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Werkseintrag · Die Physiker
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Die Physiker
1962
– Werkseintrag –

Die Physiker

1962 · Komödie

Drei Physiker verstecken sich in der Irrenanstalt, einer hütet eine Formel, die die Welt vernichten könnte – und genau hier nimmt Dürrenmatts Komödie die denkbar bösartigste Wendung.

Überblick↑

Das Drama Die Physiker stammt von dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Der Untertitel lautet „Eine Komödie in zwei Akten“. Das Stück entstand 1961. Uraufgeführt wurde es am 21. Februar 1962 unter der Regie von Kurt Horwitz im Schauspielhaus Zürich. 1980 überarbeitete Dürrenmatt den Text geringfügig für die Werkausgabe.

Im Mittelpunkt stehen drei Physiker. Sie leben als Patienten in einer privaten psychiatrischen Klinik. Einer von ihnen hat eine bahnbrechende Entdeckung gemacht. Diese Entdeckung birgt das Potenzial zur Vernichtung der Welt in sich. Damit stellt das Stück die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaftlern für ihre Erkenntnisse. Dürrenmatt verknüpft diese Thematik mit seiner Dramentheorie. Nach dieser Theorie ist eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Zum Auslöser dieser Wendung wird der Zufall. Das Werk wird daher auch als Tragikomödie oder Groteske eingeordnet. Es zählt zu den größten deutschsprachigen Theatererfolgen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Drei Physiker leben als Patienten in einer privaten psychiatrischen Klinik und geben sich als geisteskrank aus. Der erste behauptet, Albert Einstein zu sein. Der zweite hält sich für Isaac Newton. Der dritte, Johann Wilhelm Möbius, hat die sogenannte Weltformel entdeckt. In den falschen Händen könnte diese Erkenntnis zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen.

Möbius gibt vor, ihm erscheine König Salomo. Mit dieser Behauptung will er sich selbst unglaubwürdig machen und so dem Missbrauch seiner Entdeckung vorbeugen. Newton und Einstein verfolgen jedoch ganz andere Ziele. Sie sind in Wahrheit Agenten rivalisierender Geheimdienste. Sie haben sich nur ins Irrenhaus einweisen lassen, um an Möbius' Erkenntnisse zu gelangen.

Dürrenmatt teilt das Stück in zwei Akte. Der zweite Akt bildet eine Umkehrung des ersten. Dieselben Situationen kehren wieder, doch die wahren Umstände treten allmählich zutage. So bereitet der Autor jene „schlimmstmögliche Wendung“ vor, auf die die Komödie zusteuert.

Die Handlung im Detail↑

Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Physiker, die sich als Geisteskranke ausgeben. Der erste behauptet, Albert Einstein zu sein, der zweite hält sich angeblich für Isaac Newton. Der dritte, Johann Wilhelm Möbius, hat die sogenannte Weltformel entdeckt, die in den falschen Händen zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen könnte. Mit seiner Behauptung, ihm erscheine König Salomo, will er sich selbst unglaubwürdig machen und so dem Missbrauch seiner revolutionären Entdeckung vorbeugen. Newton und Einstein hingegen sind in Wahrheit Agenten rivalisierender Geheimdienste und haben sich nur ins Irrenhaus einweisen lassen, um an Möbius' Erkenntnisse zu gelangen und diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Die drei Physiker ermorden ihre Krankenschwestern, weil sie um ihre Geheimnisse fürchten. Als die Polizei zur Ermittlung der Todesfälle eintrifft, vernichtet Möbius seine Formel. Es gelingt ihm, auch seine beiden Kollegen davon zu überzeugen, ihr gefährliches Wissen zu verschweigen, damit die Welt vor dem Untergang bewahrt werde.

Doch der Pakt der Physiker kommt zu spät. Mathilde von Zahnd, die missgestaltete Besitzerin und Chefärztin des Irrenhauses, hat bereits Möbius' sämtliche Aufzeichnungen kopiert. Als die einzig wirklich Verrückte glaubt sie tatsächlich, im Auftrag König Salomos zu handeln, und will mit der Formel die Weltherrschaft erringen. Die Physiker aber, durch die von ihr eingefädelten Morde öffentlich als Verrückte gebrandmarkt, bleiben im Irrenhaus eingesperrt. Sie haben keine Möglichkeit mehr, von Zahnds Pläne zu verhindern.

Der zweite Akt ist als Umkehrung des ersten angelegt. Die Anfangsszenen beider Akte weisen zahlreiche Parallelen auf: Die Situation der erdrosselten Krankenschwester ist dieselbe, das Leitmotiv des Rauchens und Trinkens kehrt wieder, und auch dieselben Handlungen treten auf, etwa das Fotografieren des Tatbestandes. Die Umkehrung zeigt sich in der veränderten Zeichnung der Figuren. Der Inspektor, der zu Beginn keine Wertvorstellungen besaß, hat diese Werte nun auswendig gelernt, verkörpert sie aber nicht. Er entzieht sich der Verantwortung, die der Staat für den Patienten Möbius hat, indem er dessen Schicksal Doktor von Zahnd überlässt. Auch von Zahnd erscheint verkehrt gezeichnet: An die Stelle der Menschenfreundin, als die sie sich im ersten Akt beschrieb, tritt ihr wahres Ich. So leitet der Akt auf ihren Enthüllungsmonolog hin, der die „schlimmstmögliche Wendung“ auslöst. Verschiedene Repräsentanten – Frau Rose für das Bildungsbürgertum, Missionar Rose für die Kirche, der Inspektor für den Staat – entziehen sich der Verantwortung und machen so den Weg in die Katastrophe frei.

Stil↑

Dürrenmatt baut das Stück streng symmetrisch auf. Der zweite Akt kehrt den ersten um. Dieselben Szenen, dasselbe Leitmotiv des Rauchens und Trinkens, dieselben Handlungen kehren wieder, doch ihre Bedeutung verschiebt sich. Dadurch ruft der Autor den Zuschauer zur kritischen Reflexion auf, vor allem über den ersten Akt. Zugleich bereitet er die Katastrophe vor.

Kennzeichnend ist die Paradoxie, mit der das Werk arbeitet. Die Ärztin ist in Wahrheit die einzig Verrückte, während die als geisteskrank geltenden Patienten klar denken. Diese Verkehrung wird ironisch herausgestellt und unterstreicht die Groteske des Geschehens. Im Sinne von Dürrenmatts Dramentheorie ist eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Zum Auslöser dieser Wendung wird der Zufall. So verbindet sich die Form der Komödie mit einem tragischen Ausgang. Deshalb gilt das Werk auch als Tragikomödie oder Groteske.

Rezeption↑

Schon die Uraufführung wurde zum „Theatererfolg der Saison“. Unter der Regie von Kurt Horwitz spielten Hans Christian Blech den Möbius, Gustav Knuth den Newton und Theo Lingen den Einstein. Therese Giehse stellte die Mathilde von Zahnd dar. Der Andrang des Premierenpublikums war so groß, dass die Uraufführung am Schauspielhaus Zürich an drei Abenden gegeben wurde, beginnend mit der Premiere am 21. Februar 1962. In manchen Publikationen wird auch der 20. Februar 1962 genannt.

Die Kritik reagierte überwiegend bewundernd. Irma Voser sprach von einem „erstaunlichen Werk“ und nannte Dürrenmatts Kunst „nicht nur virtuos“, sondern „einzigartig“. Ivan Nagel sah eine „Bestätigung von Dürrenmatts extravaganter Kraft und Originalität“. Doch es gab auch Einwände. Joachim Kaiser bezweifelte die langfristige Bedeutung des Stücks. Friedrich Luft richtete seine Kritik vor allem gegen die tragische Wendung des zweiten Aktes. Dürrenmatt „verfällt dem Klischee“, indem er „plötzlich direkt moralisiert“, sodass der „Spaß von der Bühne weicht“.

Vom Streit der Kritik unbeeindruckt, wurde das Werk zu einem außerordentlichen Bühnenerfolg. Nach der deutschen Erstaufführung in München am 22. September 1962 zählte es in der Spielzeit 1962/63 mit 1598 Aufführungen zu den meistgespielten Stücken an deutschsprachigen Bühnen. Auch in den Spielzeiten 1982/83 und 1983/84 zählte es zu den meistgespielten Stücken an Theatern der Bundesrepublik. Im Ausland setzte sich der Erfolg fort. In London hatte die Übersetzung in einer Inszenierung von Peter Brook am Aldwych Theatre der Royal Shakespeare Company am 9. Januar 1963 Premiere. Am New Yorker Broadway folgte das Stück am 13. Oktober 1964. 1973 inszenierte Dürrenmatt sein Werk selbst für ein Schweizer Tournee-Theater. Das Publikum feierte die Aufführung mit Ovationen.

In der Literaturwissenschaft wurde das Stück oft mit Bertolt Brechts Leben des Galilei verglichen. Manfred Durzak deutete es als „Zurücknahme von Brechts Galilei“. An die Stelle der Zukunftshoffnung trete bei Dürrenmatt völlige Hoffnungslosigkeit. Franz Norbert Mennemeier sah darin „das Ende einer Epoche“, in dem der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts abdanke. Neben Der Besuch der alten Dame und Der Meteor gehört das Werk noch Jahrzehnte nach seiner Entstehung zu den am häufigsten aufgeführten Stücken Dürrenmatts.

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