1678
Die Prinzessin von Clèves
Überblick↑
Der Roman Die Prinzessin von Clèves erschien 1678 anonym in Paris und stammt von Marie-Madeleine de La Fayette. Weil er ohne Verfassernamen herauskam, vermutete man zunächst andere Autoren hinter dem Werk, etwa den mit der Autorin eng befreundeten La Rochefoucauld, der eine Urheberschaft jedoch entschieden bestritt, oder ihren zeitweiligen Sekretär Jean de Segrais. Das Buch gilt als frühes Beispiel eines psychologischen Romans: Es erzählt keine märchenhaften Abenteuer mehr, sondern richtet den Blick auf die feinen Regungen des menschlichen Herzens. Zugleich zeichnet es ein genaues Bild einer bestimmten Gesellschaft, nämlich des französischen Hofes im 16. Jahrhundert.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Vor dem prunkvollen Hintergrund des französischen Hofes gegen Ende der Regierungszeit Heinrichs II. beginnt die Geschichte einer jungen Frau, die zwischen Pflicht und Gefühl gerät. Die erst sechzehnjährige Mademoiselle de Chartres kommt mit ihrer verwitweten, sittenstrengen Mutter aus der Provinz nach Paris, um am Hof eingeführt und verheiratet zu werden. Schön und reich, gilt sie rasch als hervorragende Partie. Nach einigem Hin und Her bei der Suche nach dem passenden Mann heiratet sie den Prinzen von Clèves, der sie aufrichtig liebt.
Doch die junge Frau erwidert seine Gefühle nicht; sie schätzt ihn und bleibt ihm treu, mehr aber empfindet sie nicht. Das ändert sich, als sie auf einem Ball dem Herzog von Nemours begegnet. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick. Von nun an ringt die Prinzessin mit ihren Gefühlen: Sie will ihrem Mann die Treue halten, doch ihre Gedanken kreisen nur noch um den anderen. In Gesellschaft verbergen die beiden Verliebten ihre Empfindungen, die sie einander nur an winzigen Zeichen ablesen. Der Roman erzählt, wie die junge Frau versucht, dieser gefährlichen Leidenschaft zu entkommen.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman spielt vor 1560 am französischen Hof gegen Ende der Regierungszeit Heinrichs II. Er beginnt mit einer ausführlichen Vorstellung des Hofes und der Damen und Herren, die ihn bevölkern. Auch die langwierige Suche nach einem Ehepartner für die Heldin wird breit geschildert – für das adelige und großbürgerliche Publikum der Autorin war dies vertraute und hochinteressante Wirklichkeit.
Die Handlung setzt ein, als die sechzehnjährige Mademoiselle de Chartres mit ihrer jung verwitweten, hochadeligen und strengen Mutter aus der Provinz nach Paris kommt, um am Hof eingeführt und verheiratet zu werden. Schon der erste Mann, dem sie begegnet – in einem Juweliergeschäft –, verliebt sich in sie: der Prinz von Clèves, der noch nicht weiß, wer das schöne Mädchen ist. Nach ihrer Einführung am Hof finden sich rasch Freier, denn sie zählt zu den besten Partien Frankreichs. Doch manche Bewerber werden von der Mutter abgelehnt, andere von ihren eigenen Familien zurückgehalten. Die aussichtsreichste Verbindung mit einem jungen Verwandten des Königs wird von diesem persönlich auf Wunsch seiner Mätresse verhindert. Clèves, der als jüngerer Sohn keine glänzende Partie ist und sich schon geschlagen gab, nutzt die Lage und gesteht dem Mädchen seine Liebe. Die Mutter rät zur Ehe: Der junge Mann kommt von Rang und Vermögen in Frage und wirkt trotz seiner Jugend ehrenhaft und charakterfest. Dass die Tochter ihn nur sympathisch findet, beunruhigt sie nicht.
Die Ehe wird geschlossen. Bald muss der junge Mann schmerzlich erkennen, dass seine Frau seine Gefühle nicht teilt, sondern nur ihre ehelichen Pflichten erfüllt. Dass sie ihm keinen Anlass zur Eifersucht gibt und den Ruf völliger Unnahbarkeit erwirbt, tröstet ihn kaum. Auf einem Ball tanzt die Prinzessin mit dem Herzog von Nemours, der von einer Reise zurückgekehrt ist. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick, die sich bei weiteren Begegnungen vertieft, ohne dass sie es sich eingestehen. Nemours, bis dahin ein galanter Herzensbrecher, ist wie verwandelt: Er sucht keine Abenteuer mehr und wirkt schwermütig. Sogar eine vom König gewünschte, aussichtsreiche Bewerbung um die Hand der englischen Königin lässt er im Sande verlaufen. Die Prinzessin, zum ersten Mal verliebt, gerät in einen Strudel widerstreitender Gefühle. Sie will ihrem Mann treu bleiben, doch ihre Gedanken kreisen nur noch um Nemours. In Gesellschaft verbergen beide ihre Empfindungen, die sie einander an kaum sichtbaren Zeichen ablesen.
Um allen Versuchungen zu entgehen, zieht sich die Prinzessin auf ein Landschloss der Familie zurück und fleht Clèves an, sie dort bleiben zu lassen, was er wegen seiner Verpflichtungen ablehnt. In einem Ausbruch der Verzweiflung gesteht sie ihm, dass sie einen anderen Mann liebt, nennt aber dessen Namen nicht. Der Verdacht des Prinzen fällt sofort auf Nemours, zumal ihm zugetragen wurde, dass dieser sich zwei Tage auf einem Nachbargut aufgehalten hatte. Nemours, der in der Dunkelheit im Park umherstrich, belauscht das Gespräch unfreiwillig und weiß sich nun geliebt. Vor Freude erzählt er einem Freund von dem außergewöhnlichen Geständnis. Der berichtet es seiner Geliebten, und die Geschichte verbreitet sich in Windeseile am Hof.
Der Prinz von Clèves, der seine Frau über alles liebt, konnte mit ihrer Kälte leben; ihre Liebe zu einem anderen aber bricht ihm das Herz. Er verfällt in Schwermut, erkrankt und stirbt kurz darauf. Obwohl die Witwe nun frei wäre, den Herzog zu heiraten, zieht sie sich vom Hof zurück und bricht jeden Kontakt mit ihm ab. In einem letzten Gespräch begründet sie ihren Entschluss: Es gebe keinen Mann, dessen Liebe in der Ehe nicht erkalte und der sich dann nicht anderen Frauen zuwende; auch für sich selbst könne sie ein solches Verhalten nicht ausschließen. Einem Geliebten könne man Vorwürfe machen, doch was solle man einem Ehemann vorwerfen, dessen einzige Schuld darin bestehe, keine Liebe mehr zu empfinden? „Monsieur de Clèves war vielleicht der einzige Mann auf Erden, der seine Liebe auch in der Ehe bewahrt hat.“
Stil↑
Bemerkenswert an dem Roman ist die Genauigkeit, mit der er das Innenleben seiner Figuren zeigt. Statt äußerer Abenteuer schildert er die feinen, oft widersprüchlichen Regungen des Herzens: das Zögern, das Verbergen, den Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft. Die Gefühle der Liebenden äußern sich nicht in großen Gesten, sondern in winzigen Zeichen, die nur die Beteiligten selbst zu deuten wissen.
Zugleich entwirft das Werk ein umfassendes Bild einer bestimmten Gesellschaft. Der ausführliche Beginn stellt den Hof und seine vielen Angehörigen vor und verknüpft die persönliche Geschichte der Heldin eng mit den Regeln, Rücksichten und Intrigen ihrer Umgebung. So verbindet der Roman die genaue Beobachtung eines einzelnen Herzens mit dem Panorama einer ganzen höfischen Welt.
Rezeption↑
Von Anfang an war das Buch in Frankreich ein großer Publikumserfolg; die erste Auflage war kurz nach dem Erscheinen vergriffen. In den literarischen Salons wurde es lebhaft besprochen. Neben der Frage nach dem unbekannten Verfasser stand vor allem das als schockierend empfundene Geständnis der Heldin an ihren Ehemann im Mittelpunkt. Das vielgelesene Magazin Mercure Galant widmete dem Roman sogar eine Leserumfrage. Anstoß nahmen die Leser am ungewöhnlichen Geständnis und am anschließenden Verzicht der Prinzessin.
Um 1681/1682 schuf der englische Autor Nathaniel Lee eine Bühnenfassung, die unter dem Titel The Princess of Cleve in London herauskam. In dieser Bearbeitung, geprägt von einem satirischen Blick auf Liebe, Heirat und die Heuchelei der Gesellschaft, steht Nemours im Mittelpunkt. Nachhaltig wirkte das Werk auf die französische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Es gilt als frühes Beispiel eines psychologischen Romans, der das Augenmerk auf die feinen Regungen des Herzens richtet, statt in einem märchenhaften Milieu zu spielen. Nach dem Vorbild folgte, wie Niklas Luhmann es nannte, ein „Schweif von Entsagungsromanen“, wirksam bis zu Manon Lescaut des Abbé Prévost und den Gefährlichen Liebschaften des Choderlos de Laclos. Stendhal schätzte die „göttliche Prinzessin von Clèves“ hoch. Auch Raymond Radiguet zählte das Werk zu seinen Lieblingsromanen und nahm in seinem Roman Der Ball des Comte d’Orgel das Hauptmotiv wieder auf.
Bis in die Gegenwart blieb der Roman ein Bezugspunkt. Fragen zur literarischen Allgemeinbildung gehören in Frankreich zum festen Bestand der Einstellungsprüfungen für den öffentlichen Dienst. Der spätere Staatspräsident Nicolas Sarkozy kritisierte diese Praxis im Präsidentschaftswahlkampf im Februar 2007 als weltfremd und nannte gerade dieses Buch als Beispiel. Zwei Jahre später wurde der Roman zum Symbol des Protests gegen Sarkozys vermeintliche Geringschätzung der Geisteswissenschaften: Aus Protest lasen Lehrer und Studenten das Werk am 16. Februar 2009 sechs Stunden lang in einer szenischen Aufführung vor dem Panthéon vor.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →