1722
Die Pest zu London
Überblick↑
Der fiktive Dokumentarbericht Die Pest zu London von Daniel Defoe erschien 1722. Er schildert die Ereignisse während der Großen Pest von London im Jahr 1665. Defoe lässt einen Augenzeugen erzählen, der die Stadt während der Seuche durchwandert und das Geschehen festhält. Das Werk zählt zu den bedeutenden Pest- und Seuchen-Erzählungen der Weltliteratur. Ins Deutsche übertragen wurde es unter anderem von Heinrich Steinitzer, Rudolf Schaller und Werner Barzel; diese Übersetzungen erschienen 1925, 1956 und 1961.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein Mann, der sich nur mit den Initialen H. F. zu erkennen gibt. Er ist Sattler und wohnt außerhalb der eigentlichen City, im östlichen Gebiet um Aldgate und Whitechapel. Als sich die Pest ankündigt, rät ihm sein Bruder, die Stadt zu verlassen. Doch der Erzähler entschließt sich, aus religiösen Gründen zu bleiben. Er schränkt seine Kontakte ein, kann aber seine Neugier nicht zügeln und verlässt immer wieder sein Haus, um das Leben der Menschen zu beobachten.
So entsteht ein dichtes Bild der Stadt im Ausnahmezustand: die ersten Anzeichen der Seuche, die zunächst nicht ernst genommen werden, die wachsende Angst nach der Erscheinung eines Kometen, die überstürzte Flucht der wohlhabenden Bürger aufs Land und auf die Schiffe der Themse. Der Erzähler berichtet von den Maßnahmen der Behörden, von Quarantäne, gesperrten Straßen und Massengräbern, und davon, wie unterschiedlich die Menschen mit der Gefahr umgehen.
Defoe verknüpft den nüchternen Bericht mit eingestreuten Erzählungen einzelner Schicksale. Eine längere Geschichte folgt etwa drei Männern, die zu Fuß aus der Stadt nach Norden fliehen. Wer das Buch liest, taucht in eine Stadt ein, in der Vorsicht und Leichtsinn, Mitgefühl und Selbsterhaltungstrieb dicht beieinanderliegen.
Die Handlung im Detail↑
Der Erzähler mit den Initialen H. F. ist ein unverheirateter Sattler mit Handelsverbindungen in die Kolonialgebiete und wohnt im östlichen London. Als die Pestgefahr näher rückt, drängt ihn sein Bruder, mit dessen Familie die Stadt zu verlassen. Mehrere Zeichen deuten H. F. jedoch darauf hin, dass Gott ihm seinen Platz zugewiesen habe. Er bleibt mit einer Haushälterin, einem Dienstmädchen und zwei Dienern in seinem Haus. Für einige Zeit übernimmt er das Amt eines Visitators oder Gesundheitsinspektors und gewinnt dadurch Einblick in die Wohnverhältnisse und die Gemütslage der Menschen. Sein Bericht stützt sich auf eigene Erfahrungen, auf Erzählungen anderer Bürger und auf die Statistiken der Pfarrbezirke und umfasst die Zeit von September 1664 bis zum Abflauen der Epidemie im Winter 1665/1666.
Die 1660er Jahre sind politisch unruhig. 1660 wird nach Bürgerkrieg und republikanischer Phase die Monarchie unter Karl II. wiederhergestellt, doch die Spannungen zwischen anglikanischer und presbyterianischer Kirche und den Katholiken halten an. In dieser Stimmung der Unsicherheit löst die Erscheinung eines Kometen im Jahr vor der Epidemie Weissagungen vom Weltuntergang und allgemeine Angst aus. Die Kirchen rufen zu Buße und Gebet auf, religiöse Eiferer geben der Sündhaftigkeit der Menschen die Schuld, Quacksalber bieten Arzneien an. Viele ignorieren die Gefahr anfangs. Der Erzähler vermutet, dass schon vor den ersten gemeldeten Fällen viele an der Pest starben, man die Fälle aber aus Angst vor sozialer Isolierung verschwieg und als Todesursache etwa Fleckfieber angab.
Die Epidemie breitet sich von den westlichen Pfarreien wie St Giles und den nördlichen Vororten zur City und in die östlichen Bezirke aus. Sie erfasst nie die ganze Stadt gleichzeitig: Während die Pest in der City ihren Höhepunkt erreicht, normalisiert sich das Leben im Westen bereits wieder. Überall wiederholt sich derselbe Ablauf aus ersten unterschätzten Anzeichen, schubweisem Anwachsen der Fälle bis zum Zusammenbruch der Überwachung und schließlich Rückgang und Normalisierung.
Die Behörden ergreifen rasch Maßnahmen: Meldepflicht und ärztliche Untersuchung bei den ersten Symptomen, vierzig Tage Quarantäne für die Bewohner betroffener Häuser, Bereitstellung von Pflegerinnen, Versorgung mit Nahrung und Medikamenten sowie Bewachung der Häuser. Bei wachsender Ausdehnung lassen der Lordmayor und das Ratskollegium ganze Straßenabschnitte sperren und verbieten Vergnügungen in Gasthäusern und Tanzlokalen. Kranke werden in Pesthäuser gebracht. Auf den Märkten meidet man Berührungen, die Kunden bedienen sich selbst und legen die Münzen in mit Essig gefüllte Schalen. Wohnungen werden mit Harz und Schwefel ausgeräuchert, Hunde und Katzen getötet, Ratten und Ungeziefer gejagt. Durch das Eingeschlossensein stecken sich oft nacheinander alle Bewohner an, dazu Pflegerinnen und Wundärzte. Da bald keine Särge mehr reichen, werden die Toten in Tücher gehüllt und mit Totenkarren zu Massengräbern gebracht.
Die wohlhabenden Bürger fliehen mit ihren Familien und dem Dienstpersonal auf ihre Landsitze. Seeleute holen ihre Familien auf die Schiffe, die in langen Reihen auf der Themse ankern und von Fährleuten versorgt werden. Der Erzähler begegnet einem Fährmann, der getrennt von seiner pestkranken Frau lebt und seine Familie durch die Versorgung der Flussschiffe ernährt. Viele versuchen, der Quarantäne zu entgehen und sich im Umland niederzulassen, stoßen dort aber auf gesperrte Ortschaften. Gesunde Flüchtlinge werden zu Unrecht abgewiesen, zugleich haben die Bewohner berechtigte Angst, weil viele Umherziehende ihre Herkunft aus Pestgebieten verschweigen. Stets bleibt unsicher, ob die Reisenden die Wahrheit sagen oder ob sie überhaupt wissen, dass sie bereits infiziert sind. Der Erzähler sieht darin den Selbsterhaltungstrieb beider Seiten, den er versteht, aus christlicher Überzeugung aber bedauert.
Eine längere, etwa vierzig Seiten umfassende Erzählung handelt von drei Männern: dem Bäcker John, seinem Bruder, dem Segelmacher Tom, und dem Schreiner Richard. Auf dem Höhepunkt der Epidemie verlassen sie die Stadt nach Norden, besorgen sich Gesundheitsbescheinigungen und Reisedokumente, die ihre Herkunft verschleiern, und wandern mit einer anderen Gruppe durch Essex. Sie treffen auf Straßensperren vor Dörfern und Städten, verhandeln mit den Soldaten, werden von den Bewohnern abgewiesen und können sich kaum versorgen. Schließlich dürfen sie auf dem Land eines Gutsbesitzers Hütten bauen und werden von ihm versorgt.
Die wirtschaftlichen Folgen sind schwer. Geschäftsleute und Handwerker schließen ihre Betriebe und entlassen Arbeiter und Bedienstete. Es kommt zu Versorgungsengpässen sowie zu Einbrüchen und Diebstählen in den Häusern der Geflohenen. Die Stadtverwaltung versucht, die Not durch Nahrungsmittelverteilung und Beschäftigungsangebote zu lindern. Viele Arme nehmen trotz großer Ansteckungsgefahr Stellen als Pflegerinnen, Wächter, Kontrolleure und Dienstmänner an. Spenden reicher Adliger und Bürger stützen die Wohlfahrtskasse. Die Folgen treffen aber auch viele Häfen, weil englische Schiffe weltweit nicht mehr anlegen dürfen und ausländische Schiffe London meiden.
Die Quarantänemaßnahmen bewertet der Erzähler zwiespältig. Einerseits sind sie die einzige Möglichkeit, Ansteckungen zu verringern. Andererseits führen sie zu Verzweiflungstaten, denn das Einschließen schützt zwar die Gesunden draußen, ist aber für die Eingeschlossenen eine Qual, bei der sich meist alle nacheinander anstecken. Aus Verzweiflung fliehen viele aus den Häusern und suchen, ohne zu warnen, Unterschlupf bei Bekannten, wodurch die Krankheit unkontrolliert weitergegeben wird. Der Erzähler erlebt Kranke, die aus ihren Häusern ausbrechen, von den Wächtern aus Angst vor Berührung nicht aufgehalten werden und durch die Stadt irren, bis sie zusammenbrechen; ihm werden auch Fälle von Suizid und aggressiven Angriffen berichtet. Auf dem Höhepunkt bricht das gesamte Überwachungs- und Meldesystem zusammen: Infizierte Häuser können nicht mehr ermittelt, Leichen nicht mehr abgeholt werden, bis Nachbarn durch den Verwesungsgeruch aufmerksam werden.
Im Herbst und Winter 1665 gehen die Totenzahlen zurück, die Krankheit verläuft milder, viele Infizierte überleben. Die Familienväter kehren in die Stadt zurück und eröffnen ihre Geschäfte wieder, das gesellschaftliche Leben erholt sich. Mit der Rückkehr der alten Gewohnheiten geht jedoch ein gefährlicher Leichtsinn einher: Obwohl die Ansteckungsgefahr noch nicht überwunden ist, halten sich die Menschen nicht mehr an Abstand und Quarantäne, und viele, die sich schon gerettet glaubten, sterben dennoch. Da man außerhalb der Stadt von einer Normalisierung hört, gehen die Spenden zurück, obwohl es weiter an Nahrung für die Armen mangelt. Nach einem kalten Winter gilt die Epidemie gegen Februar 1666 als überwunden, und langsam kommt das wirtschaftliche Leben wieder in Gang. Die nicht betroffenen Überlebenden verdrängen und vergessen die Leidenszeit. Die provisorischen Friedhöfe, die während des Höhepunkts angelegt werden mussten, werden später wieder überbaut, obwohl man bei Fundamentarbeiten auf halbverweste Leichen stößt – ein Vorgehen, das der Erzähler als menschenunwürdig kritisiert. In mehreren Passagen reflektiert er den Umgang mit der Seuche und tadelt vor allem die Sorglosigkeit vieler Menschen, die sich für nicht betroffen halten, sich nicht an die Vorschriften halten und keine Vorräte anlegen.
Stil↑
Sein besonderes Gepräge erhält das Werk durch die Mischung verschiedener Textsorten. Defoe verbindet einen Bericht über den Verlauf der Epidemie, der bis hinunter zu einzelnen Vierteln, Straßen und Häusern genau wird, mit der Beschreibung der behördlichen Verordnungen und der Fachdiskussionen über ihre Wirksamkeit. Hinzu kommen Erlebniserzählungen des Verfassers und anderer Personen, Erörterungen über die Glaubwürdigkeit von Berichten und Anekdoten, Tabellen mit Opferzahlen, Kommentare zum Verhalten der Menschen sowie abschließende Vorschläge zum Umgang mit künftigen Epidemien. Durch diese Kombination erzielt Defoe den Eindruck von Authentizität.
Der Text ist fortlaufend ohne Kapitelunterteilung geschrieben und im Wesentlichen chronologisch aufgebaut, durchsetzt mit häufigen Exkursen und Wiederholungen. Der Übersetzer Steinitzer bemerkte eine „ungemeine Flüchtigkeit bei der Abfassung des Werkes“, die sich in zahlreichen Widersprüchen und oft wörtlichen Wiederholungen zeige, und schloss daraus, dass Defoe sich mit gründlichen Quellenstudien sicherlich nicht abgegeben habe.
Rezeption↑
Lange wurde Defoes Buch als Sachbuch gelesen. Erst nachdem man in den 1780er Jahren bedachte, wie alt der Autor zur Zeit der Epidemie gewesen war, rückte sein fiktiver Charakter in den Blick. Seither wird nach der literaturwissenschaftlichen Einordnung gefragt: Sind es echte Aufzeichnungen des Berichterstatters H. F., die Defoe nur herausgab, oder ist diese Herausgeberschaft selbst erfunden, oder hat der Autor in einen recherchierten historischen Rahmen erfundene, augenzeugenhaft wirkende Erzählungen eingebaut? Die meisten Kritiker halten das Werk inzwischen für eine Verbindung von Geschichte und Fiktion, also für einen historischen Roman mit sorgfältig erarbeiteter Tatsachenbasis.
Steinitzer führte die hohe Wertschätzung des Buches auf Defoes besondere Arbeitsweise zurück. Er besaß demnach in höchstem Maße die Gabe einer „Wirklichkeitsphantasie“, also die Fähigkeit, ganz in einer erdachten Umwelt aufzugehen, als müsse er tatsächlich in ihr leben. Zugleich hielt der Journalist in ihm die Phantasie an vertrauten Verhältnissen fest und bewahrte ihn davor, ins Uferlose zu schweifen; das verleihe seinen phantasievollen Werken den Anschein einer fast grausamen Nüchternheit. Steinitzer und viele Rezensenten schlossen sich dem Urteil Walter Scotts an, dass Defoe, hätte er auch Robinson nicht geschrieben, für sein Pesttagebuch die Unsterblichkeit verdient hätte. Die realistische Darstellung eines fiktiven Geschehens, erzählt und im Sinne puritanischer Selbstkontrolle reflektiert aus der Perspektive eines tätigen Helden, gilt als seine große Stärke.
Durch die COVID-19-Pandemie 2020/2021 erhielt das Buch neue Aktualität. Ein Vergleich zwischen dem von Defoe geschilderten Verhalten und der Gegenwart wurde in einem Aufsatz der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Economic Inquiry“ sowie in einem Kommentar der britischen Tageszeitung „The Guardian“ diskutiert.
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