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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Anatol
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Anatol
1893
– Werkseintrag –

Anatol

1893 · Drama

Sieben kleine Wiener Szenen um Anatol, einen jungen Lebemann, der in immer neuen Liebschaften nach Wahrheit sucht und dabei stets sich selbst im Weg steht.

Überblick

Mit dem Einakter-Zyklus Anatol trat Arthur Schnitzler im Herbst 1892 erstmals als Dramatiker hervor. Die Buchausgabe erschien vordatiert auf 1893. Das einleitende Gedicht steuerte der junge Hugo von Hofmannsthal unter dem Pseudonym Loris bei. Sieben lose verbundene kleine Szenen umkreisen denselben Mann: Anatol, einen jungen Wiener Lebemann. Zwischen wechselnden Geliebten, Selbstmitleid und Ironie spielt er sein Liebesleben in immer neuen Varianten durch. Das Werk gilt als ein Schlüsseltext der Wiener Moderne. Es zeichnet das Stimmungsbild einer Gesellschaft, in der das Gefühl zur Pose geworden ist.

Inhalt (ohne Spoiler)

In sieben kurzen Szenen begegnet man Anatol, einem jungen Wiener aus gutem Hause. Er taumelt von einer Liebschaft in die nächste. An seiner Seite steht der nüchterne Freund Max. Ihm vertraut Anatol seine Zweifel, Schwüre und Theorien an, und Max kommentiert sie meist mit milder Ironie.

Mal grübelt Anatol darüber, ob seine Geliebte ihm treu sei, und erwägt, sie mit Hypnose zu befragen. Mal sucht er am Heiligen Abend ein Geschenk für ein „süßes Mädel" aus der Vorstadt. Dabei trifft er auf eine Frau aus der eigenen großbürgerlichen Welt, die ihn an alte Gefühle erinnert. Ein anderes Mal stöbert er in Andenken früherer Affären. Er will mit der Vergangenheit aufräumen und einer flüchtigen Geliebten in der Erinnerung ein Denkmal setzen.

Es folgen Szenen, in denen Anatol eine Beziehung beenden will. In anderen wirbt er um eine verheiratete Frau, die ihn nur halb gehören mag. Und schließlich naht seine eigene Hochzeit. Immer wieder geht es um dasselbe Spannungsfeld: die Sehnsucht nach echter Liebe und Treue auf der einen, die Unfähigkeit zu Bindung und Wahrheit auf der anderen Seite. Der Zyklus lebt von der Spannung zwischen Anatols pathetischen Reden und dem, was sein Verhalten verrät.

Die Handlung im Detail

In Die Frage an das Schicksal diskutiert Anatol mit Max das Problem, dass ein Mann nie sicher wissen könne, ob eine Frau ihm treu sei. Anatol selbst hält Treue für unmöglich und verdächtigt seine Geliebte Cora der Untreue. Max schlägt vor, sie zu hypnotisieren. Cora kommt nach Hause und bittet sogar selbst darum, hypnotisiert zu werden. Anatol fragt die Eingeschlafene, ob sie ihn liebe, und sie antwortet mit „ja!". Doch die entscheidende Frage nach der Treue scheut er. Gegen jede Formulierung, die Max ihm vorschlägt, findet er Einwände, zweifelt die Verständlichkeit, schließlich sogar die Beantwortbarkeit der Frage an, nur um sie nicht stellen zu müssen. Als Max ihn schließlich entnervt zur Rede stellt, schickt Anatol ihn vor die Tür, um Cora allein zu befragen. Doch mit ihr allein lässt er sich von seinen Gefühlen überwältigen und weckt sie auf, ohne die Frage gestellt zu haben. Cora erklärt anschließend, sich nie wieder hypnotisieren lassen zu wollen.

In Weihnachtseinkäufe sucht Anatol am Heiligen Abend ein Geschenk für seine derzeitige Geliebte und trifft Gabriele, eine ehemalige Liebe, die ihn einst zurückgewiesen hat und nun mit Mann und Kindern lebt. Sie will ihm beim Aussuchen helfen, doch als sie erfährt, dass das beschenkte „süße Mädel" aus der Vorstadt stammt, schlägt ihre Anteilnahme in Spott um. Im Gespräch wird die einfache, natürliche „kleine Welt" der Vorstadt der künstlichen, unverbindlichen „großen Welt" des Wiener Großbürgertums gegenübergestellt. Anatol gesteht seine Sehnsucht nach Wahrheit und reiner Liebe, ist sich aber im Klaren, dass er selbst Meister jenes unverbindlichen Liebesspiels ist und sich an das einfache Mädchen letztlich nicht binden wird. Gabriele wiederum, angerührt von Anatols Schwärmerei, gibt ihm am Ende einen Blumenstrauß mit für seine neue Liebe – von einer Dame, „die vielleicht ebenso lieben kann wie sie, die aber den Mut dazu nicht hatte".

In Episode bringt Anatol Max einen Karton mit Päckchen voller Briefe, Locken und Erinnerungsstücke an frühere Geliebte: Er will aufs Land gehen und sein Leben „ordnen". Ein Päckchen trägt die Aufschrift Episode und steht für Bianca, eine Zirkusartistin, mit der er einst zwei romantische Abendstunden verbrachte. In Anatols Erinnerung war es ein Augenblick tiefster Einsicht in das Wesen der Liebe; er sieht sich selbst als „Zauberer der Liebe", der durch das Heraufbeschwören der richtigen Stimmung empfinden könne, wo andere nur genießen. Max widerspricht freundlich: Wer auf solche Weise Stimmungen produziere, vergesse leicht den anderen Menschen darin – er, Max, habe Bianca damals besser gekannt. Kurz darauf erscheint Bianca, die wieder in der Stadt gastiert. Anatol versteckt sich zunächst, voller Vorfreude auf das überwältigte Wiedererkennen – doch als er hervortritt, erkennt Bianca ihn nicht. Getroffen verlässt er das Haus. Max wirft das Päckchen Episode ins Feuer und lässt sich erst nach und nach von Bianca in ein Gespräch über ihre neuesten Abenteuer ziehen.

In Denksteine durchstöbert Anatol den Schreibtisch seiner Geliebten Emilie und findet einen roten Rubin und einen schwarzen Diamanten, obwohl beide einander geschworen hatten, alle Andenken an frühere Lieben zu vernichten. Auf sein Drängen gesteht Emilie, dass sie den Rubin am Abend ihrer ersten Hingabe trug. Den schwarzen Diamanten habe sie behalten, weil er ein Viertel einer Million wert sei. Anatol wirft den Stein ins Feuer; Emilie versucht mit allen Mitteln, ihn wieder herauszuholen. Anatol verlässt sie mit dem Wort „Dirne".

In Abschiedssouper will Anatol seine Beziehung zu Annie beenden – er hat längst eine Neue, die bescheidener ist. Zwischen ihm und Annie galt die Abmachung, vor jedem Betrug Schluss zu machen. Im Restaurant trifft er sich erst mit Max, dann mit Annie, die ihrerseits Schluss machen will. Anatol kommt ihr zuvor, erzählt von seiner neuen Liebe und stellt es so dar, als beende er die Beziehung. Annie verlässt erbost das Lokal.

In Agonie empfängt Anatol die verheiratete Else, die ihren Mann mit ihm betrügt und verspätet eintrifft. Er drängt sie, mit ihm fortzugehen und nur ihm zu gehören. Else lehnt ab, muss bald wieder zurück und vertröstet ihn auf morgen.

In Anatols Hochzeitsmorgen liegt nach durchfeiertem Junggesellenabend Ilona noch in Anatols Bett. Heute soll er heiraten. Zunächst behauptet er, nur zu Freunden zu gehen, gesteht ihr dann aber, dass er zu seiner eigenen Hochzeit fährt. Während Anatol das Haus verlässt und zur Trauung aufbricht, schwört Ilona Rache; Max bleibt zurück und beruhigt sie.

Stil

Das Werk Anatol besteht aus sieben in sich abgeschlossenen Einaktern. Die Hauptfigur und der Freund Max verklammern sie lose miteinander. Schnitzler verzichtet auf große dramatische Bögen. Stattdessen setzt er auf kurze Szenen, in denen fast ausschließlich gesprochen wird. Träger der Handlung ist der Dialog: pointiert, ironisch, oft mit doppeltem Boden.

Charakteristisch ist die Spannung zwischen Anatols pathetischer Selbststilisierung und Max' nüchternem Kommentar. Anatol redet sich in Theorien über Liebe, Treue und Stimmung hinein. Der Freund hält dagegen oder lässt ihn lächelnd auflaufen. So entsteht ein leiser, sezierender Witz. Er zielt weniger auf Pointen als auf die Entlarvung des Sprechers.

Sprachlich bewegt sich der Zyklus im Plauderton der Wiener Salons und Kaffeehäuser. Die Stücke wirken wie hingetuschte Momentaufnahmen. In ihnen werden die Atmosphäre des Fin de Siècle und die Selbsttäuschungen einer ganzen gesellschaftlichen Schicht greifbar.

Rezeption

Die einzelnen Stücke wurden zunächst einzeln aufgeführt. Erst am 3. Dezember 1910 kam es zu einer gemeinsamen Aufführung des Zyklus, gleichzeitig im Deutschen Volkstheater in Wien und im Lessingtheater in Berlin. Damit etablierte sich Anatol endgültig im Repertoire.

Das Werk hat über die Bühne hinaus weitergewirkt. 1921 verfilmte Cecil B. DeMille den Stoff unter dem Titel Anatol, der Frauenretter. Später entstand mit The Game of Love eine dramatisch-musikalische Adaption. Bis heute gilt der Zyklus als eines der bekanntesten Werke Schnitzlers und als prägendes Bild des Wiener Lebemanns um 1900.

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