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Poèmes saturniens
1866
– Werkseintrag –

Poèmes saturniens

1866 · Lyrik

Der erste Gedichtband Paul Verlaines, 1866 unter dem Zeichen des Melancholikergestirns Saturn erschienen – noch im Schatten Baudelaires und doch schon mit jener leisen, musikalischen Schwermut, die Verlaines Ruhm begründen sollte.

Überblick

Mit den Poèmes saturniens legte Paul Verlaine 1866 seinen ersten Gedichtband vor. Er erschien im Pariser Verlag von Alphonse Lemerre. Wie damals üblich, bezahlte Verlaine das Buch selbst. Seine Cousine Elisa Moncomble half mit dem Geld aus. Der Band markiert den Beginn einer der bedeutendsten Dichterlaufbahnen des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Schon im Titel beruft sich Verlaine auf den Planeten Saturn, der seit alters her als Gestirn der Melancholiker gilt. Das ist ein Wink an die Fleurs du mal Charles Baudelaires. Verlaine verstand sie als „saturnisches Buch", und sie standen seinem Erstling Pate.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der Band versammelt 37 Gedichte. Vorangestellt ist ein Eröffnungsgedicht, Les Sages d'autrefois. Darin stellt Verlaine den Leser unter das Zeichen Saturns: Wer unter diesem „wilden Planeten" geboren sei, trage einen Anteil Unglück und Schwermut in sich. Es folgt ein Prolog. Er durchmisst das Verhältnis zwischen Dichter und Welt von einem mythischen goldenen Zeitalter bis in die Gegenwart und beklagt die Trennung von Traum und Tat.

Die Hauptmasse der Gedichte ist in vier Abteilungen gegliedert. Melancholia sammelt Sonette über Resignation, Müdigkeit, vergangene Liebe und einen wiederkehrenden Traum von einer unbekannten Frau. Eaux-Fortes ist nach der Drucktechnik der Radierung benannt und bietet scharf gezeichnete Stadt- und Nachtbilder. Paysages tristes malt traurige Landschaften mit untergehenden Sonnen, herbstlichen Stimmungen und abendlichen Spaziergängen. Eine vierte Abteilung mit dem Titel Caprices gibt sich ihrem Namen gemäß freier und stimmungsbestimmter. Ein Schlussteil von zwölf Gedichten beschließt das Buch. Er ist keiner Abteilung mehr zugeordnet.

Die Handlung im Detail

Im Vorgedicht Les Sages d'autrefois beruft Verlaine sich auf die alten Weisen, die im Sternenhimmel die Schicksale der Menschen zu lesen wussten, und ordnet sich und seinesgleichen dem Planeten Saturn zu. Auffällig ist, dass das Wort „Mélancolie" selbst nicht fällt – es wird zum Titel der ersten Abteilung – und ebenso wenig das baudelairesche Wort „Spleen". Verlaine baut so eine kleine, ausgeschlossene Gemeinschaft der „Saturnier" auf, in einer Geste, die an Baudelaires Aufruf an den verständnisvollen Leser erinnert.

Der Prologue zieht den Bogen von einer mythischen Frühzeit, in der Krieger und Sänger noch in inniger Verbindung standen, bis in eine Gegenwart, in der Traum und Tat auseinandergetreten sind. Schon hier sind die Anspielungen auf Baudelaire offen erkennbar.

Die erste Abteilung Melancholia ist Ernest Boutier gewidmet, dem Freund, der Verlaine bei Lemerre eingeführt hatte. Sie umfasst acht Gedichte: Résignation, Nevermore, Après trois ans, Vœu, Lassitude, Mon rêve familier, À une femme und L'Angoisse. Möglicherweise spielt der Titel auf Dürers berühmten Kupferstich an, von dem Verlaine eine Radierung besaß, oder auf das gleichnamige Gedicht aus Victor Hugos Contemplations. Ursprünglich sollten auch Effet de nuit und Grotesques hierher gehören, doch wurden sie in die Abteilung der Radierungen verschoben, sodass Melancholia nun ganz aus Sonetten besteht – bei Résignation sogar in umgekehrter Form, die Terzette vor den Quartetten.

Die zweite Abteilung, Eaux-Fortes – „Radierungen" –, ist dem Dichter François Coppée gewidmet und enthält fünf Stücke: Croquis parisien, Cauchemar, Marine, Effet de nuit und Grotesques. Der Titel geht auf zwei Aufsätze Baudelaires zurück, der die Radierung als jene bildende Kunst pries, die der Literatur am nächsten komme. Verlaine hatte 1865 in seiner Studie über Baudelaire bestimmte Gedichte der Fleurs du mal selbst als „wunderbare Radierungen in der Art Rembrandts" bezeichnet.

Die dritte Abteilung, Paysages tristes – „Traurige Landschaften" –, versammelt Stimmungsgedichte: Soleils couchants mit untergehenden Sonnen, Crépuscule du soir mystique als mystische Abenddämmerung, Promenade sentimentale, die klassisch-walpurgisartige Nuit du Walpurgis classique, das bekannte Chanson d'automne mit seinem klagenden Herbstton und L'Heure du berger. Schon der Abteilungstitel Caprices verrät, dass sich die folgende Gruppe von der strengen Architektur des Bandes löst und der freien Eingebung folgt.

Die zwölf abschließenden Gedichte fügen sich in keine der Abteilungen mehr ein. Die Forschung vermutet, dass Verlaine seine ältere Stoffmasse nicht vollständig in das durchkomponierte Buch einbinden konnte; auch der Wunsch, das Buch nicht als dünnes Heft, als „plaquette", erscheinen zu lassen, dürfte mitgespielt haben. Verlaine teilte hierin Baudelaires Abneigung gegen das schmale Format.

Sieben der Gedichte – Il bacio, Dans les bois, Cauchemar, Sub urbe, Marine, Mon rêve familier und L'Angoisse – waren bereits im „Parnasse contemporain" erschienen, zwei weitere – Nuit du Walpurgis classique und Grotesques – in der „Revue du XIXe siècle". Der Band kam im November 1866 bei Lemerre heraus, zeitgleich mit François Coppées Le Reliquaire. Wann genau die Gedichte entstanden sind, ist umstritten: Verlaine selbst gab später an, das Meiste bereits als Gymnasiast geschrieben zu haben, doch die neuere Forschung – etwa Jacques Borel – hält diese Angabe für übertrieben und nimmt an, dass nur einzelne Stücke wie Nocturne parisien tatsächlich aus der Schulzeit stammen.

Stil

Verlaine ordnet die Gedichte nach einer „Buch-Rhetorik", wie sie um 1865 in Mode war. Die Symmetrie zwischen Prolog und Epilog ist Catulle Mendès' Philoména abgeschaut. Die Gliederung in benannte Abteilungen folgt sichtbar Baudelaires Fleurs du mal. Daraus ergibt sich jene „geheime Architektur", die Barbey d'Aurevilly schon an Baudelaires Band hervorgehoben hatte. Die letzten zwölf Gedichte fallen aus dieser strengen Ordnung heraus und stehen für sich.

Die Formen sind streng durchgearbeitet. Die Abteilung Melancholia besteht ausschließlich aus Sonetten, in Résignation sogar in der seltenen umgekehrten Bauart. Das Schlagwort „l'art pour l'art" aus Théophile Gautiers Vorrede zu Mademoiselle de Maupin gibt den Ton vor: nicht das sentimentale Bekenntnis im Stil der Romantiker, sondern die formale Genauigkeit. Verlaine hat dieses Programm 1865 in seinem Aufsatz über Baudelaire selbst formuliert. Baudelaire sei der Dichter, der der Sinnesempfindung den Vorrang vor dem Verstand und vor dem Gefühl gebe. Die Forschung hat diesen Satz als Grundlage von Verlaines eigener Kunst gelesen.

Der Tonfall ist von Baudelaire grundiert, schon im Eröffnungsgedicht. Saturn, der „wilde" Planet der Melancholiker, stiftet eine kleine, ausgewählte Gemeinschaft. Ihr ordnet Verlaine sich und seine Leser zu. Daneben stehen die kühl gezeichneten Stadt- und Nachtbilder der „Radierungen" und die musikalisch fließenden Landschaftsgedichte der Paysages tristes. In ihnen klingt schon der spätere Verlaine der Lieder an. Das Chanson d'automne gehört bis heute zu den meistzitierten Gedichten der französischen Sprache.

Rezeption

Die Poèmes saturniens erschienen in einem kleinen, neu gegründeten Kreis junger Dichter um Louis-Xavier de Ricard und Catulle Mendès. Sie trafen sich in Lemerres Buchhandlung und begründeten im selben Jahr die Zeitschrift „Le Parnasse contemporain". Aus diesem Kreis ging der Name „Parnassiens" hervor. Eine Schule im strengen Sinn war es jedoch nicht, wie Mendès und Ricard später selbst betonten. Die Brüder Goncourt hielten in ihrem „Journal" eine spöttische Beschreibung des Kreises fest: eine „Bande der Kunst", blass und beunruhigend.

Verlaine selbst bewegte sich am Rand dieses Kreises. Mit diesem ersten Band bahnte er sich den Weg in die französische Lyrik. Aus heutiger Sicht gelten die Poèmes saturniens als das Buch, in dem Verlaines eigene Stimme zum ersten Mal hörbar wird. Sie steht noch im Schatten Baudelaires, trägt aber bereits jene musikalische Schwermut, die seinen späteren Ruhm begründen sollte.

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