1961
Andorra
Überblick↑
Andorra von Max Frisch ist ein Drama in zwölf Bildern. Es gehört neben Biedermann und die Brandstifter zu den bekanntesten Bühnenwerken des Schweizer Autors. Es bildet den Abschluss seiner Phase des engagierten Theaters. Uraufgeführt wurde es am 2. November 1961 am Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Kurt Hirschfeld. In Form einer Parabel erzählt das Stück am Beispiel des Antisemitismus, wie Vorurteile einen Menschen formen. Es zeigt, wie Mitläufer schuldig werden und wie das Bild, das andere sich von einem Menschen machen, sein Schicksal bestimmt. Das fiktive Andorra des Stücks meint nicht den realen Kleinstaat. Es steht modellhaft für jede Gesellschaft, die zusieht, wenn ein Einzelner zum Sündenbock wird. Bis heute zählt das Drama zum festen Bestand der deutschsprachigen Bühnen und der Schullektüre.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im kleinen Land Andorra fürchten die Bewohner den Angriff des mächtigen Nachbarvolks, der „Schwarzen“, die Juden verfolgen. Mitten in dieser angespannten Lage lebt der junge Andri. Der Lehrer Can gibt ihn seit der Kindheit als jüdisches Pflegekind aus: Er habe ihn, so die offizielle Erzählung, vor den „Schwarzen“ gerettet.
Andri arbeitet als Küchenjunge in einer Kneipe und liebt Barblin, die Tochter des Lehrers. Er möchte sie heiraten, traut sich aber nicht recht, in der Schuld seines vermeintlichen Retters um ihre Hand anzuhalten. Er will den allgegenwärtigen Vorurteilen der Andorraner möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Deshalb gibt er sich zurückhaltend und bemüht sich um Loyalität.
Doch wo Andri hinkommt, schlagen ihm Vorurteile entgegen: beim Tischler, der eine Lehre erst gegen überhöhtes Geld bewilligt; beim Doktor, beim Soldaten, beim Wirt. Selbst gut gemeinte Worte des Paters laufen darauf hinaus, Andri solle „sich selbst“ als Jude annehmen. Je mehr man ihm sagt, wer er sei, desto stärker beobachtet er sich und übernimmt die ihm zugeschriebenen Züge. Seine wahre Herkunft droht ans Licht zu kommen, und die „Schwarzen“ rücken näher. So gerät Andris Verhältnis zu Vater, Geliebter und ganzem Dorf in eine Krise. Deren Ausgang führt das Stück in zwölf Bildern bis zum Ende.
Die Handlung im Detail↑
Das Stück beginnt am Vortag des Sankt-Georgs-Tags. Barblin, die Tochter des Lehrers Can, weißelt das Haus ihres Vaters, wie es Brauch ist. Der Soldat beobachtet sie und belästigt sie mit anzüglichen Witzen. Der Pater beschwört das Selbstverständnis der Andorraner als friedliches, schwaches und frommes Land, doch verschiedene Vorzeichen kündigen Unheil an. Die Einwohner Andorras fürchten den Angriff der „Schwarzen“, des mächtigen Nachbarvolks, das Juden verfolgt und ermordet – und zugleich sind sie selbst voller antisemitischer Vorurteile.
Andri, die Hauptperson, arbeitet als Küchenjunge in einer Kneipe. Er gilt seit Kindertagen als jüdisches Pflegekind des Lehrers Can; in Wahrheit ist er Cans außerehelicher Sohn aus einer Verbindung mit einer „Schwarzen“. Um seine Vaterschaft zu verbergen, hat der Lehrer behauptet, er habe den Jungen vor den „Schwarzen“ gerettet. Andri liebt Barblin, ohne zu wissen, dass sie seine Halbschwester ist. Er möchte sie heiraten, traut sich aber nicht, bei seinem „Retter“ um ihre Hand anzuhalten; die unausgesprochene Dankesschuld bedrückt ihn. Um nicht aufzufallen, passt er sich an und bemüht sich um Loyalität.
Der Lehrer handelt für Andri eine Tischlerlehre aus, obwohl der Tischler seine Vorurteile mit der Floskel „… wenn's einer nicht im Blut hat“ begründet und überhöhtes Lehrgeld verlangt. Stolz präsentiert Andri seine Lehrlingsprobe, einen fest verzapften Stuhl; der Tischler aber schiebt ihm das misslungene Werk des Gesellen unter, dessen Beine sich herausreißen lassen. Der Geselle schweigt, der Tischler wertet Andris Arbeit ab und versetzt ihn in den Verkauf – ein Jude, meint er, sei dort besser aufgehoben. Andri erkennt, dass Anpassung allein die Mauer der Vorurteile nicht durchbricht, und begehrt zum ersten Mal auf.
Nach einer Untersuchung wirft der Lehrer den Doktor wegen antisemitischer Reden aus dem Haus. Andri hält endlich um Barblins Hand an, wird aber abgewiesen und schreibt die Zurückweisung seiner jüdischen Identität zu. Je mehr Vorurteile ihm entgegenschlagen, desto schärfer beobachtet er sich selbst und übernimmt die ihm zugeschriebenen Eigenschaften: Erst als er plant, mit Barblin auszuwandern, eignet er sich die ihm angedichtete Geldgier an, obwohl er zuvor großzügig war.
In einer entscheidenden Nacht schläft Andri auf Barblins Türschwelle. Ohne dass er es bemerkt, vergewaltigt der Soldat Barblin in ihrer Kammer; sie versucht vergeblich zu schreien. Mehrmals weist Andri in dieser Nacht den Vater zurück, der mit ihm sprechen will, und verwahrt sich dagegen, dessen „Sohn“ zu sein. Als der Soldat aus der Kammer tritt, verliert Andri auch den Glauben an Barblin. Der Pater sucht ihn zu trösten, bestärkt ihn aber in der Rolle des Juden und legt ihm nahe, „sich selbst“ als solchen anzunehmen.
Andris leibliche Mutter, von allen „die Senora“ genannt, kommt aus dem Land der „Schwarzen“ nach Andorra, um ihren Sohn zu sehen. Sie hält dem Lehrer vor, das Kind als Juden ausgegeben zu haben, und Can fasst endlich den Entschluss, die Wahrheit zu offenbaren. Der Pater eröffnet sie Andri – doch der weigert sich, sie anzunehmen. Er beharrt auf seiner Rolle als Jude und Sündenbock; mit ihr hat er sich inzwischen abgefunden. Bei der Abreise wird die als „Spitzelin“ beschimpfte Senora durch einen Steinwurf getötet. Die Tat wird Andri zu Unrecht angelastet; die spätere Angst des Wirtes verrät ihn als den wahren Steinwerfer.
Die „Schwarzen“ marschieren in Andorra ein. Vormals laute Patrioten geben ihre Waffen ab und biedern sich bei den neuen Machthabern an. In einer letzten Begegnung weist Andri die Wahrheit über seine Herkunft ein letztes Mal ab. Er identifiziert sich nun ganz mit dem Schicksal der Juden und ist bereit, die Märtyrerrolle zu übernehmen. Auch Barblin, die ihn als Bruder zu retten versucht, weist er zurück; er verlangt von ihr, was sie in seinen Augen jedem außer ihm gewährt – mit ihr zu schlafen. Bevor es so weit kommt, wird er vom Soldaten aufgegriffen, der inzwischen zu den „Schwarzen“ übergelaufen ist.
Auf dem großen Platz von Andorra findet eine „Judenschau“ unter Leitung eines „professionellen Judenschauers“ statt, der angeblich Juden an äußeren Merkmalen erkennt. Trotz Barblins Aufrufen zum Widerstand setzen sich die Andorraner nicht zur Wehr. Andri wird an seinem Gang als „Jude“ erkannt und abgeführt. Erst als ihm der Finger abgehackt wird, um den Ring der Senora zu nehmen, geht diese Tat selbst den Andorranern zu weit. Am Ende hat sich der Lehrer erhängt, Barblin den Verstand verloren und weißelt das Pflaster des Platzes – ein verzweifeltes Echo der Anfangsszene.
Zwischen den Bildern treten einzelne Andorraner an eine Schranke und rechtfertigen vor dem Publikum, wie in Zeugenaussagen, ihre Taten und Unterlassungen. Sie weisen jede Schuld an Andris Tod von sich. Nur der Pater spricht im Gebet statt an der Schranke. Er bekennt, sich ein Bildnis von Andri gemacht zu haben, und übernimmt eine Mitschuld.
Stil↑
Frisch nennt sein Stück ausdrücklich ein „Modell“ und gliedert es in zwölf Bilder. Die Parabelform stellt einen erfundenen Schauplatz und einen exemplarischen Konflikt in den Mittelpunkt. Nicht ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Zeit soll sichtbar werden, sondern ein Mechanismus. Die Figuren tragen oft typisierende Bezeichnungen: der Lehrer, der Soldat, der Tischler, der Pater, der Wirt, der Doktor, die Senora. So verkörpern sie weniger Individuen als Rollen einer Gesellschaft.
Charakteristisch ist die Doppelstruktur der Aufführung. Zwischen den Bildern der eigentlichen Handlung treten einzelne Andorraner an eine Schranke vor das Publikum und sagen wie vor einem unsichtbaren Gericht aus. Diese Vordergrund-Passagen unterbrechen die Illusion. Sie machen das Theater zum Raum der Rechtfertigung und zwingen den Zuschauer in die Rolle des Richters. Allein der Pater bekennt seine Mitschuld – im Gebet, nicht an der Schranke. Alle anderen reden sich heraus. So wird Frischs Leitmotiv „Du sollst dir kein Bildnis machen“ formal in die Bauart des Stücks eingeschrieben.
Die Sprache ist knapp, alltäglich und stark rhythmisiert. Wiederkehrende Floskeln wie das „… wenn's einer nicht im Blut hat“ des Tischlers tragen die Vorurteile in den Klang der Sätze. Vorzeichen, Rituale und symbolische Handlungen rahmen das Geschehen: das Weißeln des Hauses am Anfang, das Weißeln des Pflasters am Ende. Sie geben dem Stück eine fast lehrhafte Strenge. Frisch selbst hat später angemerkt, das Stück gebe sich „zu einsinnig“ und komme „ohne penetrante Sinngebung nicht aus“. Das ist ein selbstkritischer Hinweis auf die Eindeutigkeit der parabolischen Anlage.
Rezeption↑
Die Uraufführung am Zürcher Schauspielhaus am 2. November 1961 wurde wegen des großen Publikumsinteresses auf drei Abende verteilt und war ein außergewöhnlicher Erfolg. Siegfried Melchinger nannte Andorra das wichtigste deutschsprachige Stück seit Jahren. Friedrich Luft sprach von einer „Raserei der Zustimmung“ und feierte ein „Exempelstück, ein überzeitliches Zeitstück“. Er fügte aber bereits die skeptische Frage hinzu, ob man Frisch ebenso verstehen werde, wie man ihn bejubelt habe.
In der Schweiz wurde das Stück als Selbstporträt gelesen und von der Kritik mit wenig Begeisterung aufgenommen. Frisch selbst sprach offen von einer „Attacke gegen das pharisäerhafte Verhalten gegenüber der deutschen Schuld“. In Deutschland sah Rudolf Walter Leonhardt das historische Modell für Andorra in Deutschland. Hellmuth Karasek erkannte in der Schlussszene der Judenschau eine erschütternde Entsprechung zu den KZ-Selektionen. Peter Pütz beobachtete, dass manche Zuschauer ein „düsteres Kapitel deutscher Geschichte – zumindest literarisch – bewältigt“ sahen. Andere dagegen vermissten eine angemessene Darstellung des Unsagbaren.
Bald mischten sich kritische Stimmen in den Jubel. Friedrich Torberg hielt das Stück für eines der wichtigsten seit 1945. Er sah aber ein „fundamentales Mißverständnis“ darin, dass Jude und Antisemitismus als auswechselbare Vorurteils-Modelle behandelt würden. Hans Bänziger berichtete von Stimmen, die eine „antisemitische Tendenz“ entdeckt haben wollten. Hans Rudolf Hilty warnte, ein nur „hypothetischer Jude“ lasse die Verfolgung „allzu leicht als ‚tragischer Irrtum'“ erscheinen. Hans Weigel sprach eine „Warnung vor Andorra“ aus.
Die israelische Inszenierung im März 1962 am Stadttheater Haifa wurde als „gewisses Wagnis“ beschrieben, weil dort die Ankläger im Publikum saßen. Sie wurde dem israelischen Publikum dennoch „warm empfohlen“. Die New Yorker Broadway-Aufführung dagegen fiel durch und wurde schon eine Woche nach der Premiere am 9. Februar 1963 abgesetzt. Howard Taubman vermisste Witz und Leichtigkeit. Sabina Lietzmann urteilte über fünfzehn amerikanische Kritiken, nur fünf hätten überhaupt begriffen, worum es gehe.
Trotz dieser Brüche zählte Andorra in der Spielzeit 1962/63 mit 963 Aufführungen nach Dürrenmatts Die Physiker zum zweiterfolgreichsten Stück an deutschsprachigen Bühnen. In den Folgejahren wurde es seltener gespielt und vor allem als Schullektüre gelesen. Seit den 1980er Jahren stiegen die Inszenierungen wieder. Das Stück wurde in seiner „Zeitlosigkeit“ und „beklemmenden Aktualität“ neu wahrgenommen. Bis 1996 zählte Volker Hage rund 230 Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Jürgen H. Petersen nennt das Stück „bis auf den heutigen Tag umstritten“ und „im deutschsprachigen Raum als Kunstwerk gleichermaßen geschätzt wie verworfen“. Frisch selbst hat sich 1968 mit Biografie: Ein Spiel ausdrücklich von der Parabelform abgewandt. Er hat aber bekannt, er sei froh, Andorra geschrieben zu haben.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →