1985
Justiz
Überblick↑
Der Kriminalroman Justiz von Friedrich Dürrenmatt erschien 1985 im Diogenes Verlag. Er gehört zu den späten Hauptwerken des Schweizer Autors. Das Buch erzählt von einem Mord, den ein angesehener Zürcher Kantonsrat vor zahlreichen Zeugen begeht. Dennoch wird die Tat zum Ausgangspunkt eines verstörenden Spiels mit den Mechanismen der Strafjustiz. Dürrenmatt selbst hat den Kern des Romans in einem berühmt gewordenen Satz zusammengefasst: Der junge Anwalt erkenne zu spät, in welche Falle ihn die Justiz geraten lasse, weil er sie mit der Gerechtigkeit verwechsle.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einem überfüllten Zürcher Restaurant erschießt der wohlhabende und allgemein geschätzte Kantonsrat Isaak Kohler in aller Öffentlichkeit den Germanistikprofessor Winter. Er lässt sich widerstandslos festnehmen und wird zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt. Dabei sind weder Tatwaffe noch Motiv geklärt. Aus dem Gefängnis heraus erteilt Kohler dem jungen, mittellosen Rechtsanwalt Felix Spät einen ungewöhnlichen Auftrag: Spät soll den Fall noch einmal aufrollen. Er soll dabei ausdrücklich annehmen, Kohler sei gar nicht der Mörder gewesen – „aus wissenschaftlichem Interesse“, wie es heißt.
Spät zögert. Aus Geldnot und in der Hoffnung auf bessere Aufträge lässt er sich aber auf das Angebot ein. Was er zunächst für eine juristische Fingerübung hält, zieht ihn rasch tiefer hinein, als er ahnen kann. Erzählt wird das Geschehen rückblickend in Form von Aufzeichnungen. Darin versucht Spät den nach eigener Einschätzung absurdesten Fall seiner Karriere zu rekonstruieren. Schon der Ton dieser Erinnerungen macht klar, dass die Auseinandersetzung mit dem öffentlich begangenen Mord ihren Verfasser an die Grenze seiner beruflichen und moralischen Existenz geführt hat.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman ist als Memoirenwerk angelegt und gliedert sich in drei Abschnitte. Die beiden ersten stammen aus der Feder des Rechtsanwalts Felix Spät, der rückblickend über den Fall schreibt, der ihn ruinierte. Der dritte Abschnitt setzt Jahre später ein und stammt von einem Schriftsteller, der Späts Aufzeichnungen herausgeben möchte und durch eigene Nachforschungen die offenen Fragen schließlich klärt.
Im ersten Abschnitt erschießt der Zürcher Kantonsrat Dr. h. c. Isaak Kohler im überfüllten Restaurant Du Théâtre öffentlich den Germanisten Professor Winter und lässt sich kurz darauf widerstandslos festnehmen. Vor dem Obergericht wird er trotz einiger fehlender Beweismittel und ohne klares Motiv zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, weil am Geschehen selbst kein Zweifel besteht. Kohler – sehr vermögend, einst hochangesehen und beliebt – beauftragt aus dem Zuchthaus heraus den jungen Anwalt Spät, den Fall erneut zu untersuchen, und zwar ausdrücklich unter der Annahme, er sei nicht der Mörder gewesen. Als Vorwand dient ein angebliches wissenschaftliches Interesse. Aus Geldnot und in der Hoffnung auf einen geschäftlichen Aufschwung nimmt Spät den Auftrag schließlich an.
Im zweiten Abschnitt sammelt ein von Spät beauftragter Privatdetektiv erneut Indizien zu dem inzwischen Monate zurückliegenden Fall. Dabei zeigt sich, wie katastrophal der ursprüngliche Prozess geführt wurde: Es gibt keine aufgefundene Tatwaffe, weder ein klares Geständnis noch ein nachvollziehbares Motiv, und auch Zeugenaussagen wurden nicht ordentlich aufgenommen. Juristisch ist das Urteil damit nicht zu halten. Mithilfe der neuen Ermittlungen und des daraufhin wieder aufgerollten Verfahrens – das Spät aus Gewissensgründen selbst nicht führt – wird Kohler freigesprochen. Da sich von Anfang an niemand seine Tat erklären konnte und seine sympathische Erscheinung jeden in den Bann zieht, akzeptiert die Öffentlichkeit den Freispruch widerspruchslos. Als ein anderer Verdächtiger, der ehemalige Schweizer Meister im Pistolenschießen Dr. Benno, sich das Leben nimmt, wirkt dieser Selbstmord wie ein stilles Schuldeingeständnis, dem niemand mehr nachgeht. Spät hat über diesem Auftrag seinen Ruf ruiniert und vollends seine Selbstachtung verloren. Er bezeichnet sich selbst als „vergammelten Hurenspezialisten“ und sieht nur noch einen Weg, Gerechtigkeit wiederherzustellen: den Mord an Kohler mit anschließendem Selbstmord.
Im dritten Abschnitt scheitern sowohl der geplante Mord als auch der Selbstmord. Erst allmählich wird klar, was wirklich geschehen ist: Kantonsrat Kohler hat den öffentlich begangenen Mord von langer Hand inszeniert. Er war nur ein Puzzleteil in einem komplex angelegten, kühl durchdachten persönlichen Rachefeldzug, in dem Kohler geschickt menschliche Schwächen und die Grenzen des modernen Justizapparates ausnutzte. Die scheinbare juristische Wiedergutmachung erweist sich damit als genau das Ergebnis, auf das der Täter von Anfang an hingearbeitet hatte.
Stil↑
Das Werk Justiz ist als Memoirenroman angelegt. Es nutzt die Ich-Form des Anwalts Felix Spät, der rückblickend und reflektierend schreibt. Diese subjektive Perspektive verleiht den Aufzeichnungen den Tonfall einer privaten Abrechnung. Der Erzähler ist zugleich Handelnder, Beobachter und moralisch beschädigte Figur. Verstärkt wird die Wirkung durch den dritten Abschnitt: Er stammt aus der Feder eines anderen Schreibenden, eines Schriftstellers, der Späts Erinnerungen herausgeben will und eigene Nachforschungen anstellt. So entsteht ein doppelter Erzählrahmen, der die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zusammensetzt.
Dürrenmatt arbeitet mit den Mustern der Kriminalliteratur, kehrt sie aber um. Der Mord steht am Anfang, und der Täter ist von der ersten Seite an bekannt. Die Spannung entsteht nicht aus der Frage nach dem Täter. Sie entsteht aus der Frage, wie er sich mithilfe des Rechtssystems aus seiner eigenen Tat herauswinden kann. Die nüchterne, oft lakonische Sprache, die schroffen Selbstcharakterisierungen des Erzählers und der unterkühlte Blick auf Gericht, Behörden und Gesellschaft prägen den Ton.
Rezeption↑
Der Roman Justiz zählt zu den vielbeachteten späten Romanen Dürrenmatts. Er steht in einer Reihe mit seinen früheren Kriminalwerken, in denen er die Schweizer Gesellschaft und die Mechanismen ihrer Institutionen seziert. Der vom Autor selbst formulierte Leitsatz ist als Deutungsschlüssel zum Roman vielfach zitiert worden: Der junge Anwalt erkenne zu spät, in welche Falle ihn die Justiz geraten lasse, weil er sie mit der Gerechtigkeit verwechsle. Dieser Satz bündelt die Pointe des Buches: Recht und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe, und wer beides verwechselt, wird vom Apparat aufgerieben. Im internationalen Rahmen ist Justiz auch ins Englische übertragen worden. Das Werk ist unter dem Titel The Execution of Justice greifbar.
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