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Werkseintrag · Biedermann und die Brandstifter
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Biedermann und die Brandstifter
1958
– Werkseintrag –

Biedermann und die Brandstifter

1958 · Drama

Ein braver Bürger nimmt zwei Männer ins Haus, die offen ankündigen, es niederzubrennen – und redet sich die Gefahr so lange schön, bis es zu spät ist.

Überblick↑

Das Drama Biedermann und die Brandstifter stammt von dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Es erzählt von dem wohlhabenden Bürger Gottlieb Biedermann, der zwei Männer in seinem Haus aufnimmt, obwohl diese von Anfang an keinen Zweifel daran lassen, dass sie es niederbrennen wollen. Den Untertitel gab Frisch dem Stück selbst: „Ein Lehrstück ohne Lehre“. Den Stoff hat er mehrfach bearbeitet – zunächst als Prosaskizze, dann als Hörspiel, schließlich als Theaterstück, das am 29. März 1958 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. Neben Andorra zählt es zu den bekanntesten Dramen Max Frischs und gehört zum häufig behandelten Stoff im Deutschunterricht. Die Buchausgabe erreichte schon 1982 eine Millionenauflage.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Gottlieb Biedermann, ein wohlhabender Haarwasserfabrikant. In der Zeitung liest er von einer Reihe von Brandstiftungen und ereifert sich über die Täter. Deren Masche ist immer dieselbe: Getarnt als harmlose Hausierer nisten sie sich auf dem Dachboden eines Hauses ein, das sie später anzünden.

Da steht plötzlich ein solcher Hausierer vor Biedermanns Tür – ein ehemaliger Ringer namens Josef Schmitz, obdachlos und freundlich, der an Biedermanns Menschlichkeit appelliert. Biedermann, der eben noch hartherzig einen Angestellten entlassen hat, gefällt sich nun in der Rolle des Menschenfreunds und lässt den Fremden auf dem Dachboden übernachten. Bald gesellt sich ein zweiter Mann dazu.

Was folgt, ist ein Spiel mit der Verdrängung. Die beiden Gäste reden immer offener von Benzin, Zündschnüren und Feuer, und je deutlicher die Gefahr wird, desto eifriger redet Biedermann sie sich aus. Aus Angst, sich die ungebetenen Hausgenossen zu Feinden zu machen, lädt er sie sogar zum Abendessen ein. Wie weit ein Mensch sich selbst belügt, um die Wahrheit nicht sehen zu müssen, treibt das Stück mit bitterer Heiterkeit voran.

Die Handlung im Detail↑

Gottlieb Biedermann liest in der Zeitung von den neuesten Brandstiftungen und echauffiert sich über die Täter, die sich stets als harmlose Hausierer auf einem Dachboden einnisten, um das Haus später niederzubrennen. Da kündigt das Dienstmädchen Anna einen Besucher an: Josef Schmitz, einen ehemaligen Ringer und Obdachlosen. Schmitz klagt, man halte ihn ständig für einen Brandstifter, und appelliert an Biedermanns Menschlichkeit. Biedermann, der zuvor seinen Angestellten Knechtling hartherzig entlassen hat, genießt nun die Rolle des Menschenfreunds und lässt Schmitz auf dem Dachboden nächtigen.

Am nächsten Morgen wirft Babette, Biedermanns Frau, ihrem Mann vor, er sei zu gutmütig. Sie will Schmitz freundlich, aber bestimmt vor die Tür setzen. Doch auch sie nimmt er für sich ein, indem er seine fehlenden Manieren mit einer schweren Kindheit entschuldigt. Es klingelt: Ein angeblicher Vertreter der Feuerversicherung steht vor der Tür. Schmitz erkennt in ihm seinen Kumpanen Wilhelm Maria Eisenring, einen ehemaligen Kellner.

Nachdem die beiden die ganze Nacht auf dem Dachboden gepoltert haben, will Biedermann Schmitz erneut hinauswerfen. Dass er nun unvermittelt zwei Gäste hat, macht ihn ebenso sprachlos wie die vielen Fässer voll Benzin, die plötzlich oben stehen. Ein Polizist überbringt die Nachricht, Knechtling habe sich das Leben genommen. Nach dem Inhalt der Fässer befragt, flüchtet sich Biedermann in die Notlüge „Haarwasser“. Vom Chor zur Rede gestellt, spielt er den Arglosen: Er rieche kein Benzin, und man dürfe von einem Menschen doch nicht nur das Schlechteste denken.

Mit der Ahnung wächst Biedermanns Angst. Um sich die Gäste nicht zu Feinden zu machen, lädt er sie zum Abendessen ein. Diese reden immer offener von Zündkapseln und brennbarer Holzwolle und messen mit seiner Hilfe sogar die Zündschnur aus. Die beste Tarnung, erklärt Eisenring, sei die Wahrheit, weil sie niemand glaube. Nachdem Biedermann den Dachboden verlassen hat, tritt ein Dr. phil. zu den beiden – ein Akademiker mit Brille, den Eisenring spöttisch „Weltverbesserer“ nennt und nicht als Gleichgesinnten anerkennt, weil er keine Lust am Feuer habe, sondern stets ernst und ideologisch bleibe.

Die Gans wird zubereitet, das Abendessen soll möglichst schmucklos sein, um die Freundschaft zu befördern. Biedermann weist Knechtlings Witwe ab, die ihn bei den Vorbereitungen stört: für Tote habe er keine Zeit. Ein Trauerkranz kommt an, der durch einen Fehler der Gärtnerei Biedermann statt Knechtling gewidmet ist. Als Biedermann den besten Wein aus dem Keller holt, gesteht er dem Publikum, er habe längst einen Verdacht gehabt – doch was hätte er tun sollen?

Beim Essen trinkt Biedermann ausgelassen mit Schmitz und Eisenring auf ihre Freundschaft. Schmitz gibt eine Kostprobe seiner Schauspielkunst und tritt mit einem übergeworfenen Tischtuch als Geist auf; seine Rufe „Jedermann!“ wandeln sich in „Biedermann!“, und schließlich verkündet er, er sei Knechtlings Geist. Für einen Moment herrscht Betroffenheit. Doch als Schmitz „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ anstimmt, singt Biedermann wieder laut mit. Ferne Sirenen sind zu hören; Biedermann ist erleichtert, dass es nicht bei ihm brennt, bis Eisenring ernst erklärt, man locke die Feuerwehr stets erst vom Tatort fort. Verzweifelt hält Biedermann daran fest, seine Gäste seien keine Brandstifter, sondern seine Freunde. Als Zeichen seines Vertrauens steckt er ihnen sogar heimlich die Streichhölzer zu, woraufhin die beiden abgehen. Der Dr. phil. tritt auf und verliest eine Erklärung, in der er sich von den Verbrechen der Brandstifter distanziert, die nicht wie er die Welt verändern wollen. Dann geht Biedermanns Haus in Flammen auf, und mehrere Gasometer explodieren.

Im angehängten Nachspiel wähnen sich Biedermann und Babette im Himmel, weil sie stets die Zehn Gebote befolgt hätten. Erst als nach und nach das Personal des Stücks hinzutritt, erkennen sie, dass sie sich in der Hölle befinden. Schmitz erscheint als Beelzebub, Eisenring als Teufel. Biedermann beteuert seine Unschuld am Brand, der die ganze Stadt vernichtet hat: Er habe nichts anderes getan als alle anderen Bürger auch, und fordert sogar Entschädigung für alles Durchgemachte. Vom Teufel erfährt er, dass Streit zwischen Himmel und Hölle herrscht. Der Himmel habe eine Amnestie für alle hochgestellten Persönlichkeiten ausgesprochen: Wer beim Töten eine Uniform trage, sei gerettet. In die Hölle kommen nur die Biedermänner und Intellektuellen, die Kleinkriminellen und Kriegsdienstverweigerer. Daraufhin tritt die Hölle in den Streik und schickt ihr Personal zurück auf die Erde. Biedermann und Babette klammern sich an ihren Glauben, knien nieder und erwarten ihre Rettung.

Stil↑

Auffällig ist die strenge, fast mathematische Bauweise des Stücks. Die Handlung verläuft geradlinig auf die Katastrophe zu, und Personen wie Geschehen ordnen sich vollständig dem Gleichnis unter. Ein Kritiker hob hervor, das Stück sei unter allen Dramen Frischs „das geradlinigste, knappste, konsequenteste“ und von aller persönlichen Charakterisierung am stärksten abgelöst – gerade in dieser „mit mathematischem Kalkül“ durchgeführten Form liege seine Überzeugungskraft.

Das eigentliche Drama spielt sich in der Sprache ab. Die Geschichte selbst ist in ihrem geradlinigen Verlauf beinahe spannungslos; die Spannung entsteht aus dem Widerspruch zwischen dem, was die Figuren sagen, und dem, was wirklich geschieht. Die Brandstifter geben ihre Absichten offen preis, und doch will Biedermann sie nicht hören – so entsteht ein fortwährendes Spiel von Maskierung und Demaskierung des Wortes. Ein Chor begleitet das Geschehen und kommentiert es, was dem Stück einen lehrstückhaften Zug verleiht, den der Untertitel „Ein Lehrstück ohne Lehre“ zugleich ironisch unterläuft. Komik, bittere Ironie und drohendes Unheil greifen dabei ständig ineinander.

Rezeption↑

Wenige Bühnenwerke Max Frischs wurden so erfolgreich wie dieses. Volker Hage nannte es „das berühmteste Theaterstück von Frisch und eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bühnenwerke überhaupt“. Bis 1996 wurde es auf deutschsprachigen Bühnen bereits 250-mal inszeniert; die Taschenbuchausgabe überschritt schon 1982 die Millionengrenze. Marcel Reich-Ranicki nahm das Stück 2004 in seinen Kanon der deutschen Literatur auf und bezeichnete es als Frischs wichtigstes Drama und als „genialische Bühnenskizze“.

Schon die Uraufführung wurde gefeiert. Friedrich Torberg sprach von einem „wichtigen Stück eines wichtigen Autors“, das ein „Brillantfeuerwerk“ zünde, und von einem „perfekten Theaterabend“, bei dem das Publikum „jauchzte“. Werner Weber nannte es ein „Spiel der Täuschungen“ und sah darin, dass Frisch sich „in einem so unheimlichen Heiterkeitsspiel“ als Dichter erweise. Friedrich Luft beschrieb es als „Weltanschauungsgroteske mit Ulk, Ironie und tieferer Bedeutung“. Es gab auch Einwände: Siegfried Melchinger fand das Stück „etwas angerümpelt“ und bemängelte „die schematisierte Dürftigkeit der Figuren“, und Heinz Ludwig Arnold zählte es zu Frischs schwächsten Dramen, weil es ihm „zu hypertroph symbolisiert“, zu konstruiert erschien.

Auf überwiegende Ablehnung stieß das später angefügte Nachspiel. Hellmuth Karasek urteilte, was als Bestätigung der Unbelehrbarkeit des Helden wirken solle, gerate zu einer „verharmlosenden“ Fortsetzung und verenge das Drama „zur bloßen Kabarettpointe“. Für Torberg hatte Frisch damit die Moral seines Stückes „nicht nur verwässert, sondern platterdings halbiert“. Frisch selbst blieb zu seinem Erfolg auf Distanz. 1961 berichtete er, er habe das Stück ursprünglich als „Fingerübung“ gedacht und nicht damit gerechnet, von diesem „Haarölschwindler“ leben zu können. 1974 nannte er es unter seinen Stücken „das Bestgelungene im Sinne der Handwerksarbeit“, fügte aber hinzu: „Es ist mir nicht das Liebste.“

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