1634 – 1693
Marie-Madeleine de La Fayette
Kurzbiografie↑
Marie-Madeleine Pioche de La Vergne, comtesse de La Fayette, zählt zu den frühen Erzählerinnen der französischen Literatur. Sie wurde 1634 in Paris geboren und starb 1693 ebenda. Bekannt wurde sie unter dem Namen Madame de Lafayette vor allem durch ihren Roman Die Prinzessin von Clèves, der als erster historischer Roman Frankreichs und als einer der ersten Romane der europäischen Literaturgeschichte gilt. In ihren Erzählungen kehrt ein Thema immer wieder: die große, aber unglückliche Liebe einer Frau, die in einer Vernunftehe gebunden ist.
Biografie↑
Als älteste von drei Töchtern wuchs Marie-Madeleine in Paris auf. Ihr Vater, Marc Pioche de La Vergne, stammte aus einer Familie des Amtsadels, war hochgebildet und hatte als technischer Offizier eine militärische Laufbahn eingeschlagen. Über eine Anstellung als Erzieher gelangte er in die Nähe von Kardinal Richelieu. 1633 heiratete er die deutlich jüngere Isabelle Péna, aus dieser Ehe ging Marie-Madeleine hervor. 1635 baute der Vater ein eigenes Haus für die Familie, das seine Tochter nahezu ihr ganzes Leben lang bewohnte.
Durch die Verbindungen des Vaters lernte das Mädchen früh zahlreiche Pariser Gelehrte kennen. Sie erhielt Zutritt zu schöngeistigen Salons, etwa dem der Marquise de Rambouillet und später dem der Romanautorin Madeleine de Scudéry. Dort fiel ihr wacher Verstand auf. Sie begegnete auch dem zwanzig Jahre älteren Literaten Gilles Ménage, der sie verehrte und ihre Kenntnisse in Latein, Italienisch und Literatur erweiterte.
1649 starb ihr Vater. Ihre noch junge Mutter heiratete bald darauf einen Chevalier de Sévigné. Über diese Verbindung entstand eine lebenslange, wenn auch nie ganz rivalitätsfreie Freundschaft mit Marie de Rabutin-Chantal, der späteren Madame de Sévigné. Marie-Madeleine avancierte zur Ehrenjungfer der Königin und trat gelegentlich am Hof auf. Ihr Stiefvater aber machte das elterliche Haus zu einem Treffpunkt der Fronde, der Opposition gegen den Kardinal-Minister Mazarin. Nach der Niederlage der Fronde 1652 wurde er ins Anjou verbannt. Für die Achtzehnjährige bedeutete das einen schweren Rückschlag, denn als Stieftochter eines Verbannten hatte sie kaum noch Aussicht auf eine gute Heirat.
1655 heiratete sie den achtzehn Jahre älteren, verwitweten und hoch verschuldeten Motier de La Fayette. Die Verbindung hob sie in den Grafenstand, doch die nötige Mitgift ließ sich nur aufbringen, indem ihre Mutter die beiden jüngeren Schwestern für den Klostereintritt bestimmte. Zunächst folgte Madame de La Fayette ihrem Mann auf seine Güter in der Provinz. Nach einer Fehlgeburt kehrte sie nach Paris zurück und brachte dort 1658 einen Sohn zur Welt, 1659 folgte ein zweiter. Fortan lebte sie überwiegend in Paris, im geerbten elterlichen Haus. Während ihr Mann die Güter bewirtschaftete, übernahm sie den juristischen Kampf gegen dessen Gläubiger, den sie mit wachsender Sachkenntnis führte – ab 1658/59 selbst vor Ort in Paris.
Nahezu nebenbei begann ihr schriftstellerisches Werk. 1659 verfasste sie ein literarisches Porträt der Madame de Sévigné für einen Sammelband. 1661 schrieb sie die historische Novelle La Princesse de Montpensier, die sie 1662 anonym erscheinen ließ, denn das Schreiben galt ihr als unter der Würde einer Gräfin. Aus etwa derselben Zeit stammt eine zweite Novelle, La Comtesse de Tende, die erst 1724 nach ihrem Tod gedruckt wurde. Beide Texte behandeln die problematische außereheliche Liebe einer Frau in einer Vernunftehe.
Ab 1661 hatte sie als Ehrendame Henriettes d'Angleterre, der Schwägerin des Königs, Zutritt zum Hof. Zugleich verkehrte sie in Kreisen der streng-religiösen Jansenisten. Dort lernte sie 1662 den Herzog und Literaten François de La Rochefoucauld kennen, der zu ihrem engsten Freund wurde. 1668 griff sie erneut zur Feder und schrieb, zusammen mit Jean Regnault de Segrais, den historischen Roman Zayde, der im Spanien des 9. Jahrhunderts spielt und 1670/71 unter dem Namen Segrais' erschien. Bemerkenswert wurde das Werk auch durch das Vorwort Pierre Daniel Huets, den Traité de l'origine des romans, der als eine der ersten Theorien des Romans gilt. Eine im Auftrag Henriettes begonnene Histoire de Madame blieb unvollendet, da Henriette 1670 mit 26 Jahren starb; sie erschien erst 1720 als Histoire d'Henriette d'Angleterre.
1678 erschien ihr wichtigstes Werk, der schon 1672 begonnene, eher kurze historische Roman Die Prinzessin von Clèves. Die Handlung spielt um 1560 am Hof Heinrichs II. und erzählt von der großen Liebe der in einer Vernunftehe verheirateten Prinzessin zu einem anderen Mann. Sie erhört ihn aus Sittenstrenge nicht und heiratet ihn auch nach ihrer Verwitwung nicht, um ihren gefundenen Seelenfrieden zu bewahren. Der Roman war sofort ein großer Erfolg und löste heftige Debatten aus, vor allem darüber, ob eine Frau ihrem Ehemann eine Liebschaft beichten solle.
In ihren späten Jahren pflegte Madame de La Fayette eine Korrespondenz mit Maria Johanna von Savoyen, der Regentin in Turin. Dabei vertrat sie nicht nur private Belange der Herzogin, sondern auch außenpolitische Interessen Frankreichs. Der Tod La Rochefoucaulds 1680 traf sie tief. Durch mehrere Erbschaften – darunter die ihres 1683 gestorbenen Mannes – wurde sie wohlhabend und führte ein offenes Haus. Ihr letztes Werk waren die nur fragmentarisch erhaltenen, 1720 postum gedruckten Mémoires de la cour de France pour les années 1688 et 1689, in denen sie das Hofleben von Versailles schildert und politische wie militärische Fragen scharf analysiert. Um 1690 musste sie ihre diplomatische Mission als gescheitert ansehen, da der junge Herzog von Savoyen einem Bündnis gegen Frankreich beitrat. Sie starb 1693 im Alter von 59 Jahren in Paris.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für ihr Erzählen ist die genaue, einfühlsame Darstellung des Seelenlebens. In Die Prinzessin von Clèves zeigt sich ein psychologisch feiner Blick auf die inneren Kämpfe der Heldin, verbunden mit einer über weite Strecken spannenden Handlung. Immer wieder verlegt sie ihre Geschichten in eine historische Vergangenheit und verknüpft sie mit dem Motiv der unglücklichen Liebe innerhalb einer Vernunftehe. Deutlich prägt die strenge, jansenistische Haltung ihre Werke: Der Schluss der Prinzessin von Clèves stellt das Seelenheil über das irdische Glück, ein Gedanke, den moderne Leser kaum mehr teilen.
Rezeption↑
Schon bei ihrem Erscheinen 1678 war Die Prinzessin von Clèves ein großer Erfolg. Der Roman entfachte eine lebhafte Debatte darüber, ob eine Frau gut daran tue, ihrem Ehemann eine Liebschaft zu gestehen. Bis heute gilt der Text als einer der besten französischen Romane seiner Epoche. In der Literaturgeschichte hat er einen festen Platz als erster historischer Roman Frankreichs und als einer der ersten Romane der europäischen Literatur. Auch der zusammen mit Segrais verfasste Zayde wirkte nach, nicht zuletzt durch das ihm vorangestellte Vorwort Huets, das als eine der ersten Theorien des Romans gilt.
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