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Werkseintrag · Der Besuch der alten Dame
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Cover Der Besuch der alten Dame
Der Besuch der alten Dame
1956
– Werkseintrag –

Der Besuch der alten Dame

1956 · Drama

Eine Milliardärin kehrt in ihre verarmte Heimatstadt zurück und bietet ein Vermögen, doch der Preis stürzt die Bürger in eine Gewissensprobe, der kaum einer gewachsen ist.

Überblick↑

Mit dem Stück Der Besuch der alten Dame gelang Friedrich Dürrenmatt der internationale Durchbruch. Es wurde 1956 in Zürich uraufgeführt. Die Arbeit ist als "tragische Komödie" in drei Akten angelegt. Sie machte den Schweizer Autor finanziell unabhängig. Und sie wurde zu einem der meistgespielten Theaterstücke des 20. Jahrhunderts. In der weiblichen Hauptrolle der Uraufführung stand Therese Giehse. Das Stück erzählt vom Besuch einer schwerreichen alten Frau in ihrer verarmten Heimatstadt. Es stellt die Frage, was Wohlstand mit dem Gewissen einer ganzen Gemeinde anstellen kann.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Eines Tages kehrt die Milliardärin Claire Zachanassian in die heruntergekommene Kleinstadt Güllen zurück. Hier hat sie als junges Mädchen unter dem Namen Klara Wäscher gelebt. Damals musste sie unter schmerzhaften Umständen die Stadt verlassen. Die Güllener empfangen sie mit großen Hoffnungen. Eine Spende der reichen Heimkehrerin könnte ihren Niedergang aufhalten.

Claire ist tatsächlich gekommen, um Geld zu geben. Doch ihr Angebot ist an eine Bedingung geknüpft, die der ganzen Stadt den Atem verschlägt. Es geht um Alfred Ill, einen angesehenen Krämer und Claires einstige Jugendliebe. Er hat ihr vor vielen Jahren bitteres Unrecht zugefügt. Die Güllener weisen die Forderung empört zurück. Doch schon bald beginnen sie, sich Dinge auf Pump zu kaufen, die weit über ihre Verhältnisse gehen. Ill ahnt, dass etwas in Bewegung gerät, das er nicht mehr aufhalten kann. Zugleich lebt die Stadt immer offener auf einen Wohlstand zu, dessen Preis niemand laut benennen will.

Die Handlung im Detail↑

Die Milliardärin Claire Zachanassian besucht die verarmte Kleinstadt Güllen, in der sie einst ihre Kindheit und Jugend als Klara, genannt "Kläri" Wäscher, verbracht hat. Während die Einwohner auf finanzielle Zuwendungen und Investitionen hoffen, will Claire vor allem Rache für ein altes Unrecht. Als sie mit siebzehn Jahren von dem zwanzigjährigen Güllener Alfred Ill ein Kind erwartete, leugnete dieser die Vaterschaft und gewann mit bestochenen Zeugen den Prozess, den Klara gegen ihn angestrengt hatte. Entehrt, wehrlos und arm musste sie die Stadt verlassen, das Kind wurde ihr weggenommen, sie geriet in die Prostitution. Erst die Heirat mit einem Ölquellenbesitzer, dem noch acht weitere Ehen folgten, brachte ihr ein riesiges Vermögen ein.

Die inzwischen hochangesehene "alte Dame" hat im Stillen alle Güllener Fabriken und Grundstücke aufgekauft, um die Stadt allmählich zu ruinieren und sie für ihren Plan empfänglich zu machen. Fünfundvierzig Jahre nach ihrer Vertreibung macht sie den Güllenern ein ebenso verlockendes wie unmoralisches Angebot: "Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet. Gerechtigkeit für eine Milliarde."

Die Bürger lehnen die Forderung zunächst entrüstet ab. Gleichzeitig aber beginnen sie, über ihre Verhältnisse zu leben, sich Geld zu borgen, und die Kaufleute gewähren Kredite, als rechneten alle mit einem baldigen Vermögenszuwachs. Der Bürgermeister gibt den Bau eines neuen Stadthauses in Auftrag, der Pfarrer kauft eine neue Glocke für die Kirche. Jedermann stolziert in nagelneuen gelben Schuhen daher. Auch Ills eigene Familie macht den Konsumrausch mit: Die Ehefrau kauft sich einen teuren Pelzmantel, der Sohn ein schnelles Auto, die Tochter nimmt Tennisstunden. Vergeblich versucht Ill, Claire umzustimmen und seinen Freunden ins Gewissen zu reden. Auch das Gespräch mit dem Pfarrer zeigt: Niemand steht hinter ihm. Alle heucheln Solidarität, erklären "ihren Ill" zum "beliebtesten Bürger der Stadt" und spielen die Gefahr herunter. Nur der Lehrer, der sich als "Humanist" zu Gewissensbissen verpflichtet fühlt, wagt es, die Wahrheit auszusprechen, aber nur betrunken, sodass ihn niemand mehr ernst nimmt.

Von Schuld und Angst zermürbt, will Ill schließlich fliehen und nach Australien auswandern. Am Bahnhof umringen ihn die Güllener zum Abschied. In der inneren Gewissheit, einer von ihnen werde ihn ohnehin zurückhalten, wagt er es nicht, in den Zug zu steigen. Der Zug fährt ohne ihn ab. "Ängstlich wie ein gehetztes Tier" erkennt er: "Ich bin verloren." Wenig später bringt ihm der Bürgermeister ein geladenes Gewehr und lässt es in seinem Laden zurück, eine stumme Aufforderung zum Selbstmord. Doch Ill zögert, wächst über sich selbst hinaus und besinnt sich anders. Aus Resignation wird Einsicht und Anerkennung der eigenen Schuld. Er beschließt, sich seinen Mitbürgern auszuliefern.

Stolz lässt der Bürgermeister in der Presse verkünden, Frau Zachanassian habe der Stadt durch Vermittlung ihres Jugendfreundes Ill eine Milliardenstiftung geschenkt. Vor laufenden Kameras stimmen die Bürger über Annahme oder Ablehnung der Stiftung ab, in Wahrheit über die Tötung Ills. Die wahre Bedeutung dieser Abstimmung bleibt der Presse verborgen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit bilden die Männer dann eine Gasse für Ill, die sich immer enger um ihn schließt. Als sie sich wieder öffnet, liegt Ill tot am Boden. "Herzschlag" und "Tod aus Freude" sind die Erklärungen von Amtsarzt und Bürgermeister, und die Presse übernimmt diese Sprachregelung. Claire lässt den Toten in einen mitgebrachten Sarg legen, bemerkt "Er ist wieder so, wie er war", händigt dem Bürgermeister den Milliardenscheck aus und reist nach Capri ab, wo bereits ein Mausoleum auf Ills Leichnam wartet.

Stil↑

Dürrenmatt nennt sein Stück selbst eine "tragische Komödie". Damit bringt er die beiden Tonlagen auf den Punkt, in denen es geschrieben ist. Die Handlung führt unausweichlich in den Tod. Doch die Mittel, mit denen sie erzählt wird, sind oft grotesk und ironisch. Die schwerreiche Claire reist mit einem Gefolge an, das so wirklich nicht sein kann. Und ein Detail wie die nagelneuen gelben Schuhe, in denen plötzlich die ganze Stadt herumläuft, verrät die wahre Stimmung deutlicher als jedes lange Bekenntnis. Die Sprache ist nüchtern und direkt, die Sätze sind kurz. Viele Wendungen haben den Charakter geprägter Formeln, die sich einprägen, etwa "Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet" oder "Gerechtigkeit für eine Milliarde". So entsteht ein Stück, das den Zuschauer lachen lässt. Und im selben Augenblick bleibt ihm dieses Lachen wieder im Hals stecken.

Rezeption↑

Der Roman Der Besuch der alten Dame wurde schon mit der Uraufführung zu einem internationalen Erfolg. Sie fand am 29. Januar 1956 in Zürich statt, mit Therese Giehse als Claire Zachanassian. Das Stück machte Dürrenmatt finanziell unabhängig. Es gehört seither zu den meistgespielten Werken des deutschsprachigen Theaters. Es wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1964 von Bernhard Wicki unter dem Titel Der Besuch. 1992 verlegte der senegalesische Regisseur Djibril Diop Mambéty den Stoff in seinem Film Hyänen nach Afrika. Im Jahr 2000 entstand eine dramatisch-musikalische Bearbeitung. Bis heute steht das Stück regelmäßig auf den Spielplänen großer Bühnen. Es gilt als ein Schlüsselwerk der Nachkriegsdramatik.

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