1719
Robinson Crusoe
Überblick↑
Mit Robinson Crusoe schuf Daniel Defoe im Jahr 1719 einen der einflussreichsten Romane der Weltliteratur. Erzählt wird das Leben eines englischen Seemanns. Nach einem Schiffbruch verbringt er rund 28 Jahre allein auf einer Insel vor der Küste Südamerikas. Das Buch war schon bei seinem Erscheinen ein großer Erfolg. Auf die Erstausgabe vom 25. April 1719 folgten im selben Jahr noch drei weitere Auflagen. Defoe legte rasch eine Fortsetzung sowie einen reflektierenden Nachfolgeband nach. Das Motiv des einsam auf eine Insel Verschlagenen prägte eine ganze literarische Gattung. Sie heißt seither Robinsonade.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Robinson Crusoe wird 1632 in York geboren. Sein Vater ist ein aus Bremen eingewanderter Kaufmann, dessen ursprünglicher Name Kreutznaer lautet. Der Vater wünscht ihm ein bürgerliches Leben im Mittelstand. Gegen dessen eindringlichen Rat zieht es den jungen Robinson jedoch auf die See. Schon auf einer der ersten Fahrten wird er vor der nordafrikanischen Küste von Piraten überfallen und in Sklaverei verschleppt. Nach abenteuerlicher Flucht gelangt er nach Brasilien. Dort erwirbt er eine Zuckerplantage und kommt zu Wohlstand.
Mit dem Erreichten ist er nicht zufrieden und sticht erneut in See. Ein schwerer Sturm in der Karibik führt zum Schiffbruch, den nur Robinson überlebt. Er strandet an einer unbewohnten Insel im Mündungsgebiet des Orinoco. Aus eigener Kraft muss er sich dort eine neue Existenz aufbauen. Er birgt Werkzeuge aus dem Wrack, errichtet eine kleine Festung und baut Getreide an. Er jagt und fertigt sich Kleidung aus den Fellen verwilderter Ziegen. Eine Bibel, die er retten konnte, wird ihm zur täglichen Lektüre. Sein zuvor nie ernsthafter Glaube an Gott erstarkt.
Eines Tages entdeckt Robinson am Strand einen menschlichen Fußabdruck, der nicht von ihm stammt. Die Insel ist offenbar nicht so verlassen, wie er glaubte. Gelegentlich wird sie von Kannibalen aufgesucht. Damit beginnt für Robinson ein neuer Abschnitt voller Angst, Beobachtung und Entscheidungen. Diese werden seine Einsamkeit grundlegend verändern.
Die Handlung im Detail↑
Robinson Crusoe, geboren 1632 in York als Sohn eines aus Bremen ausgewanderten Kaufmanns mit dem ursprünglichen Namen Kreutznaer, ist Ich-Erzähler seiner eigenen Geschichte. Sein Vater warnt ihn nachdrücklich davor, die bürgerliche Lebensform zu verlassen und zur See zu gehen, doch Robinson schlägt diesen Rat in den Wind. Schon eine seiner ersten Fahrten endet in einer Katastrophe: Vor der Küste Nordafrikas überfallen Piraten sein Schiff und versklaven ihn. Zwei Jahre verbringt er in Gefangenschaft in der marokkanischen Hafenstadt Salé. Schließlich gelingt ihm mit dem ebenfalls versklavten Jungen Xury die Flucht; die beiden segeln die afrikanische Atlantikküste entlang nach Süden, bis sie von einem portugiesischen Kapitän aufgenommen werden. Dieser bringt sie nach Brasilien. Robinson verkauft Xury an den Kapitän, lässt sich aber schriftlich zusichern, dass der Junge nach zehn Dienstjahren freigelassen wird, sofern er zum Christentum übertritt.
In Brasilien wird Robinson durch Handel rasch wohlhabend, erwirbt eine Zuckerplantage und bewirtschaftet sie. Um Sklaven aus Guinea zu beschaffen, sticht er erneut in See. In der Karibik gerät das Schiff in einen Sturm, und Robinson überlebt als einziger den Schiffbruch. Er strandet an einer Insel im Mündungsgebiet des Orinoco. In den folgenden Tagen rettet er mit einem selbstgebauten Floß zahlreiche Ausrüstungsgegenstände vom Wrack, ehe ein weiterer Sturm es endgültig versinken lässt.
Robinson beginnt, sich auf der Insel einzurichten. Er errichtet eine kleine Festung, rüstet sie mit Musketen aus dem Wrack aus, baut Gerste an, jagt und fertigt sich Kleidung aus den Fellen verwilderter Ziegen. Etwa am zwölften Tag stellt er ein großes Kreuz auf und ritzt das Datum seiner Ankunft, den 30. September 1659, ein; fortan markiert er jeden Tag mit einer Kerbe. So lange die Tinte reicht, führt er außerdem ein Tagebuch. Eine schwere Erkrankung stürzt ihn in Fieberträume: Ein Mann erscheint ihm, der von einer schwarzen Wolke auf einer großen Flamme herabsteigt und ihm vorhält, dass sein bisheriges Leben ihn nicht zur Reue gebracht habe. Robinson genest, wendet sich ernsthaft dem Glauben zu und liest fortan täglich in der vom Schiff geretteten Bibel. Er errichtet abseits seiner Festung eine Laube, sichtet bei einer Expedition zum Westende der Insel in der Ferne ein anderes Land und beginnt, gefangene Ziegen zu züchten.
Eines Tages stößt Robinson im Sand auf einen Fußabdruck, der größer ist als sein eigener. Zwei Jahre später findet er am Strand die Überreste eines Kannibalengelages: Die Insel wird bisweilen von Kannibalen vom Festland aufgesucht. Wenig später träumt er, ein Opfer dieser Männer entkomme und laufe zu ihm. Anderthalb Jahre danach geschieht genau das. Robinson und der Flüchtende töten gemeinsam die beiden Verfolger. Den Geretteten nennt Robinson Freitag – nach dem Wochentag der Begegnung. Freitag wird sein Freund und Diener; Robinson bringt ihm Englisch und die europäische Lebensweise bei und führt ihn an die christliche Lehre heran.
Gemeinsam befreien die beiden später einen schiffbrüchigen Spanier und einen weiteren Indigenen aus den Händen der Kannibalen, die erneut ein Festmahl auf der Insel feiern wollen. Der Indigene erweist sich als Freitags Vater. Der Spanier berichtet, dass weitere mit ihm gestrandete Spanier auf Freitags Heimatinsel ein elendes Dasein fristen. Man beschließt, dass Freitags Vater und der Spanier zurücksegeln, um die übrigen Europäer auf Robinsons Insel zu holen.
Während die beiden noch unterwegs sind, ankert ein englisches Schiff vor der Insel. An Bord hat es eine Meuterei gegeben: Die Mannschaft will den Kapitän mit zwei Getreuen auf der vermeintlich unbewohnten Insel aussetzen. Robinson, der Kapitän und seine Männer schaffen es, das Schiff mit einer Mischung aus List und Gewalt zurückzuerobern. Die Rädelsführer der Meuterei bleiben nun an Robinsons Stelle auf der Insel. Robinson selbst sticht am 19. Dezember 1686 in See und trifft am 11. Juni 1687 nach 35 Jahren Abwesenheit in England ein.
Von dort reist er mit Freitag nach Lissabon, wo er den alten portugiesischen Kapitän wiedersieht. Dieser legt ihm Rechenschaft über die brasilianischen Pflanzungen ab: Robinson ist durch sie zu einem wohlhabenden Mann geworden. Für den Rückweg nach England wählen er und Freitag den Landweg und bestehen dabei Abenteuer mit Wölfen und einem Bären. In England verkauft Robinson seine Plantagen, legt das Vermögen an und heiratet. Nach dem Tod seiner Frau kehrt er noch einmal zu seiner Insel zurück. Die Spanier und die zurückgebliebenen Meuterer haben sich nach heftigen Anfangskämpfen geeinigt, weil die Insel inzwischen von Kannibalen angegriffen wurde. Eine friedliche Kolonie ist entstanden, der Robinson auf späteren Besuchen sogar Neuansiedler zuführt.
Stil↑
Defoe lässt seinen Helden in der Ich-Form berichten. So gibt er der Erzählung den Charakter eines authentischen Lebenszeugnisses. Schon der ausladende Originaltitel soll den Eindruck eines echten Selbstberichts erwecken. Er kündigt auf der Titelseite Schauplatz, Dauer und Rettung des Schiffbrüchigen detailliert an und schließt mit dem Vermerk „Written by Himself“.
Der Roman lebt von der nüchternen, sachlichen Schilderung praktischer Tätigkeiten: Bergen der Schiffsfracht, Bau der Festung, Anlegen von Feldern, Jagen, Töpfern, Ziegenzucht. Robinsons Tagebucheinträge, die Kerben am Kreuz und die exakten Datumsangaben verstärken diesen Eindruck dokumentarischer Genauigkeit. Die existentielle Notlage wird vor allem durch Arbeit bewältigt. Robinson erforscht und probiert wie ein neugeborenes Individuum sämtliche handwerklichen Verrichtungen selbst aus. Neben dem äußeren Geschehen läuft eine innere Geschichte. Krankheit, Traumvisionen und tägliche Bibellektüre verwandeln den zuvor unfrommen Seemann in einen gläubigen Menschen, der sein Leben als göttliche Fügung deutet.
Rezeption↑
Der Roman Robinson Crusoe wurde schon zum Erscheinungsjahr 1719 zu einem außerordentlichen Publikumserfolg. Auf die Erstauflage vom 25. April folgten im selben Jahr drei weitere Auflagen. Defoe schloss daran bereits am 20. August 1719 die Fortsetzung The Farther Adventures of Robinson Crusoe an. Am 6. August 1720 brachte er unter dem inzwischen etablierten „Markennamen“ einen weiteren Band mit dem Titel Serious Reflections during the Life and Surprising Adventures of Robinson Crusoe, with his Vision of the Angelick World heraus.
Die Wirkung des Romans reicht weit über das 18. Jahrhundert hinaus. Das Motiv des einsam auf einer Insel Eingeschlossenen wurde so prägend, dass sich nach Defoes Helden eine eigene literarische Gattung benannt hat: die Robinsonade. Schon 1779 erschien mit Joachim Heinrich Campes Robinson der Jüngere eine deutsche Bearbeitung für junge Leser. Im 19. Jahrhundert folgten weitere Kinder- und Jugendfassungen, darunter The Children’s Robinson Crusoe (1830) und Robinson Crusoe for Boys and Girls (1894). Um 1894 illustrierte der Brite Walter Paget (1863–1935) eine Ausgabe des Romans.
Mit der Erfindung des Kinos zog Robinson Crusoe rasch in das neue Medium ein. Georges Méliès drehte 1902 einen frühen Kurzfilm. Weitere Verfilmungen folgten 1913 unter der Regie von Otis Turner und 1947 durch Alexander Andrijewski. Besondere Aufmerksamkeit erhielt Luis Buñuels Verfilmung von 1954. Byron Haskin verlegte den Stoff 1964 unter dem Titel Notlandung im Weltraum ins All. Jack Gold brachte 1975 Freitag und Robinson heraus. Caleb Deschanel folgte 1988 mit Crusoe, George Trumbull Miller 1997 mit einer weiteren Verfilmung. Hinzu kommen Hörspielfassungen, etwa eine Bearbeitung von Konrad Halver aus dem Jahr 1971, eine französische Comicserie von 2007 und ein Animationsfilm von Ben Stassen aus dem Jahr 2016. Die lange Reihe der Bearbeitungen zeigt, wie tief der Stoff in die populäre Kultur eingewachsen ist.
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