1621 – 1695
Jean de La Fontaine
Kurzporträt↑
Jean de La Fontaine (1621–1695) gilt als einer der größten Klassiker der französischen Literatur. Seine Fabeln gehören bis heute zum festen Bestand des französischen Schulunterrichts. Schon Kindern werden sie beigebracht. In seinen oft tierischen Figuren spiegelt er menschliche Schwächen, gesellschaftliche Verhältnisse und das Verhalten der Mächtigen. Voltaire bescheinigte ihm zwar weder besondere Originalität noch erhabenen Ton. Er würdigte ihn aber als einzigartig in seinen besten Stücken, die für alle Zeiten und alle Menschen geschrieben seien.
Biografie↑
Jean de La Fontaine wurde am 8. Juli 1621 in Château-Thierry geboren. Er starb am 13. April 1695 in Paris. Seine Lebensdaten und Eckorte werden sowohl von Wikidata als auch von der Deutschen Biographie übereinstimmend belegt.
Über die einzelnen Stationen seines Lebenswegs liefert das vorliegende Material wenige zusammenhängende Angaben. Bekannt ist, dass La Fontaine über lange Jahre die Gastfreundschaft einer Gönnerin genoss. Madame de la Sablière beherbergte ihn zwanzig Jahre lang. Sie prägte ein berühmtes Wort über ihn: Sie nannte ihn einen Fabulisten, der seine Fabeln so natürlich hervorbringe, wie ein Pflaumenbaum Pflaumen trage.
Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit weist Wikidata mehrere Berufsbezeichnungen für ihn aus, darunter Rechtsanwalt, Dramatiker und Librettist. Die Deutsche Biographie verzeichnet ihn knapper als Schriftsteller und Librettisten. Sein Werk reicht damit über die berühmten Fabeln hinaus in benachbarte Gattungen. Dennoch tragen die Fabeln den Ruhm, der sich bis heute erhalten hat.
Literarische Merkmale↑
La Fontaines Fabeln sind kurz, kernig, dramatisch und amüsant. Sie sind reich an spannender Handlung und lassen sich leicht und unterhaltsam lesen und auswendig vortragen. Rhythmus und flexible Versform gelten als herausragende Beispiele für den geschmackvollen Umgang mit der Umgangssprache. Gerade diese Eigenschaften gaben ihnen einen Vorzug gegenüber den lateinischen Texten, die traditionell im Lese-, Schreib- und Rhetorikunterricht verwendet wurden.
Charakteristisch ist La Fontaines Figurenwahl. In seinen Tierfabeln sind es häufig die kleinen Geschöpfe, aus deren Fehlern der Leser eine Lehre zieht. Die größeren Tiere treten kaum als gute oder bewundernswerte Figuren auf. Sie dienen als Sinnbilder der Mächtigen und Reichen. Man hört nie ihre Meinungen und macht ihre Bekanntschaft nicht wirklich. Im Gegensatz dazu sind die Kleinen – etwa der Frosch oder die Ratte – kameradschaftliche, redselige Wesen, mit denen der Leser gut auskommen kann. Sie sind keine bösen Ungeheuer und keine allegorischen Verkörperungen von Lastern, die man meiden müsste. Sie sind vielmehr Beispiele dafür, wie leicht der Unvorsichtige in eine Katastrophe geraten kann.
Voltaire urteilte kritisch. La Fontaine sei weder ein origineller noch ein erhabener Schriftsteller. Als bemerkenswerten Makel nannte er, dass La Fontaine seine eigene Sprache nicht richtig spreche. Zugleich aber hielt er ihn in seinen besten Stücken für einzigartig.
Rezeption↑
La Fontaine gilt den Franzosen als einer ihrer größten Klassiker. Einige seiner Fabeln sind noch heute jedem französischen Schulkind bekannt. Ihre Wirkung im Bildungswesen reicht damit ungebrochen über mehr als drei Jahrhunderte.
Voltaire prophezeite seinen Stücken, sie würden der Nachwelt erhalten bleiben, weil sie für alle Menschen und alle Zeiten geeignet seien. Diese Einschätzung hat sich bestätigt. Die Fabeln waren so erfolgreich, dass sie traditionelle lateinische Schultexte als Lehrmaterial verdrängen konnten. Sie trugen, wie Voltaire betonte, sogar zur Ausbildung respektabler Persönlichkeiten bei.
Das berühmte Wort seiner Gönnerin Madame de la Sablière – er trage Fabeln so natürlich wie ein Pflaumenbaum Pflaumen – ist selbst Teil der Rezeptionsgeschichte geworden. Es kennzeichnet den Ruf, den La Fontaine bis heute genießt: den einer scheinbar mühelosen, der Natur abgelauschten Kunst.
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