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Werkseintrag · Der Bürgermeister von Casterbridge
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Der Bürgermeister von Casterbridge
1886
– Werkseintrag –

Der Bürgermeister von Casterbridge

1886 · Roman

Im Rausch versteigert ein junger Mann seine Frau und sein Kind – und steigt doch zum geachteten Bürgermeister auf, während die Schuld seiner Jugend ihm unaufhaltsam auf den Fersen bleibt.

Überblick↑

Der Roman The Mayor of Casterbridge erschien 1886 und stammt von dem englischen Schriftsteller Thomas Hardy. Sein vollständiger Titel lautet im Original The Mayor of Casterbridge: The Life and Death of a Man of Character – auf Deutsch etwa „Der Bürgermeister von Casterbridge. Leben und Tod eines Mannes von Charakter“. Das Buch gehört zu Hardys sogenannten Wessex-Romanen, die in einem erfundenen ländlichen England spielen. Die Stadt Casterbridge steht dabei für Dorchester in der Grafschaft Dorset, wo der Autor seine Jugend verbrachte. Der Roman erschien zunächst ab Januar 1886 als wöchentliche Fortsetzungsgeschichte. Er zählt zu Hardys bekanntesten Werken und erzählt vom Aufstieg und Fall eines Mannes, den eine einzige folgenschwere Tat ein Leben lang verfolgt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Auf einem Jahrmarkt im ländlichen Wessex begeht der junge Michael Henchard im Rausch eine Tat, die sein ganzes weiteres Leben überschattet: Er verkauft im Streit seine Frau Susan und die kleine Tochter an einen vorbeikommenden Seemann. Am nächsten Morgen, wieder nüchtern und voller Reue, sucht er seine Familie vergeblich. Er schwört, viele Jahre keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren.

Achtzehn Jahre später ist aus dem einfachen Arbeiter ein wohlhabender Getreidehändler und angesehener Bürgermeister von Casterbridge geworden. Da taucht seine Vergangenheit unerwartet wieder auf. Zugleich tritt der junge, tatkräftige Schotte Donald Farfrae in sein Leben, den Henchard zunächst als Mitarbeiter gewinnt – bis aus dem Verhältnis von Förderer und Schützling eine Rivalität wird.

Hardy verflicht das Schicksal mehrerer Menschen: alte Liebesbriefe, verschwiegene Geheimnisse und eine Frau namens Lucetta, deren Vergangenheit mit Henchard verknüpft ist. Über allem schwebt die Frage, ob ein Mensch der Schuld seiner Jugend je entkommen kann. Die folgende ausführliche Darstellung verrät den weiteren Verlauf und das Ende.

Die Handlung im Detail↑

Auf einem Jahrmarkt in Weydon Priors gerät der einundzwanzigjährige Heutrüssler Michael Henchard mit seiner Frau Susan in Streit. Betrunken von Rum, den man ihm in einen Brei gemischt hat, versteigert er Frau und die kleine Tochter Elizabeth-Jane für fünf Guineen an den Seemann Richard Newson. Am nächsten Tag wieder nüchtern und reuevoll, kann er seine Familie nicht mehr finden. Er gelobt, einundzwanzig Jahre lang keinen Alkohol mehr zu trinken.

Susan hält die Versteigerung für rechtsgültig und lebt achtzehn Jahre als Newsons Frau. Als dieser auf See verschollen ist und sie mittellos zurückbleibt, sucht sie mit ihrer Tochter erneut nach Henchard. Elizabeth-Jane weiß nur, dass Henchard ein angeheirateter Verwandter sei. Susan entdeckt, dass er ein erfolgreicher Heu- und Getreidehändler und Bürgermeister von Casterbridge geworden ist, bekannt für seine strenge Enthaltsamkeit. Wie er seine Frau verloren hat, hat er nie erklärt und sich für einen Witwer halten lassen.

Bei der Wiederbegegnung schlägt Henchard vor, Susan nach einer vorgetäuschten neuen Werbung erneut zu heiraten – für ihn der einfachste und unauffälligste Weg, die alte Schande zu verbergen und zu verhindern, dass Elizabeth-Jane davon erfährt. Dazu muss er allerdings ein Eheversprechen lösen, das er einer Frau namens Lucetta Templeman gegeben hatte, die ihn während einer Krankheit gepflegt hatte.

Der junge, energische Schotte Donald Farfrae kommt durch Casterbridge und zeigt Henchard, wie sich verdorbenes Getreide noch retten lässt. Henchard fasst Zuneigung zu ihm, überredet ihn zu bleiben und stellt ihn als Geschäftsführer ein – wobei er einen Mann namens Jopp, dem er die Stelle bereits zugesagt hatte, grob abweist. Farfrae ist überaus erfolgreich und stellt seinen Arbeitgeber zunehmend in den Schatten. Als er auch noch Elizabeth-Janes Aufmerksamkeit weckt, entlässt Henchard ihn. Farfrae macht sich als selbstständiger Händler auf. Er handelt durchweg ehrlich, doch Henchard will ihn unbedingt ruinieren und trifft riskante Geschäftsentscheidungen, die sich als verheerend erweisen.

Susan erkrankt und stirbt bald nach der erneuten Heirat. Sie hinterlässt Henchard einen Brief, der erst am Hochzeitstag von Elizabeth-Jane geöffnet werden soll. Henchard liest ihn jedoch sofort, da er nicht richtig verschlossen ist, und erfährt: Elizabeth-Jane ist nicht seine Tochter, sondern Newsons – sein eigenes Kind ist als Säugling gestorben. Dieses Wissen lässt ihn der jungen Frau gegenüber kalt werden.

Elizabeth-Jane nimmt eine Stelle als Gesellschafterin bei Lucetta an, ohne zu ahnen, dass diese einst eine Beziehung zu Henchard hatte, die Lucettas Ruf zerstörte. Lucetta ist durch eine Erbschaft ihrer Tante reich geworden und nach Casterbridge gekommen, um Henchard zu heiraten, nachdem dessen Frau gestorben ist. Doch als sie Farfrae begegnet, verlieben sich die beiden ineinander.

Henchards Geldnöte drängen ihn, Lucetta rasch zu heiraten. Sie aber liebt Farfrae, und das Paar läuft an einem Wochenende davon und heiratet heimlich, was sie Henchard erst hinterher mitteilen. Henchards Kredit bricht zusammen, er geht bankrott. Farfrae kauft sein altes Geschäft und versucht ihm zu helfen, indem er ihn als Tagelöhner anstellt.

Lucetta bittet Henchard, ihre alten Liebesbriefe zurückzugeben. Henchard beauftragt ausgerechnet Jopp, sie zu überbringen. Jopp, der noch immer einen Groll hegt, weil ihm einst die Stelle entzogen wurde, öffnet die Briefe und liest sie in einem Wirtshaus laut vor. Einige Stadtbewohner stellen Henchard und Lucetta öffentlich bloß, indem sie in einem Spottumzug Strohpuppen von beiden mitführen. Lucetta ist von diesem Schauspiel so erschüttert, dass sie zusammenbricht, eine Fehlgeburt erleidet und stirbt.

Am nächsten Tag erscheint Newson – der doch nicht auf See umgekommen ist – vor Henchards Tür und fragt nach seiner Tochter. Henchard, der inzwischen Elizabeth-Janes Güte zu schätzen gelernt hat, fürchtet, ihre Nähe zu verlieren, und sagt Newson, sie sei tot. Newson geht traurig fort. Nach einundzwanzig Jahren läuft Henchards Enthaltsamkeitsgelübde ab, und er beginnt wieder zu trinken.

Schließlich erfährt Newson von der Lüge und kehrt zurück. Henchard verschwindet, statt sich der Auseinandersetzung zu stellen. Am Tag von Elizabeth-Janes Hochzeit mit Farfrae kommt Henchard scheu zurück und sucht eine Versöhnung. Sie weist ihn ab, und er geht für immer fort. Später bereut sie ihre Kälte; gemeinsam mit Farfrae macht sie sich auf die Suche nach ihm. Sie kommen zu spät und erfahren, dass er einsam gestorben ist. Sie finden auch seine letzte schriftliche Verfügung: Sein Sterbewunsch ist, dass man ihn vergisst.

Stil↑

Geprägt ist der Roman von Hardys erfundener Landschaft Wessex, einem ländlichen England, in dem die Stadt Casterbridge an die Stelle des realen Dorchester tritt. Der Schauplatz ist kein bloßer Hintergrund, sondern eng mit dem Schicksal der Figuren verbunden: Markt, Wirtshaus, Jahrmarkt und Stadtklatsch tragen die Handlung. Volkstümliche Bräuche wie der Spottumzug mit Strohpuppen verleihen dem Erzählten eine derbe, anschauliche Wucht.

Der Aufbau trägt deutlich die Spuren seiner Entstehung als wöchentliche Fortsetzungsgeschichte. Weil der Autor in jeder Folge etwas Spannendes bieten wollte, reiht der Roman zahlreiche Ereignisse und Wendungen aneinander. Genau diese Fülle an Zufällen und dramatischen Zuspitzungen ist dem Werk gelegentlich vorgeworfen worden. Im Mittelpunkt steht durchgängig der Charakter eines einzigen Mannes, dessen innerer Zwiespalt – Stolz, Reue, Härte und späte Güte – die ganze Erzählung bestimmt. Schon der Untertitel kündigt das an: Es ist die Geschichte vom Leben und Tod eines Mannes von Charakter.

Rezeption↑

Zu den bekanntesten Werken Thomas Hardys wird dieser Roman gezählt und gilt als eines seiner Meisterwerke. Kritik richtete sich allerdings darauf, dass er zu viele Ereignisse aneinanderreiht – eine Folge davon, dass der Autor für jede wöchentlich erscheinende Fortsetzung etwas Wirkungsvolles einbauen wollte.

Der Stoff wurde mehrfach für Film, Funk und Fernsehen bearbeitet. Schon 1921 entstand eine Verfilmung unter der Regie von Sidney Morgan. 1978 verfilmte David Giles den Roman, 2003 entstand eine Fernsehfassung von David Thacker. Michael Winterbottom verlegte die Geschichte im Jahr 2000 unter dem Titel Das Reich und die Herrlichkeit in ein anderes Umfeld. Diese wiederholten Bearbeitungen zeigen, wie lebendig der Stoff über mehr als ein Jahrhundert geblieben ist.

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