1838 – 1894
Bankim Chandra Chattopadhyay
Kurzbiografie↑
Bankim Chandra Chattopadhyay, oft auch Chatterjee geschrieben, war ein indischer Schriftsteller aus Bengalen. Er wurde 1838 in Kanthalpara geboren und starb 1894 in Kolkata. Als Romanautor, Essayist und Herausgeber zählt er zu den populärsten Schriftstellern der bengalischen Renaissance des 19. Jahrhunderts. Seine Romane erschienen zunächst in Zeitschriften und wurden im Kolkata der 1870er Jahre mit großer Spannung erwartet. Wegen ihrer nationalen Färbung und ihrer sprachlichen Gestalt gelten sie bis heute als Meilensteine der indischen Literaturgeschichte.
Biografie↑
Geboren wurde Bankim Chandra am 26. Juni 1838 im Dorf Kanthalpara nahe der Bahnstation Naihati. Sein Vater war ein orthodoxer Kulin-Brahmane und arbeitete als Deputy Collector, also als Steuereinnehmer, für die englische East India Company. Mit sechs Jahren kam der Junge auf die englische Schule in Medinipur, wo der Vater im Dienst stand. Er galt früh als brillanter Schüler; besonders das Sanskrit zog ihn an.
Als Elfjähriger wurde er 1849 mit einem fünfjährigen Mädchen verheiratet. Die Frau starb früh. Im selben Jahr besuchte er das Mohsin-College in Hugli-Chunchura, wo sieben seiner Lehrer Europäer waren. 1856 wechselte er ans Presidency College in Kolkata, das frühere Hindu College, um Recht zu studieren. Den Abschluss machte er 1858. Er war einer der beiden ersten, die an der neu gegründeten Universität ihr Bakkalaureat ablegten.
Danach trat Bankim Chandra in den Regierungsdienst ein. Dreiunddreißig Jahre lang arbeitete er als Deputy Collector, unter anderem im ostbengalischen Jessore. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er ein zweites Mal. Rajlakshmi Devi Choudhuri stammte aus einer angesehenen Familie aus Halishahar, einem Stadtteil von Chittagong im damaligen Ostbengalen, das heute zu Bangladesch gehört. Sie übte großen Einfluss auf sein Werk aus. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor.
Seinen Wunsch nach Pensionierung lehnten die Vorgesetzten lange ab. Eine Beförderung in den Höheren Dienst erhielt er gleichwohl nicht. Seine Fähigkeiten als Verwaltungsmann waren dabei unbestritten. Die Konflikte mit den britischen Arbeitgebern kamen von seiner selbstbewussten und kolonialkritischen Haltung. Vor den geistigen und wissenschaftlich-organisatorischen Leistungen der Europäer hatte er dennoch stets Respekt. Um seine Stelle zu behalten und familiäre Schulden zu tilgen, ging er in seinem Schreiben manchen Kompromiss ein.
1891 trat er mit einer Pension von 400 Rupien monatlich in den Ruhestand. Im Jahr darauf erhielt er den Ehrentitel eines Rai Bahadur. In seinem Todesjahr 1894 wurde er zum Companion of the Order of the Indian Empire ernannt. Am 8. April 1894 starb er in Kolkata im Alter von 55 Jahren.
Zeitgenossen beschrieben sein Auftreten als aristokratisch und ihn selbst als starke Persönlichkeit. Er kam aus wohlhabendem Haus und hatte einen großen bengalischen Freundeskreis, zu dem auch Rabindranath Tagore gehörte. Anders als seine Zeitgenossen Dwarkanath Tagore, Rammohan Roy oder Michael Madhusudan Dutt hat er Bengalen zeit seines Lebens nie verlassen. Sein Haus im nördlichen Distrikt von Kolkata, in der Sri Gopal Mullick Lane, wartet bis heute auf eine endgültige Renovierung; der Familiensitz der Tagores dagegen ist gut erhalten.
Literarische Merkmale↑
Was Bankim Chandras Bücher zusammenhält, ist der genaue Blick auf das Leben, das er selbst kannte. Als Steuereinnehmer stand er auf dem Land in engem Kontakt mit der Bevölkerung. Er kannte die schwer zugänglichen Sümpfe der Sundarbans mit ihren Schmuggler- und Räuberbanden ebenso wie das städtische Leben von Kolkata. So konnte er die sozialen Grenzen überschreiten, die ihm gesetzt waren, und ein lebensvolles Bild des bengalischen Alltags in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnen.
Damit brach er mit der bis dahin üblichen märchenhaften Erzählweise, die zudem in schwer verständlicher poetischer Form und in Sanskrit verfasst war. Nach einigen poetischen Versuchen und einem ersten Roman in englischer Sprache, Rajmohan's Wife, schrieb er fast nur noch in seiner Muttersprache Bengali. Er mischte klassische Sanskritbegriffe mit umgangssprachlichen. Dadurch ließen sich zum ersten Mal alltägliche Situationen und Lebenswelten darstellen. Die Freiheit im Umgang mit dem Bengali, die sein Schüler und Nachfolger Rabindranath Tagore erreichte, hatte er noch nicht; seine spannenden, wirklichkeitsnahen Bilder des indischen Alltags gelten aber bis heute als unübertroffen.
Sein erster Roman Durgeshnandini erschien 1865 und erregte sofort großes Aufsehen. Er begründete die Gattung des modernen bengalischen Romans. Zu seinen bekanntesten Büchern zählt der historische Roman Kapalkundala von 1866, der zwanzig Jahre später ins Deutsche übersetzt wurde. Darin sind Einflüsse von Kalidasas Sanskritdrama Sakuntala ebenso zu erkennen wie von Shakespeares The Tempest.
Ähnlich wie bei Charles Dickens lag ein Grund seines Erfolgs darin, dass er der Haltung seines eher konservativen Publikums Rechnung trug. Bei Themen wie Witwenverbrennung, Wiederheirat von Witwen oder Kastenwesen setzte er auf Wandel durch Verständnis, Erziehung und Annäherung, nicht auf den kompromisslosen Bruch. Wie Dickens vertraute er auch auf die Wirkung des Romantischen bis hin zur Sentimentalität. Viktorianische und Hindu-Moral gingen dabei Hand in Hand. Die Entsagung des Einzelnen stand im Zweifelsfall über der Erfüllung eigener Wünsche, und im Konflikt zwischen Leidenschaft und Moral, dharm, bewertete er das moralische Verhalten höher.
Rezeption↑
Nach Kapalkundala trug ihm seine romantische Ader bald den Ruf eines „bengalischen Scott“ ein. Dass seine Romane besonders auf weibliche Leser wirkten, sorgte in konservativen Kreisen für Stirnrunzeln. Die von ihm seit 1872 herausgegebene Zeitschrift Bangadarshan, auf Deutsch „Bengalischer Spiegel“, prägte die folgenden Schriftstellergenerationen nachhaltig. Rabindranath Tagore verglich ihre Wirkung mit dem ersten Regen am Ende der Trockenzeit.
Politisch wirkte vor allem sein Roman Anandamath von 1882. Die darin enthaltene Hymne Bande Mataram, „Ich beuge mich vor Dir, Mutter“, wurde rasch zum Schlachtruf der nationalgesinnten Inder. Anders als spätere Fanatiker schloss Bankim Chandra dabei Hindus wie Muslime gleichermaßen in seine Vorstellung einer indischen Identität ein. Die Notwendigkeit der englischen Herrschaft stellte er nicht in Frage. Der Rowlatt-Report von 1918 sah in dem „wohlbekannten Roman“ eine der geistigen Ursachen für die zunehmenden politischen Unruhen im Land.
In Bengalen werden seine Werke bis heute viel gelesen und nachgedruckt. Namen und Charaktere seiner Helden sind dort Allgemeingut.
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