1881
Weisheit
Überblick↑
Die Gedichtsammlung Sagesse – auf Deutsch etwa „Weisheit" – erschien 1881. Sie kam gleichzeitig in Brüssel beim Verlag Goemaere und in Paris bei der Librairie Catholique heraus. Ihr Verfasser ist Paul Verlaine, einer der bekanntesten französischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Das Buch entstand nach einer schweren Lebenskrise und gilt als Verlaines erstes öffentliches Glaubensbekenntnis nach einem langen literarischen Schweigen. Im Mittelpunkt steht die Hinwendung des Dichters zum katholischen Glauben und die Abkehr von einem zerrütteten früheren Leben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum der Sammlung steht die Stimme eines Menschen, der mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen will. In der Vorrede zur ersten Ausgabe schreibt Verlaine, der Verfasser habe nicht immer so gedacht wie heute; lange sei er in die Verirrungen seiner Zeit verstrickt gewesen und habe seinen Anteil an Schuld und Unwissenheit getragen. Schmerzliche Erfahrungen hätten ihn schließlich gewarnt, und er habe sich vor dem lange verkannten Altar niedergeworfen.
Aus dieser Haltung heraus prägt das Thema der Bekehrung das ganze Buch. Immer wieder geht es um Reue, um die Abkehr vom früheren Leben und um die Sehnsucht nach Glauben und christlicher Nächstenliebe. Verlaine versteht die Sammlung als sein erstes öffentliches Bekenntnis als Christ, das niemandem wehtun soll – am wenigsten jenen, deren Lebensweise er einst selbst geteilt hat.
Doch nicht alle Gedichte fügen sich diesem Bekenntnis. Zwischen den frommen Versen stehen einzelne Lyriken, in denen die musikalische Eindringlichkeit seiner früheren Dichtung nachklingt. So bleibt das Buch zugleich ein Glaubensbekenntnis und das Echo eines unruhigen, leidenschaftlichen Lebens.
Die Handlung im Detail↑
Den Schlüssel zum Buch liefert Verlaine selbst in der Vorrede. Dort beschreibt er den Verfasser in der dritten Person als einen Mann, der lange in der „Verderbnis" seiner Zeit umhergeirrt sei. Verdiente Leiden hätten ihn schließlich aufgerüttelt, und Gott habe ihm die Gnade geschenkt, die Mahnung zu verstehen. Nun verehre er die unendliche Güte, rufe den Allmächtigen an und verstehe sich als demütiger, gehorsamer Sohn der Kirche – der Geringste an Verdiensten, aber voll guten Willens. Das Bewusstsein der eigenen Schwäche und die Erinnerung an die eigenen Fehltritte hätten ihn beim Schreiben geleitet.
Diese Grundhaltung durchzieht die Sammlung: die Bekehrung, verbunden mit dem entschiedenen Abscheu vor dem Laster der vergangenen Jahre. In einem der Gedichte klagt der Sprecher sich selbst hart an – er habe alle Gaben vergeudet: die Gnade der Taufe, eine christliche Kindheit, eine liebende Mutter, Kraft und Gesundheit und eine ganze Zukunft, die ihm offengestanden habe. All das habe er in nichtigem Treiben verspielt.
Doch der reuige Ton ist nicht der einzige. Wie der Kritiker Renato Minore hervorhebt, treten – fast gegen den Plan des Buches – einzelne Gedichte hervor, die noch stark von der früheren Sammlung Romances sans paroles geprägt sind. Dazu gehören Verse wie „Le ciel est, par-dessus le toit", „La bise se rue à travers" und „L'échelonnement des haies". In ihnen kehrt die unvergessliche Intensität jener früheren Dichtung wieder, fast wie ein nie verklungenes Echo, das die mühsam errungenen guten Vorsätze und den gesuchten Glauben noch einmal zu erschüttern scheint.
Der biografische Hintergrund verschärft diesen Zwiespalt. Verlaine kam aus harten Erfahrungen: Er hatte zwei Jahre im Gefängnis verbracht, vergeblich versucht, sich mit Mathilde zu versöhnen, und mühte sich, menschlich wie literarisch wieder Fuß zu fassen. Seine Annäherung an den katholischen Glauben war widersprüchlich – getragen von der Hoffnung, in der Religion endlich einen festen Halt zu finden, und von dem Wunsch, seine ganze Lebensgeschichte im Licht dieser Bekehrung neu zu sehen. Aus dieser Spannung zwischen Buße und fortwirkender Leidenschaft lebt das Buch.
Stil↑
Auffällig ist, dass die Sammlung kein einheitliches Ganzes bildet. Der Kritiker Renato Minore beschreibt sie als sehr ungleichartig: Ihr fehle jene verborgene innere Einheit, die etwa Fêtes galantes und Romances sans paroles zu geschlossenen, kompakten Werken mache. Statt eines durchgehenden Baus stehen die Gedichte eher als verstreute Stücke nebeneinander.
Über weite Strecken bestimmt der religiöse Ton die Sprache: Reue, Demut und das Anrufen Gottes prägen Bild und Wortwahl. Dazwischen aber finden sich, mal hier, mal dort, Bruchstücke der früheren dichterischen Erfahrung. In Gedichten wie „Le ciel est, par-dessus le toit" kehrt die musikalische, leise und eindringliche Tonlage zurück, für die Verlaine bekannt war. So entsteht ein Nebeneinander zweier Stimmen – der frommen und der alten, leidenschaftlichen.
Rezeption↑
Bewertet wird die Sammlung vor allem im Licht von Verlaines Lebenswende. Der Kritiker Renato Minore hebt hervor, dass Sagesse aus einer Zeit schwerster persönlicher Erschütterung hervorging und gerade darum so uneinheitlich wirkt. Anders als die geschlosseneren früheren Bücher trage es die Spuren eines Mannes, der sich nach Gefängnis, gescheiterter Versöhnung und langem Umherirren widersprüchlich der Religion zuwandte – in der Hoffnung, dort einen endgültigen Halt zu finden. In dieser Lesart erscheint das Buch weniger als ruhiges Glaubenswerk denn als Zeugnis eines inneren Ringens, in dem das alte Leben und der neue Glaube miteinander streiten.
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