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Werkseintrag · Montauk
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Montauk
1975
– Werkseintrag –

Montauk

1975 · Erzählung

Ein Wochenende mit einer jungen Frau an der amerikanischen Küste wird einem alternden Schriftsteller zum Anlass, sein eigenes Leben so offen zu erzählen, wie er es nie zuvor gewagt hat.

Überblick

Eine Sonderstellung im Werk von Max Frisch nimmt die Erzählung Montauk ein, die im September 1975 erschien. Zwar waren auch frühere Figuren Frischs oft autobiografisch geprägt, ihre Geschichten aber blieben erfunden. Hier dagegen trägt die Hauptfigur den Namen ihres Autors, und sie berichtet ein wirklich erlebtes Wochenende, das Frisch mit einer jungen Frau an der amerikanischen Ostküste verbrachte. Diese kurze Liebesaffäre wird zum Anlass für eine Rückschau auf das eigene Leben: auf die Frauen, mit denen er verbunden war, auf gescheiterte Beziehungen, auf das Alter und die Nähe des Todes. Frisch fasste den Entschluss, das Wochenende zu beschreiben, ohne dem unmittelbaren Erleben etwas hinzuzufügen. So wurde auch die Entstehung des Textes selbst zum Thema.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht ein Wochenende im Mai 1974, das eine Lesereise des Erzählers durch die Vereinigten Staaten beschließt. Wenige Tage später, kurz vor seinem 63. Geburtstag, ist sein Rückflug nach Europa gebucht. An seiner Seite befindet sich Lynn, eine etwa dreißigjährige Verlagsangestellte, die ihn während der Reise betreuen soll, von seinem Werk aber keine Zeile gelesen hat. An ihrem letzten gemeinsamen Wochenende kommen die beiden einander näher und fahren nach Long Island zum Dorf Montauk an der Atlantikküste.

In dem Erzähler erwacht das Verlangen, diese gemeinsamen Tage zu beschreiben, ohne den Geschehnissen etwas hinzuzudichten. Lynns Gegenwart löst zugleich Erinnerungen und Reflexionen aus. Er denkt über das Alter nach und über das wachsende Gefühl, anderen zur Last zu fallen. Vor allem aber lassen die Tage mit Lynn die Frauen vor ihr wieder lebendig werden, die früheren Gefährtinnen und die zerbrochenen Bindungen. Auch sein eigenes Werk wird zum Gegenstand der Betrachtung. So entsteht aus einem kurzen Wochenende eine vielstimmige Bilanz eines ganzen Lebens.

Die Handlung im Detail

Die Rahmenhandlung umfasst das Wochenende des 11. und 12. Mai 1974. Eine Lesereise des Erzählers, des literarischen Alter Ego seines Autors Max Frisch, durch die Vereinigten Staaten geht zu Ende. Zwei Tage danach, einen Tag vor seinem 63. Geburtstag, soll Frisch nach Europa zurückfliegen. Lynn, eine dreißigjährige Verlagsangestellte, hat ihn während der Reise betreut, ohne sein Werk zu kennen. An diesem letzten Wochenende kommen die beiden einander näher und unternehmen einen Ausflug nach Long Island zum Dorf Montauk.

Für den Autor entsteht der Wunsch, die gemeinsamen Tage zu beschreiben, ohne etwas zu erfinden. Lynns Nähe ruft fortwährend Erinnerungen und Gedanken hervor. Er sinnt über das Alter nach und über das zunehmende Gefühl, eine Zumutung für andere zu sein, ebenso über seinen Erfolg und dessen Wirkung auf Neider, Verehrer und Frauen. Frisch gibt sehr persönliche Dinge preis: das Sterben seiner Mutter, seine Impotenz und vier Schwangerschaftsabbrüche bei drei Frauen.

Auch über sein Schaffen denkt er nach, von der Doppelarbeit des jungen Architekten auf der Baustelle und als Verfasser erster Theaterstücke bis zu den immer gleichen Fragen, die seine späteren Romane auf Presseterminen auslösen. Er zeigt sich unzufrieden mit seinen Geschichten, mit denen er nur das Publikum bediene, während er weite Teile des eigenen Lebens verschwiegen habe. Er hat das Gefühl, sein eigentliches Selbst durch sein Werk verraten zu haben.

In einer längeren Episode erinnert er sich an seinen Jugendfreund und Mäzen W., von dem er sich in jungen Jahren beherrscht fühlte. Mit Frischs Erfolgen und der Unfähigkeit des Freundes, ihn als Schriftsteller anzuerkennen, zerbrach diese Freundschaft, die er rückblickend als unheilvoll versteht. Eine andere Episode erzählt von Frischs Unvermögen in der Zeit seiner ersten Ehe, mit einer gelähmten Nachbarin umzugehen, die sich als seine erste Liebe erweist.

Vor allem die früheren Gefährtinnen rücken in den Mittelpunkt. Lynn weckt die Erinnerung an ihre Vorgängerinnen: an die Jüdin Käte, das reale Vorbild der Hanna aus Homo faber, an die erste Ehefrau Gertrud, genannt „Trudy“, an die getrennt von ihm lebende Marianne, die er noch immer liebt, und an die von Hörigkeit und Eifersucht geprägte Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Angesichts des nicht mehr fernen Todes will Frisch keine Frau an seine Zukunftslosigkeit binden. Er wünscht sich, Lynn möge die letzte Frau in seinem Leben sein. Zugleich ist beiden klar, dass ihre Verbindung auf dieses eine Wochenende beschränkt bleibt und dass sie danach nicht wieder Kontakt aufnehmen wollen. Frisch hofft, dass Lynn nicht, wie die Frauen zuvor, zum Namen für eine Schuld wird.

Am Ende gehen Lynn und Frisch in New York mit einem „Bye“ auseinander. An der Kreuzung von First Avenue und 46th Street blickt Frisch der davongehenden Lynn nach, die sich nicht noch einmal nach ihm umdreht.

Stil

Im Untertitel bezeichnete Frisch Montauk als „Eine Erzählung“ und hob damit die literarische Form hervor: Trotz des autobiografischen Inhalts ist der Text weder Autobiografie noch Bericht oder Tagebuch. Zum Teil wird er auch als Roman eingeordnet. Marcel Reich-Ranicki sah die Prosa in ihrem Reichtum an Figuren und Episoden als romanhaft an, obwohl ihr Umfang einer klassischen Romandefinition kaum genüge.

Der Erzählstil wird gleich zu Beginn ironisch gespiegelt. Ein Schild mit der Aufschrift „overlook“ verspricht eine Aussicht über die Insel, hält dieses Versprechen aber nicht ein; statt einer Aussicht gibt es nur einen verwilderten Pfad durch das Gestrüpp. Ebenso wird der Leser, dem ein Überblick über Frischs Leben in Aussicht gestellt scheint, auf einen unsicheren Weg geschickt. Die assoziative Erzählweise kann verwirren, denn nicht immer ist klar, von welcher Frau gerade die Rede ist. Der Stil ist sprunghaft, das Einlesen fällt nicht leicht. Vieles wird nur angedeutet und bleibt ohne Kenntnis von Frischs Leben nicht sogleich verständlich. Schon der Titel ist doppeldeutig: Er meint den wirklichen Ort ebenso wie das aus Ort und Zeit gefallene Fremde.

Die Erzählung ist eine Collage aus gegenwärtigen Szenen und erinnerten Lebenssituationen. Durchbrochen wird sie von typografisch in Kapitälchen hervorgehobenen Stichworten, Zitaten, Ortsangaben, Gesprächsfetzen und interviewhaften Fragen Lynns. Frisch verwendete hier eine weiterentwickelte Form seines literarischen Tagebuchs. Die Reihung der mosaikhaften Daten und Ereignisse ist zwar chronologisch, aber ohne Ursache und Wirkung. Insgesamt 192 einzelne Szenen reichen in ihrer Länge vom Einzeiler bis zu einer in sich geschlossenen, einundzwanzig Seiten umfassenden Geschichte über den Jugendfreund. Reich-Ranicki urteilte, nie habe Frisch knapper und karger und zugleich präziser geschrieben. Der Dokumentarfilmer Richard Dindo hob die Visualität der Schreibweise hervor und sprach von einem „fotografischen Blick“ auf die Dinge.

Bemerkenswert ist der Wechsel der Erzählperspektive. Frisch gibt sein Programm in der Erzählung selbst vor: Er wolle diesen Tag beschreiben, ohne etwas zu erfinden, in einer einfältigen Erzähler-Position. Die äußerliche Beziehung von Lynn und Frisch findet ihren Ausdruck in der Er-Form. Dem steht das Ich der Rückblenden und Reflexionen gegenüber, das Frisch als Menschen mit seinen Erinnerungen und Ängsten zeigt. So bieten beide Formen zwei Blickwinkel auf dieselbe Figur, und die Perspektive springt fortwährend hin und her. Erst am Ende, als sich das Erleben in Erinnerung verwandelt, bleibt nur noch das Ich. Das Du der Erzählung ist Marianne vorbehalten, was Frischs Fixierung verrät, die auch Lynn erkennt: „you love her.“

Rezeption

Sehr unterschiedlich fielen die Reaktionen bei Erscheinen aus. Marcel Reich-Ranicki äußerte sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begeistert und nannte Montauk Frischs intimstes und zartestes, sein bescheidenstes und zugleich kühnstes Buch. Er sah darin eine poetische Bilanz, „ein Buch der Liebe, geschrieben von einem Dichter der Angst“. Noch 1991 hielt er an seinem Urteil fest, die Erzählung gehöre zu den ganz wenigen Prosawerken der deutschen Literatur der siebziger Jahre, die ihre Zeit überdauert hätten. 2002 nahm er sie in seinen Kanon der deutschen Literatur auf.

Zugleich polarisierte das Buch. Umstritten blieb die Frage, ob die Erzählung die Grenzen der öffentlichen Schicklichkeit gewahrt habe. Frischs frühere Partnerinnen fühlten sich düpiert. Seine erste Ehefrau kam sich öffentlich ausgezogen vor, eine Jugendfreundin nannte ihre Erwähnung „wenig nobel“. Vor allem seine damalige Ehefrau Marianne protestierte gegen die Bloßstellung. Sie betonte den Unterschied, ob jemand sich freiwillig selbst darstelle oder ob ein anderer ihn ohne sein Einverständnis darstelle. Frischs Kollege Peter Bichsel meinte, es werde ein großes Buch sein, wenn sein Hintergrund aus Personen und Lebensläufen niemanden mehr interessiere.

Auch unter den Kritikern gingen die Meinungen auseinander. Reinhard Baumgart vermisste Unmittelbarkeit und sah die Selbstreflexion in Selbstinszenierung enden. Dieter Fringeli fand die Erzählung zu hausbacken und meinte, Frischs Notizen über Liebe und Leben gingen letztlich nur ihn selbst etwas an. Kritik kam vor allem auch von Frauen: Sybille Heidenreich zeigte sich enttäuscht, empfand die intimen Bekenntnisse als peinlich und störte sich an der Rolle Lynns, die keine Partnerin, sondern „Mittel zum Zweck“ sei. Hellmuth Karasek dagegen widersprach dem Gefühl der Peinlichkeit und lobte die formale Meisterschaft einer kühlen und zugleich betroffenen Schreibart. Volker Hage war begeistert, wie Frisch die eigene Person zum Gegenstand mache, und sah ein Schlüsselwerk der Epoche, einen modernen Liebesroman. Für Alexander Stephan war es nicht nur das privateste, sondern auch eines der kunstvollsten Bücher Frischs, ein Buch über die Schwierigkeit, Leben zu beschreiben und Literatur zu leben.

Volker Schlöndorff, der Frischs Homo faber 1991 verfilmt hatte, kehrte 2017 mit dem Spielfilm Rückkehr nach Montauk in Frischs Umkreis zurück. Schlöndorff lehnte eine direkte Verfilmung von Montauk ausdrücklich ab und erarbeitete gemeinsam mit dem irischen Autor Colm Tóibín ein eigenständiges Drehbuch, das, wie er erklärte, „weder eine Verfilmung von Max Frischs Buch noch eine Reisebeschreibung" sei. Der Film greift Themen, Figuren-Konstellationen und moralische Fragestellungen aus Frischs Erzählung auf und fügt Material aus Schlöndorffs eigenem Leben hinzu. Er ist dem Andenken Max Frischs gewidmet und wurde beim 67. Internationalen Filmfestival Berlin im Wettbewerb um den Goldenen Bären gezeigt.

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