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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Romances sans paroles
1874
– Werkseintrag –

Romances sans paroles

1874 · Lyrik

Vergessene Liedchen, belgische Reisebilder und Londoner Aquarelle: in diesem schmalen Band von 1874 findet Paul Verlaine den Ton, der ihn für die Symbolisten zum Meister machte.

Überblick

Mit den Romances sans paroles legte Paul Verlaine 1874 einen schmalen Gedichtband vor. Er gilt heute als Höhepunkt seiner künstlerischen Reife. Die Verse entstanden zwischen 1872 und 1873, während Verlaine mit Arthur Rimbaud durch Belgien und England zog. Der Band gilt als melancholisches Gegenstück zu Rimbauds Une saison en enfer. In den knappen, liedhaften Stücken bündelt Verlaine, was später als sein Markenzeichen wahrgenommen wurde: die Musikalität des Verses, das Verschwommene, die feinen Zwischentöne, den Spleen. Die Symbolisten beriefen sich auf diesen Band und nahmen Verlaine als Meister für sich in Anspruch.

Inhalt (ohne Spoiler)

Romances sans paroles ist kein Erzählwerk, sondern eine Sammlung kurzer, lyrischer Stücke, gegliedert in vier Abteilungen. Der erste Teil, Ariettes oubliées („Vergessene Ariettas"), versammelt neun Gedichte. Sie wollen wie kleine Lieder ohne Worte klingen. Es sind Stimmungsbilder, in denen Regen, Müdigkeit und ein schwer fassbares Seelenleid ineinanderfließen. Der zweite Teil, Paysages belges („Belgische Landschaften"), zeichnet Eindrücke aus Walcourt, Charleroi, Brüssel und Mecheln nach. Es sind Skizzen einer Reise, in denen Orte eher angedeutet als beschrieben werden. Es folgt die kurze Abteilung Birds in the night, in der eine schmerzhafte Liebesbeziehung anklingt. Den Abschluss bildet Aquarelles („Aquarelle"). Die englischen Titel der Stücke – Green, Spleen, Streets, Child wife, A poor young shepherd, Beams – verraten schon den Schauplatz der Londoner Monate. Wer den Band aufschlägt, findet keine Geschichte, sondern eine Folge musikalisch komponierter Augenblicke.

Die Handlung im Detail

Da es sich um Lyrik handelt, hat der Band keine fortlaufende Handlung. Doch hinter den Gedichten steht ein biografischer Bogen, der sich beim Lesen mitvollziehen lässt: die gemeinsame Flucht Verlaines mit Rimbaud, die Wanderschaft durch Belgien, der Aufenthalt in London, der Bruch mit der Ehefrau Mathilde und schließlich das Zerwürfnis mit Rimbaud selbst, das in Brüssel mit Pistolenschüssen und Gefängnis enden sollte.

Die neun Ariettes oubliées eröffnen den Band mit einem Ton der Entrückung. Das berühmte dritte Stück, Il pleure dans mon cœur („Es weint in meinem Herzen"), setzt den Regen über der Stadt mit einer namenlosen Traurigkeit gleich – ein Schmerz ohne benennbaren Grund, der zum Inbegriff des verlaineschen Spleens wurde. Andere Stücke der Reihe nehmen das Bild eines zarten Klavierspiels auf, einer Stimme im Nebel, eines Baumschattens auf dem Wasser.

In den Paysages belges weichen die Innenbilder einer äußeren Bewegung. Walcourt, Charleroi, Brüssel mit seinen Karussellpferden, schließlich Mecheln – die Stationen sind aus dem Fahrzeugfenster gegriffen, gefangen in raschen, rhythmisch beschwingten Strophen.

Die Abteilung Birds in the night wendet sich der gescheiterten Liebe zu. In ihr sind die Vorwürfe und die müde Resignation eines Verlassenen hörbar, ohne dass Verlaine je konkret nennt, wer gemeint ist – die biografische Lesart legt die getrennte Ehefrau nahe.

Im abschließenden Zyklus Aquarelles tragen die Stücke englische Titel, weil sie auf den Londoner Monaten beruhen. Green reicht einer geliebten Person Blumen und das eigene Herz dar; Spleen kehrt zum Ton der Schwermut zurück; Streets nimmt eine englische Tanzweise auf; Child wife klagt über eine kindliche Gefährtin, die den Dichter nicht versteht; A poor young shepherd ist ein scheues Liebesliedchen; Beams beschließt den Band mit dem Bild einer Frau, die übers Meer voranschreitet, während die Begleiter ihr folgen.

So zieht sich durch die Sammlung kein Plot, wohl aber eine innere Linie: vom verschwommenen Seelenschmerz über die belgische Reise und das Liebesleid hin zu den fremden, leuchtenden Bildern am Ende.

Stil

Der Titel ist Programm: Romanzen ohne Worte – als sei die Sprache nur Vorwand für ihre Musik. Verlaine verlässt sich fast ganz auf den Klang, auf Rhythmus, Reim und Wiederholung, um Stimmungen heraufzubeschwören. Die Verse sind kurz, oft liedhaft, mit ungeraden Silbenzahlen. Diese nehmen dem Französischen seine gewohnte Festigkeit und geben ihm etwas Schwebendes.

An die Stelle scharfer Bilder tritt die Nuance: Konturen lösen sich in Regen, Nebel und Dämmerung auf. Begriffe wie Spleen und Schwermut bleiben unbestimmt, sind aber im Tonfall überall zu spüren. Auch die belgischen Ortsnamen und die englischen Überschriften der letzten Abteilung wirken eher als Klangtupfer denn als topografische Angaben.

Diese Konzentration auf das Musikalische, auf das Vage, auf den feinen Zwischenton erreicht in den Romances sans paroles laut italienischer Verlaine-Forschung eine Geschlossenheit. Diese Dichte hat Verlaine in späteren Sammlungen nicht mehr erzielt.

Rezeption

Romances sans paroles markiert den Punkt, an dem Verlaine als der Lyriker erkennbar wird, als den ihn das spätere 19. Jahrhundert feierte. Der italienische Verlaine-Kenner Renato Minore beschreibt den Band als poetisch besonders fruchtbare Phase. In ihr wurde Verlaines Dasein vom Kometen Rimbaud angezogen. Jetzt brauche der Dichter keine alten literarischen Maskeraden mit Harlekinen und Colombinen mehr, um seine schwermütigen Träumereien zu fassen.

Der italienische Dichter Mario Luzi sah in den Versen eine bewusste Naivität. Sie leiste zugleich eine magische Beschwörung und führe Inneres und Äußeres in einem einzigen musikalischen Akt wieder zusammen. Genau diese Doppelnatur wurde später unterschiedlich gelesen. Die Dekadenten erkannten in Verlaines Kunst vor allem das Auflösende. Die Symbolisten dagegen sahen das Aufbauende, das Wiederherstellende. Sie beanspruchten Verlaine kurzerhand als ihren Meister.

Der Band wirkt bis heute nach. Claude Debussy vertonte 1888 mehrere Stücke der Ariettes oubliées unter eben diesem Titel. Damit trug er die Musikalität der Verse in die Musik selbst hinüber.

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