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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Mein Name sei Gantenbein
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Mein Name sei Gantenbein
1964
– Werkseintrag –

Mein Name sei Gantenbein

1964 · Roman

Ein verlassener Mann probiert Lebensgeschichten an wie Kleider – und erfindet einen Mann, der sehen kann, aber den Blinden spielt, um der Wahrheit zu entgehen.

Überblick↑

Der Roman Mein Name sei Gantenbein erschien im Herbst 1964 und gehört neben Stiller und Homo faber zum erzählerischen Hauptwerk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die das Schaffen Frischs durchzieht: Wer ist ein Mensch wirklich, und wie sehr ist er nur die Rolle, die er nach außen spielt? Nach einer gescheiterten Beziehung beginnt der Erzähler, sich wechselnde Lebensgeschichten auszudenken, um derselben Erfahrung aus verschiedenen Blickwinkeln nachzugehen. Sein Leitsatz lautet: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“ Aus diesem Spiel mit erfundenen Biografien entsteht eine Erzählform, die viele kurze Abschnitte aneinanderfügt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Verlassen von seiner Frau, sitzt ein Erzähler in einer leeren Wohnung mit abgedeckten Möbeln. Er sagt, er habe eine Erfahrung gemacht und suche nun die passende Geschichte dazu. Statt sein eigenes Erlebnis offen zu schildern, erfindet er Figuren, in deren Schicksalen sich diese Erfahrung spiegeln soll. Jedes Ich, das sich ausspreche, sei ohnehin nur eine Rolle, meint er; jeder Mensch erfinde sich die Geschichte, die er für sein Leben hält.

So entsteht die Gestalt des Theo Gantenbein, der nach einem Autounfall zu erblinden droht. Als der Verband fällt, kann er sehen – doch er beschließt, fortan die Rolle des Blinden zu spielen. Mit schwarzer Brille und Blindenstock muss er nicht mehr zeigen, was er bemerkt, und niemand fürchtet sein Urteil. Daneben entwirft der Erzähler weitere Männer, die alle auf ihre Weise mit der Frage ringen, ob man der eigenen Lebensgeschichte entkommen kann. Ihre Wege kreuzen sich in der Liebe zu einer Schauspielerin namens Lila. Gantenbein lebt mit ihr zusammen, und seine gespielte Blindheit erlaubt ihm, manches nicht sehen zu müssen – auch das, was ihn quält.

Die Handlung im Detail↑

In der leeren Wohnung beginnt der Erzähler, Geschichten anzuprobieren wie Kleider. Als erste Beispiele nennt er den Milchmann, der verrückt wird, weil sich seine Identität verbraucht hat und ihm keine neue mehr einfällt, und den eingebildeten Pechvogel, der seinen Lotteriegewinn lieber verliert, als sein Selbstbild zu verändern.

Dann erfindet er Theo Gantenbein. Nach einem Autounfall droht ihm die Erblindung; als ihm der Verband abgenommen wird, kann er jedoch wieder sehen. Trotzdem spielt er von nun an den Blinden. Mit Blindenstock und schwarzer Brille muss er nicht auf die Welt reagieren, wie sie ist, und muss nicht wahrnehmen, was er sieht. Weil niemand mehr seine Kontrolle oder sein Urteil fürchtet, wachsen seine Beliebtheit und sein Ansehen.

Als Gantenbein einer Frau namens Camilla Huber vor ihren Wagen läuft, muss er sie nicht als Prostituierte erkennen. Regelmäßig besucht er sie als Maniküre und erzählt ihr „wahre“ Geschichten – etwa vom Mann, der seine eigene Todesanzeige erhält und der eigenen Beerdigung beiwohnt, oder das Märchen von der Liebe des Schafhirten Ali und seiner blinden Frau Alil. Camilla durchschaut, dass Gantenbein sehen kann, verspricht aber zu schweigen, wenn auch er über sie schweigt. Ein Zahnarzt will sie heiraten, doch am Vortag der Hochzeit wird sie ermordet. Die Anklage richtet sich gegen eine bekannte Persönlichkeit, die schon durch die Veröffentlichung der an Camilla gerichteten Briefe ruiniert wird. Gantenbein, als Zeuge vor Gericht geladen, hat den Angeklagten zur Tatzeit gesehen – doch er gibt ihm kein Alibi, um nicht aus seiner Rolle als Blinder zu fallen.

Der Erzähler erfindet weitere Personen. Felix Enderlin erhält überraschend einen Ruf nach Harvard, glaubt aber zugleich, todkrank zu sein. Er ist unfähig, eine Rolle zu spielen, und fürchtet nichts mehr als Wiederholung und Eintönigkeit; lernt er eine Frau kennen, weiß er schon im Voraus, wie die Beziehung verlaufen wird. Frantisek Svoboda, ein großgewachsener Böhme, geht allein auf Reisen und wartet gelassen darauf, wie sich seine Frau Lila entscheidet: ob sie künftig an seiner Seite, an der Seite des anderen oder allein leben will.

Die Wege der drei Männer kreuzen sich in ihrer Beziehung zu Lila, einer Schauspielerin, die von allen dreien geliebt wird. Gantenbein vergleicht seine Verbindung mit ihr mit der von Philemon und Baucis. Zunächst sind beide glücklich. Als Blinder muss er nicht bemerken, dass sie ihm untreu ist, und Lila muss sich vor ihm nicht verstellen. Alle Anzeichen, dass er sehen kann, übergeht sie. Doch die Zeichen ihrer Untreue belasten ihn zunehmend: ein junger Mann aus Uruguay namens Einhorn, dänische Briefe, die sie vor ihm verbirgt, eine verschlossene Schublade, in der sich am Ende nur seine eigenen Briefe finden.

Die Beziehung könnte enden, als ein junger Schauspielschüler Lila aufsucht; Gantenbein hält ihn für seinen Nebenbuhler und schließt ihn im Schlafzimmer ein. Daraufhin erklärt Lila, sie wolle nicht länger mit einem Verrückten zusammenleben. Lila könnte auch eine Tochter bekommen, woraufhin Gantenbein der Zweifel quält, ob nicht ein Herr Siebenhagen der Vater sei. Als er Lila schließlich gesteht, dass er all die Jahre sehend war, fühlt sie sich verraten und weist ihn ab.

Am Ende erzählt der Erzähler Camilla die Geschichte eines Zürchers, der sterben wollte, ohne einen Namen und eine Geschichte zu hinterlassen; beinahe sei es dem Toten gelungen, namenlos im Sarg in der Limmat davonzutreiben. Den eigenen Tod vor Augen, wird der Erzähler von einer Instanz verhört und gefragt, welche seiner Figuren er selbst gewesen sei. Als er wieder in der Gegenwart ankommt, kommt es ihm vor, als sei all das gar nicht geschehen. Er sitzt in der südlichen Spätsommersonne, und das Leben gefällt ihm.

Stil↑

Schon der Titel deutet das Verfahren an: Der Erzähler schlüpft in die Rollen der männlichen Figuren und wechselt die Geschichten, indem er sie anprobiert wie Kleider. Deshalb werden die einzelnen Handlungsstränge nicht nacheinander erzählt, sondern in einer assoziativen Montagetechnik aus 91 kurzen Abschnitten ineinander verwoben. Indem der Erzähler seine eigene Erfahrung als erfundenes Beispiel darstellt, kann er sie aus der Distanz eines Betrachters von außen schildern und so möglichst sachlich ausdrücken. Auf diese Weise sollen die Verfälschungen durch persönliche, subjektive Ansichten möglichst gering bleiben. Der Erzähler selbst fasst seine Lage in einem Satz zusammen: Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung.

Rezeption↑

Nach seinem Erscheinen fand der Roman großen Anklang bei den Lesern. Schon wenige Monate nach der Erstausgabe im September 1964 war die Auflage von 100.000 Exemplaren überschritten. Daniel de Vin sah das Buch in der Bundesrepublik „als literarisches Ereignis lange Zeit im Brennpunkt des Gesprächs“. Auch in der DDR konnte das Werk wegen seines eher unpolitischen Inhalts als erstes von Frischs großen erzählerischen Büchern erscheinen.

In der zeitgenössischen Kritik stieß der Roman vielfach auf Skepsis bis Ablehnung. Heinrich Vormweg nannte ihn eine „exemplarische Sackgasse“. Hans Egon Holthusen beklagte den „Mangel an Integration aller erzählerischen Elemente“ und urteilte: „Der moderne Intellektuelle am Ende seines Lateins.“ Helmut Heißenbüttel unterschied gelungene und weniger gelungene Geschichten, die „nicht zur Einheit zusammen“ träten, und sprach von einer „unglücklichen Lösung“. Hans Mayer beschlich „dies flaue Gefühl vor lauter Geschichten aus dem Alltagsklischee“, und er fragte, ob nicht der „Parasit Gantenbein“ über den Erzähler Max Frisch gesiegt habe.

Marcel Reich-Ranicki hingegen verteidigte das Buch als „guten Roman“ und warnte: „Wer diesem Buch mit Kategorien beizukommen sucht, die aus den früheren Romanen Frischs, zumal aus dem Stiller, abgeleitet sind, verkennt seinen Gegenstand, seine Eigenart, sein Klima.“ Reinhard Baumgart fand das „Erzählgebäude“ der „Kühnheit seiner Planung und seines Humors […] nicht durchgehend gewachsen“, sah darin aber gerade ein „unbehagliches, ein unerschöpfliches Vergnügen“. Günter Blöcker nannte den Roman „mit Abstand Max Frischs gelungenste erzählerische Arbeit“. Peter Schneider nahm diese widersprüchlichen Stimmen zum Anlass einer Untersuchung über „Die Mängel der gegenwärtigen Literaturkritik“ und kam zu dem Schluss, die Urteile der Kritiker „fallen vom Himmel“.

Mit zeitlichem Abstand wurde das Werk anders eingeordnet. Volker Hage urteilte: „Der Roman ist das vertrackteste und faszinierendste Buch, das Frisch je geschrieben hat.“ Volker Weidermann nannte ihn einen „großartigen Roman, beklemmend, intensiv, geschichtenreich“. Für Jürgen H. Petersen zählt der Roman neben Stiller zu Frischs einflussreichsten Werken; im Spiel mit wechselnden Ich-Gestalten und im Erzählen von Fiktionen statt Fakten habe das Buch „geradezu Schule gemacht“.

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