1730 – 1807
Sophie von La Roche
Kurzporträt↑
Als eine der ersten Frauen im deutschen Sprachraum, die vom Schreiben leben konnte, nimmt Sophie von La Roche einen besonderen Platz in der Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts ein. Geboren wurde sie 1730 in Kaufbeuren. Sie schrieb in der Zeit der Aufklärung im Stil der Empfindsamkeit und wurde mit dem Roman Geschichte des Fräuleins von Sternheim schlagartig berühmt. La Roche gab mit Pomona zudem eine der ersten deutschen Frauenzeitschriften heraus. Sie starb 1807 in Offenbach am Main.
Biografie↑
Geboren wurde Marie Sophie Gutermann von Gutershofen in Kaufbeuren als ältestes Kind des Arztes Georg Friedrich Gutermann und seiner Frau Regina Barbara, geborene Unold. Sie wuchs in einem großbürgerlichen, streng pietistischen Elternhaus auf und verbrachte ihre Kindheit in Lindau und Augsburg. Weil dem ehrgeizigen Vater ihre Bildung wichtig war, erhielt sie eine für die Zeit typische Mädchenerziehung mit Schwerpunkt auf Sprache, Kunst, Literatur, Musik und Haushaltsführung. Latein zu lernen wurde ihr trotz ihrer Bitte verwehrt.
Nach ihrer Einführung in die Gesellschaft verlobte sie sich 1747 mit dem italienischen Arzt Giovanni Ludovico Bianconi. Die Verbindung scheiterte an den unterschiedlichen Konfessionen und am Widerstand des Vaters, der die Verlobung nach dem Tod der Mutter 1748 löste. Während eines Aufenthaltes in Biberach an der Riß verlobte sie sich 1750 mit ihrem entfernten Vetter, dem Dichter Christoph Martin Wieland. Auch diese Beziehung führte nicht zur Ehe, doch die empfindsame Freundschaft mit Wieland hielt bis in ihr Alter an.
Ende 1753 heiratete sie den kurmainzischen Hofrat Georg Michael Frank von La Roche, einen natürlichen Sohn des Grafen Friedrich von Stadion. Die Familie lebte zunächst am kurfürstlichen Hof in Mainz. 1775 wurde das Ehepaar geadelt. Von den acht Kindern überlebten fünf das Kindesalter, darunter Maximiliane, die spätere Mutter von Bettina von Arnim und Clemens Brentano. Von 1761 bis 1768 war Sophie von La Roche Gesellschafterin und Hofdame bei ihrem Schwiegervater auf Schloss Warthausen bei Biberach, wo sie Wieland wiederbegegnete. Das höfische Leben ließ ihr wenig Raum für die Kinder, worunter sie litt.
Nach dem Tod des Grafen 1768 geriet ihr Mann bei dessen Nachkommen in Misskredit und musste eine untergeordnete Amtmannsstelle in Bönnigheim annehmen. In dieser bedrückenden Zeit begann sie zu schreiben. Unter Wielands Beratung entstand die Geschichte des Fräuleins von Sternheim, die sie in Bönnigheim vollendete und die 1771 erschien. 1771 wechselte ihr Mann als trierischer Geheimrat nach Koblenz. Im Stadtteil Ehrenbreitstein unterhielt sie einen literarischen Salon, den Goethe in Dichtung und Wahrheit erwähnt. Zu den Besuchern zählten Basedow, Wilhelm Heinse, die Brüder Jacobi und Lavater.
1780 wurde ihr Mann wegen seiner Kritik an Adel und Mönchswesen entlassen, womit der Kreis in Ehrenbreitstein plötzlich endete. Die Familie fand in Speyer Aufnahme und lebte fortan in bescheidenen Verhältnissen. 1786 kaufte das Ehepaar das sogenannte Grillenhäuschen in Offenbach am Main. Zwei Jahre später wurde Sophie von La Roche Witwe. Als infolge der französischen Besetzung des linken Rheinufers 1794 ihre Witwenversorgung entfiel, sah sie sich gezwungen, ihren Lebensunterhalt durch Schreiben zu sichern. Als ihre Tochter Maximiliane 1793 starb, nahm sie drei von deren Kindern bei sich auf. Sophie von La Roche starb 1807 in Offenbach am Main und wurde in Offenbach-Bürgel an der Außenmauer der St.-Pankratius-Kirche begraben.
Literarische Merkmale↑
Prägend für ihr Schreiben wurde die ausgedehnte Lektüre, mit der sie in jungen Jahren ihre Trauer und die Monotonie ihres Lebens auszugleichen suchte. Sie las vor allem Richardson, Young, Sterne, Geßner und Klopstock. Aus diesen Vorbildern entwickelte sie ihren empfindsamen Ton. Von Richardson übernahm sie die Form des Briefromans, verfeinerte sie jedoch. Ihr Erstling verband die übliche moralisch-didaktische Zielsetzung der Aufklärung mit einer in Deutschland bis dahin unbekannten, intensiven Schilderung innerer Gefühle und Empfindungen. Laut der Deutschen Biographie gehörten dazu eine enthusiasmierte Diktion und die Darstellung der bürgerlichen Problematik unter dem noch herrschenden Einfluss des höfischen Adels. Damit verhalf sie der von der offiziellen Poetik noch abgewerteten Gattung des Romans zu neuem Ansehen.
Bemerkenswert ist, dass sie ein neues Lesepublikum gewann: die Frauen aus dem gebildeten Bürgertum. Diesen literarischen Neuansatz vermochte sie allerdings nicht weiterzuentwickeln. Nach der Deutschen Biographie glitt ihr späteres, umfangreiches Werk ins Konventionelle ab, weil die gesellschaftlichen Pflichten ihres Salons sie zu sehr in Anspruch nahmen. Als Berufsschriftstellerin machte sie zudem Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack. Sie verarbeitete ihre zahlreichen Reiseerlebnisse in romanhaften Formen, wertete ihre Begegnungen mit bekannten Zeitgenossen literarisch aus und schilderte gesellschaftliche Zustände im Konversationston.
Rezeption↑
Aufsehen erregte gleich ihr erster Roman, der 1771 zunächst anonym unter dem Namen ihres Herausgebers Wieland erschien. Sulzer, Bodmer, Herder, Caroline Flachsland und Lenz waren des Lobes voll. Die Goethe oder Merck zugeschriebene Rezension in den Frankfurter gelehrten Anzeigen sah in der Sternheim nicht ein Buch, sondern eine „Menschenseele“. Der Erfolg des Werkes gilt als Grund dafür, dass sie als Deutschlands erste finanziell unabhängige Schriftstellerin angesehen wird. Laut der Deutschen Biographie löste der Roman einen doppelten Prozess aus: Er wurde Modell für die einsetzende Produktion von Trivialromanen und war zugleich Vorläufer für die Entwicklung des literarisch anspruchsvollen Romans, die drei Jahre später mit Goethes Werther kulminierte.
Goethe würdigte sie im 13. Buch von Dichtung und Wahrheit als „die wunderbarste Frau“, der er keine andere zu vergleichen wisse. Sein Urteil wandelte sich jedoch. Nach einer Begegnung 1799 in Oßmannstedt bei Wieland, wo auch Schiller und Herder zugegen waren, äußerte er sich skeptisch über ihr als exaltiert empfundenes Wesen und ihre als oberflächlich geltenden Schriften. Er zählte sie nun „zu den nivellierenden Naturen“. Ihre Familie wirkte weiter: Über ihre Tochter Maximiliane wurde sie zur Großmutter von Bettina von Arnim und Clemens Brentano, ihre Urenkelin war die Schriftstellerin Gisela von Arnim.
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