußerten sich begeistert.

Im Kreis der Aufklärer war die Aufnahme durchweg positiv. Bei den Stürmern und Drängern steigerte sie sich bis zur Überschwänglichkeit. Johann Gottfried von Herder, Maria Karoline Flachsland, Johann Heinrich Merck und Johann Wolfgang von Goethe wetteiferten nahezu in ihren Lobeserklärungen. Besonders deutlich wird die Faszination für die geschilderten Gefühle in der Rezension der Frankfurter Gelehrten Anzeigen, die Goethe oder Merck zugeschrieben wird. Sie richtet sich gegen Kritiker aus dem aufklärerischen Lager: Sie beurteilten kein Buch, „es ist eine Menschenseele“.

Junge Leser der 1770er Jahre identifizierten sich oft mit der Titelfigur und mit deren Sehnsüchten und Idealen. In ihrer Begeisterung übersahen sie, dass Sophies Lebensanschauungen vom rationalistischen Denken kaum abweichen. Auch die wenig neue Handlung störte die meisten Leser offenbar nicht. So ebnete der als erster deutscher Frauenroman geltende Text bis weit ins 19. Jahrhundert vor allem der Trivialliteratur den Weg. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ließ die Begeisterung nach, bis der Roman fast völlig in Vergessenheit geriet.

In den 1970er Jahren fiel auf, dass Leben und Werk der La Roche bis dahin nur selten Gegenstand historischer Forschung gewesen waren. Erwähnt wurde sie fast nur im Zusammenhang mit Zeitgenossen, deren Leben sie mitgeprägt hatte. Außer der Geschichte des Fräuleins von Sternheim war ihr Werk kaum auf dem Buchmarkt erhältlich. Heute zeigt vor allem die feministisch motivierte Literaturwissenschaft Interesse an ihr. Sie hat ihr neue Aktualität verschafft. Auch die traditionelle Literaturgeschichtsschreibung beachtete sie als Verfasserin des ersten deutschen Frauenromans. Sie erwähnte sie aber hauptsächlich als Verlobte Wielands, Freundin des jungen Goethe und Großmutter von Bettina und Clemens Brentano. Neuere Forschungsbeiträge stellen dagegen ihre literarischen Entwürfe weiblicher Sozialisation in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts in den Vordergrund.

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