1722
Moll Flanders
Überblick↑
Mit Moll Flanders legte Daniel Defoe 1722 einen der frühen großen Romane der englischen Literatur vor. Der vollständige Titel lautet The Fortunes and Misfortunes of the Famous Moll Flanders. Das Buch ist als Ich-Erzählung angelegt. Eine Frau blickt im Alter auf ein langes, bewegtes Leben zurück: Armut, Ehen, Diebstahl und später Wohlhabenheit. In die fiktive Lebensgeschichte sind Züge realer Personen eingearbeitet, unter anderem aus Defoes eigenem Umfeld. Der Roman gilt als Klassiker des Schelmenromans. Er zeichnet ein ungeschöntes Bild der englischen Gesellschaft des frühen 18. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Als Waisenkind wächst Moll Flanders unter schwierigen Bedingungen auf. Früh kommt sie in den Haushalt einer wohlhabenden Familie, die das kluge Mädchen aufnimmt. Schon als junge Frau erlebt sie, wie unsicher die Stellung einer Mittellosen ist. Die Welt urteilt nach Stand und Vermögen. Eine Liebesgeschichte unter dem Dach dieser Familie wird für sie zur ersten harten Erfahrung.
In den Jahren danach geht Moll mehrere Ehen ein, immer auch in der Hoffnung auf finanzielle Sicherheit. Manche dieser Verbindungen enden durch Tod, manche durch Bankrott, manche durch Enthüllungen, mit denen Moll nicht gerechnet hat. Schicksalsschläge zwingen sie immer wieder, sich neu zu erfinden. So lernt sie, ihre Lage geschickt darzustellen, um in einer Gesellschaft zu bestehen, in der allein zählt, was eine Frau mitbringt.
Schließlich gerät Moll auf abschüssige Bahnen. Sie führt ein Leben, das sie in immer größere Gefahr bringt. Der Roman folgt ihr durch London und in die Neue Welt, durch Liebe, Verlust und harte Notwendigkeit. Dabei stellt er immer wieder die Frage, wie viel Schuld und wie viel Umstände an einem solchen Lebensweg tragen.
Die Handlung im Detail↑
Moll Flanders wächst als Waisenkind auf und ist mit ihrer aufgeweckten, zugleich naiven Art ein beliebtes Kind in einigen wohlhabenden Familien. Als sie für das Waisenhaus zu alt geworden ist, nimmt eine dieser Familien sie auf. Nach einigen Jahren verliebt sie sich in den ältesten Sohn des Hauses. Dieser erwidert ihre Gefühle, kann seine Liebe aber nicht öffentlich machen, weil es für ihn als Standesperson nicht angemessen wäre, ein Hausmädchen zu heiraten. Für Moll ist die Erkenntnis, dass sie wie eine Hure benutzt wurde, ein harter Schlag. Der jüngere Bruder hingegen steht zu seinen Gefühlen und heiratet Moll, nachdem der ältere Bruder sie zu dieser Verbindung überredet hat.
Nach einigen Jahren stirbt dieser Ehemann plötzlich, und Moll steht allein da. Um abgesichert zu sein, muss sie erneut heiraten. Sie nimmt einen Tuchhändler zum Mann, der jedoch bankrottgeht und das Land verlassen muss. Er stellt es ihr frei, sich einen anderen Mann zu suchen.
Da Moll finanziell schlecht steht, fällt es ihr schwer, einen Mann zu finden, der ihr die nötige Sicherheit bietet. Sie gibt sich deshalb reicher, als sie ist. Der nächste Ehemann nimmt ihr die Täuschung nicht übel und möchte mit ihr in die Neue Welt ziehen, auf seine Plantagen und zu seiner Mutter. Nach einigen Jahren erkennt Moll im Gespräch mit der Schwiegermutter, dass diese in Wahrheit ihre leibliche Mutter ist und ihr Mann also ihr Halbbruder. Vom Gedanken, mit dem eigenen Bruder zu leben, angewidert, kehrt sie nach England zurück.
Eine Zeit lang lebt Moll mit einem Gentleman in wilder Ehe. Nach einer religiösen Erfahrung beendet dieser die Beziehung. Wieder mit Hilfe einer Freundin gibt Moll sich reicher, als sie ist, und findet einen neuen Ehemann. Kurz nach der Hochzeit stellt sich heraus, dass auch er arm ist. Obwohl echte Gefühle zwischen beiden bestehen, verlässt er sie. Schwanger zurückgeblieben, begibt Moll sich in die Obhut einer Hebamme, die vor allem alleinstehende Frauen aus den unteren Schichten betreut. Nachdem das Kind versorgt ist, heiratet Moll einen Bankier, der seit längerem ihre Finanzen verwaltet und nicht weiß, dass sie inzwischen verheiratet war und ein Kind bekommen hat. Auch dieser Mann stirbt: Er verwindet einen großen finanziellen Verlust nicht.
Mittellos wendet Moll sich wieder an die Hebamme, die ihrerseits viel von ihrem früheren Wohlstand eingebüßt hat. Unter deren Anleitung beginnt Moll eine erfolgreiche Laufbahn als Diebin und Prostituierte. Obwohl sie längst genug Geld hat, kann sie das Stehlen nicht lassen. Eines Tages wird sie gefasst, in das berüchtigte Newgate-Gefängnis gebracht und zum Tode verurteilt. Ein warmherziger Geistlicher, den die Hebamme ihr schickt, bewegt sie in mehreren Gesprächen zur Abkehr von ihren Sünden. Wegen ihrer Reue wird die Strafe gemildert, und Moll soll in die Neue Welt deportiert werden. Im Gefängnis trifft sie zufällig ihren früheren Lancashire-Ehemann wieder, jenen Mann, der sich ihr gegenüber einst als reich ausgegeben hatte.
Nach langen Gesprächen überredet Moll ihn, sie zu begleiten. Gemeinsam werden sie nach Amerika deportiert und kaufen sich von dem Geld, das Moll als Kriminelle zusammengebracht hat, eine Plantage mit Sklaven. In Amerika tritt Moll zudem das Erbe ihrer Mutter an. Im hohen Alter kehren beide wohlhabend nach London zurück.
Stil↑
Defoe wählt für seinen Roman die Form der Ich-Erzählung. Moll Flanders blickt selbst auf ihr Leben zurück. Sie schildert es in der Haltung einer Frau, die ihre Vergangenheit zugleich bekennt und ordnet. Der vollständige Originaltitel The Fortunes and Misfortunes of the Famous Moll Flanders greift schon das Muster der Lebensbeichte auf, das die Erzählung trägt: eine lange Kette von Glücks- und Unglücksfällen, von der Erzählerin nüchtern und detailgenau berichtet.
Die Erzählung ordnet sich dem Schelmenroman zu. Sie folgt einer einzelnen Figur über viele Lebensstationen hinweg. Dabei verbindet sie handfeste, manchmal derbe Lebenswirklichkeit mit moralischer Selbstbetrachtung. In die fiktive Biografie hat Defoe Züge realer Persönlichkeiten eingearbeitet, darunter Anteile aus seinem eigenen Erfahrungsbereich. Das gibt der Erzählung den Anstrich eines authentischen Lebensberichts.
Rezeption↑
Moll Flanders gehört zu den frühen Romanen der englischen Literatur. Als Klassiker des Schelmenromans hat der Roman bis heute Bestand. Davon zeugt nicht zuletzt, dass der Stoff mehrfach für Kino und Fernsehen aufgegriffen wurde. So erschien 1977 Mac Ahlbergs Film Kommt her, ihr wilden Schwedinnen. 1996 folgte der von David Attwood inszenierte Fernsehfilm Die skandalösen Abenteuer der Moll Flanders.
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