1882
Anandamath
Überblick↑
Der Roman Anandamath von Bankim Chandra Chattopadhyay erschien 1882 auf Bengalisch. Der Originaltitel আনন্দমঠ bedeutet so viel wie „Kloster der Glückseligkeit“. Das Buch spielt vor dem Hintergrund der Sannyasi-Erhebung und der großen Hungersnot in Bengalen von 1770. Es gilt als eines der wichtigsten Werke der bengalischen und indischen Literatur.
Der Roman ist widersprüchlich in seiner politischen Haltung. Er zeigt sich britenfreundlich und vertritt die Ansicht, die britischen Herrscher seien Indiens Retter. Zugleich wurde ihm eine gegen Muslime gerichtete Voreingenommenheit vorgeworfen.
In diesem Roman wurde auch das Lied „Vande Mataram“ veröffentlicht, zu Deutsch etwa „Heil dir, Mutterland“. Es war das erste Lied, das Indien als Mutterland darstellte. Nach der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 wurde es 1950 zum Nationallied der Republik Indien erklärt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Bengalen im Jahr 1770: Eine Hungersnot verwüstet das Land. Im Dorf Padachinha sitzen das Ehepaar Mahendra und Kalyani ohne Nahrung und Wasser fest. Die beiden beschließen, ihr Dorf zu verlassen und in die nächstgelegene Stadt zu ziehen, wo die Aussicht auf Überleben besser ist.
Auf diesem Weg werden die Eheleute getrennt. Kalyani muss mit ihrem Säugling durch den Wald fliehen, um Menschenfressern zu entkommen. Nach langer Verfolgung bricht sie am Ufer eines Flusses bewusstlos zusammen.
Hilfe kommt von unerwarteter Seite. Im Land haben sich Männer zusammengeschlossen, die ihre Häuser verlassen und das Zeichen der Asketen angenommen haben, um sich gegen die Britische Ostindien-Kompanie zu erheben. Auch Mahendra fühlt sich zunehmend zu dieser Bruderschaft hingezogen, die der Mutter Nation dienen will. Kalyani wiederum möchte ihm den Weg zu seinem Traum frei machen und ihn von den weltlichen Pflichten entbinden.
Während die Bewegung der Aufständischen wächst und immer mehr Zulauf erhält, steuert der Konflikt mit den Truppen der Kompanie auf eine offene Schlacht zu.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn steht das Ehepaar Mahendra und Kalyani im Mittelpunkt, das während der Hungersnot in seinem Dorf Padachinha ohne Nahrung und Wasser ausharrt. Die beiden brechen in die nächste Stadt auf. Unterwegs werden sie voneinander getrennt. Kalyani flieht mit ihrem Säugling durch den Wald vor Menschenfressern und verliert am Flussufer das Bewusstsein.
Ein Aufständischer namens Jiban findet sie. Er gehört zu den „Santana“, jenen Menschen, die das Zeichen der Asketen angenommen und ihre Häuser verlassen haben, um gegen die Britische Ostindien-Kompanie zu kämpfen. Jiban bringt das Kind zu seiner Schwester nach Hause und schafft Kalyani in seine Einsiedelei.
Mahendra neigt inzwischen immer stärker dazu, sich der Bruderschaft der Mönche anzuschließen und der Mutter Nation zu dienen. Kalyani will ihm dabei helfen, seinen Traum zu verwirklichen, indem sie sich das Leben zu nehmen versucht und ihn so von den weltlichen Pflichten befreit. In diesem Augenblick stößt Mahatma Satyananda zu ihr. Bevor er eingreifen kann, wird er von den Soldaten der Ostindien-Kompanie verhaftet, denn andere Mönche haben den Aufstand gegen die Herrschaft der Kompanie angefacht. Während man ihn fortschleppt, erblickt er einen weiteren Mönch, der seine kennzeichnende Kutte nicht trägt, und singt ihm eine verschlüsselte Botschaft zu: In milder Brise, am Ufer des Flusses, im Walde, weile eine ehrbare Dame. Der andere Mönch entschlüsselt das Lied, rettet Kalyani und das Kind und bringt beide in ein Versteck der aufständischen Mönche. Zur selben Zeit finden auch Mahendra die Mönche Unterschlupf gewährt. So sind Mahendra und Kalyani wieder vereint.
Der Anführer der Aufständischen zeigt Mahendra die drei Gesichter von Bharat Mata, der Mutter Indien. Es sind drei Götterbilder, die in drei aufeinanderfolgenden Räumen verehrt werden. Was die Mutter war: ein Bildnis der Göttin Jagaddhatri, das auf den vergangenen Glanz Bengalens und Indiens verweist. Was die Mutter geworden ist: ein Bildnis der Göttin Kali, ein Hinweis auf die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes und die Hungersnot. Was die Mutter sein wird: ein Bildnis der Göttin Durga, das die Vision eines künftigen Indien verkörpert.
Der Einfluss der Aufständischen wächst allmählich, ihre Reihen füllen sich. Ermutigt verlegen sie ihr Hauptquartier in eine kleine Backsteinfestung. Die Truppen der Ostindien-Kompanie greifen die Festung mit großer Übermacht an. Die Aufständischen blockieren die Brücke über den nahen Fluss, doch es fehlt ihnen an Geschützen und militärischer Ausbildung. Im Gefecht ziehen sich die Truppen planmäßig über die Brücke zurück. Das ungeordnete Heer der Sannyasi verfolgt sie ohne Kriegserfahrung und läuft in die Falle. Sobald die Brücke voller Aufständischer ist, eröffnet die Artillerie der Kompanie das Feuer und richtet ein Blutbad an.
Einigen Aufständischen gelingt es jedoch, mehrere Kanonen zu erobern und das Feuer auf die Linien der Ostindien-Kompanie zurückzulenken. Die Truppen der Kompanie müssen weichen, und die Aufständischen gewinnen ihre erste Schlacht. Am Ende bauen Mahendra und Kalyani sich erneut ein Zuhause auf, und Mahendra unterstützt die Aufständischen weiterhin.
In diesem Roman wird das Lied „Vande Mataram“ gesungen. Der Titel bedeutet „Ich verneige mich vor dir, Mutter“. Das Lied begeisterte im 20. Jahrhundert die Freiheitskämpfer. Seine ersten beiden Strophen wurden nach der Unabhängigkeit zum Nationallied Indiens.
Stil↑
Verfasst ist das Werk auf Bengalisch als historischer Roman mit deutlich politischem Einschlag. Chattopadhyay verbindet das Schicksal eines einzelnen Ehepaares mit einem großen historischen Geschehen: Die Flucht von Mahendra und Kalyani führt mitten hinein in den Aufstand der Sannyasi.
Auffällig ist die Verwendung religiöser Bilder für politische Gedanken. Die drei Götterbilder in den drei Räumen zeigen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes als drei Gestalten der Mutter Indien. Damit wird eine geschichtliche Deutung in ein einziges anschauliches Bild gefasst.
In den Erzählverlauf sind Lieder eingebettet. Eines davon dient sogar als verschlüsselte Nachricht: Ein gefangener Mönch singt einem anderen zu, wo sich eine hilfsbedürftige Frau befindet. Auch „Vande Mataram“ erklingt als Gesang innerhalb der Handlung.
Rezeption↑
Das Werk zählt zu den bedeutendsten Romanen der bengalischen und indischen Literaturgeschichte. Seine größte Wirkung entfaltete es durch das darin veröffentlichte Lied „Vande Mataram“, das erste Lied, das Indien als Mutterland besingt. Es begeisterte im 20. Jahrhundert die Freiheitskämpfer. Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 wurden die ersten beiden Strophen 1950 zum Nationallied der Republik Indien erklärt.
Umstritten ist die politische Haltung des Romans. Er vertritt britenfreundliche Ansichten und stellt die britischen Herrscher als Retter Indiens dar. Zugleich wurde ihm eine gegen Muslime gerichtete Voreingenommenheit vorgehalten. M. R. A. Baig äußerte dazu, das Buch sei antimuslimisch, weil die Hindus jener Zeit antimuslimisch gewesen seien; Bankim Chatterji sei ein Romancier gewesen, kein Propagandist.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →