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Werkseintrag · Roxana
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Roxana
1724
– Werkseintrag –

Roxana

1724 · Roman

Eine verlassene Ehefrau steigt aus bitterer Armut zu Reichtum und Ansehen auf – und zahlt für jeden Schritt mit ihrem Gewissen.

Überblick

Der Roman Roxana von Daniel Defoe erschien 1724 unter dem englischen Originaltitel The Fortunate Mistress. Erzählt wird der Aufstieg und Fall einer Frau, die von ihrem Mann verlassen wird, sich zunächst durch Prostitution über Wasser hält, später zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau aufsteigt und unter wechselnden Namen – darunter dem der Lady Roxana – zu enormem Reichtum gelangt. Der vollständige Originaltitel kündigt das Lebensbild bereits an: die „glückliche Mätresse" und ihr wechselvolles Schicksal. Auf der zweiten englischen Ausgabe beruhend kam 1736 die erste deutsche Übersetzung heraus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Eine namenlose Ich-Erzählerin, die später als Lady Roxana bekannt wird, blickt auf ihr Leben zurück. Als Kind protestantischer Eltern flieht sie aus Frankreich. Mit fünfzehn Jahren wird sie verheiratet, doch die Ehe endet im Unglück: Ihr Mann verschwindet und lässt sie mittellos mit fünf Kindern zurück. Aus dieser Not heraus beginnt ein Weg, der sie durch immer neue Verhältnisse, Länder und Identitäten führt.

Auf der Suche nach Sicherheit und Wohlstand wird sie zur Geliebten wohlhabender Männer – eines Juwelenhändlers, eines deutschen Prinzen im Exil, eines holländischen Kaufmanns. Dabei verwandelt sie sich allmählich von einer abhängigen Frau in eine selbstständige Geschäftsfrau, die ihr Vermögen klug verwaltet und sich nicht erneut in eine Ehe zwingen lassen will. An ihrer Seite steht über all die Jahre ihre treue Dienerin Amy. Der Roman begleitet diese Frau auf ihrem Aufstieg zu Reichtum und Ansehen und stellt dabei immer wieder die Frage nach Schuld, Gewissen und dem Preis des Erfolgs.

Die Handlung im Detail

Im Vorfeld des Edikts von Fontainebleau fliehen 1683 die protestantischen Eltern der damals zehnjährigen Ich-Erzählerin aus Frankreich. Mit einer Mitgift von 2000 Pfund heiratet sie als Fünfzehnjährige den Sohn eines Brauers. Ihr Vater ist mit dieser Wahl so unzufrieden, dass er ihr Erbe treuhänderisch dem älteren Bruder übergibt. Dieser stürzt sich in waghalsige Geschäfte, macht Bankrott und verliert nicht nur sein eigenes Vermögen, sondern auch das ihre. Der Brauers-Sohn führt das Geschäft erfolglos weiter, verkauft es schließlich und lebt über seine Verhältnisse. Nach wenigen Jahren ist alles Geld verbraucht, und er setzt sich ab. Die Erzählerin bleibt nach acht Ehejahren mit fünf Kindern in bitterer Armut zurück.

Ihre Dienerin Amy bringt sie auf den Gedanken, sich der Sorgepflicht zu entziehen und die Kinder als Sozialwaisen in staatliche Obhut geben zu lassen. Das eigene Elend, so gesteht sie, habe ihre Gefühle gegen das eigene Fleisch und Blut verhärtet. Kaum hat sie die Kinder fortgegeben, wendet sich ihr Schicksal: Ihr Vermieter, ein Juwelenhändler, der von seiner Frau getrennt lebt, gesteht ihr seine Liebe. Er sichert das Verhältnis vertraglich ab – mit einer Schuldanerkenntnis von 7000 Pfund im Fall der Trennung und einer Erbschaft von 500 Pfund für den Fall seines Todes. Aus Angst, wieder ins Elend zu sinken, gibt sie nach. Sie beschreibt dies als moralischen Dammbruch: Das Gewissen habe aufgehört, sich zu melden, als es merkte, dass es nicht gehört wurde.

Mit ihrem Einverständnis geht der Juwelenhändler zugleich ein Verhältnis mit Amy ein und wird durch beide Frauen Vater. Die Kinder werden anderweitig untergebracht. Der Juwelenhändler reist mit der Erzählerin nach Paris, Amy bleibt als Hausverwalterin in England. Auf einer Fahrt nach Versailles, wo er einem deutschen Prinzen seine Aufwartung machen will, fällt der Juwelenhändler einem Raubmord zum Opfer. In seiner Wohnung hinterlässt er Juwelen sowie Bargeld und Wechsel im Wert von fast 10000 Pfund. Die Erzählerin lässt durch Amy alle Wertsachen beiseiteschaffen, ehe Verwandte oder die Freunde der Ehefrau Ansprüche stellen können. Das Gerücht, der Ermordete habe die für den Prinzen bestimmten Juwelen bei sich getragen, stellt sie nicht richtig. Der Prinz bedauert die Tat, beteuert seine Unschuld und gewährt ihr eine Entschädigung von 100 Louis d'or sowie eine jährliche Pension von 2000 Livres.

So entsteht der Kontakt zum Prinzen, der sie zu seiner Geliebten macht, während sein Kammerdiener Amys Liebhaber wird. Geschickt lenkt sie den Prinzen, ohne habgierig zu erscheinen. Nach anderthalb Jahren wird sie von ihm schwanger und bringt das Kind in einem Dorf bei Paris zur Welt, wo es einer Amme übergeben wird. Der Prinz nimmt sie auf eine geheime diplomatische Mission nach Italien mit. Während des zweijährigen Aufenthalts kauft er ihr eine türkische Sklavin, von der sie die türkische Sprache, Kleidung, Tänze und Lieder lernt und ein orientalisches Gewand erhält. Ein drittes Kind folgt. Nach über acht Jahren als Mätresse endet das Verhältnis: Die sterbende Ehefrau des Prinzen nimmt ihm das Versprechen ab, seiner nächsten Frau die Treue zu wahren. Von Reue ergriffen, zieht sich der Prinz melancholisch auf seine lothringischen Güter zurück und teilt ihr mit, er könne sie nicht mehr wiedersehen. Zuvor stellt er sie finanziell noch besser.

Nun frei und vermögend, muss sie einen Teil ihres Besitzes erst zu Geld machen – darunter die Juwelen aus dem einstigen Raubmord. Sie wendet sich an einen holländischen Kaufmann, der die Steine über einen holländischen Juden verkaufen soll. Doch der Jude erkennt die Edelsteine wieder und will die Erzählerin als mutmaßliche Mitschuldige der Obrigkeit ausliefern. Der Kaufmann stellt sich zum Schein auf dessen Seite, hilft ihr in Wahrheit aber, ihr Vermögen nach Rotterdam in Sicherheit zu bringen. Dieses bedrohliche Ereignis markiert ihren Eintritt in die Geschäftswelt und ihre Verwandlung von einer „Lady of Pleasure" in eine Geschäftsfrau.

Die Überfahrt nach Rotterdam wird durch einen Sturm im Ärmelkanal unterbrochen, das Schiff rettet sich nach Harwich. Sie schickt Amy nach London und reist allein weiter. In Rotterdam führt sie ihre Geschäfte mit großen Summen so erfahren wie nur eine Kaufmannsfrau. Über Amy erfährt sie, dass ihr erster Mann, der Brauers-Sohn, in einer Rauferei getötet worden ist. Erneut zu heiraten, lehnt sie ab: Eine Gattin werde mit Gleichgültigkeit behandelt, eine Geliebte mit Liebe; als Ehefrau müsse sie alles, was sie besitze, ihrem Mann aushändigen und seinem Befehl unterstehen. Auch der holländische Kaufmann verliert um diese Zeit seine Frau, kommt nach Holland und macht ihr den Hof. Es kommt zum Verhältnis, und er bietet ihr die Ehe an. Sie deutet das Angebot als Versuch, an ihr Geld zu gelangen. Selbst als er eine vertragliche Gütertrennung vorschlägt, weicht sie aus und entwirft im Gespräch eine eigenwillige Vorstellung von weiblicher Freiheit: Eine Frau könne sich, wenn sie wolle, ebenso einen Geliebten halten wie ein Mann eine Geliebte. Der traditionell denkende Kaufmann ist bestürzt und kündigt seine Rückreise nach Paris an, zumal sie ihm gesteht, von ihm schwanger zu sein. Sie erklärt, sich zur Niederkunft in London niederlassen zu wollen.

Mit einem Amsterdamer Bankkonto von 21000 Louis d'or, „reich, schön, anziehend und noch nicht alt", lässt sie sich als vermeintlich französische Dame in London nieder und bringt das uneheliche Kind heimlich außerhalb der Stadt zur Welt. Unter immer neuen Identitäten steigt sie weiter auf, bis ihr glänzendes Leben am Ende zerbricht: Nach einem mutmaßlichen Mord verliert sie den mühsam errungenen Reichtum wieder.

Stil

Erzählt wird der Roman durchgehend in der Ich-Form, als rückblickende Lebensbeichte der Hauptfigur. Diese Form einer fingierten Autobiografie lässt das Geschehen unmittelbar und persönlich erscheinen, denn die Erzählerin berichtet von ihren Taten, ihren Berechnungen und ihren Rechtfertigungen zugleich. Auffällig ist die genaue, fast buchhalterische Aufmerksamkeit für Geld: Mitgiften, Pensionen, Schuldanerkenntnisse und Vermögenssummen werden bis auf den Betrag genannt und prägen den ganzen Lebensweg.

Immer wieder unterbricht die Erzählerin ihren Bericht durch moralische Betrachtungen über Gewissen und Schuld. Sie beschreibt, wie das Gewissen verstummt, sobald man wiederholt gegen es handelt, und wie tief der Mensch sich in die Sünde verstricken kann. So verbindet der Roman die nüchterne Schilderung eines geschäftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs mit der Sprache der Reue und Selbstanklage. Diese Spannung zwischen Erfolg und schlechtem Gewissen durchzieht den gesamten Text.

Rezeption

Bekannt geworden ist das Werk unter dem Namen seiner Hauptfigur, Lady Roxana. Der vollständige Originaltitel ist weit ausführlicher und verspricht die Geschichte vom Leben und den vielfältigen Schicksalen einer Frau, die unter wechselnden Namen durch Europa zieht. Der Roman erschien 1724. Auf der zweiten englischen Ausgabe beruhend kam 1736 die erste deutsche Übersetzung heraus, die das Werk auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich machte. Bis heute gehört die Figur der Roxana zu den eindrücklichen weiblichen Gestalten in Defoes erzählendem Werk.

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