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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Juno und der Pfau
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Cover Juno und der Pfau
Juno und der Pfau
1925
– Werkseintrag –

Juno und der Pfau

1925 · Drama

In einem Dubliner Elendsviertel des Bürgerkriegsjahres 1922 hält allein die Mutter Juno ihre zerstrittene Familie zusammen – bis eine unverhoffte Erbschaft neue Hoffnung weckt, aber alte Gräben wieder aufreißt.

Überblick↑

Das Drama Juno und der Pfau von Seán O'Casey wurde 1924 am Abbey Theatre in Dublin uraufgeführt und erschien 1925 in Buchform beim Londoner Verlag Macmillan. Der irische Originaltitel lautet Juno and the Paycock. Das Stück spielt in den Elendsvierteln Dublins im Jahr 1922 und erzählt vom Schicksal der Arbeiterfamilie Boyle, die von einer Kette von Schicksalsschlägen getroffen wird. Es hat sich zu einem festen Bestandteil der Spielpläne auch der deutschsprachigen Bühnen entwickelt. Von verschiedenen Literaturwissenschaftlern wird es als O'Caseys bedeutendstes Werk eingeschätzt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht die Dubliner Arbeiterfamilie Boyle, die in einem der Elendsviertel der Stadt lebt. Der Vater wird spöttisch „Captain Boyle“ genannt. Er ist arbeitslos und arbeitsscheu zugleich: Sobald ihm eine Stelle angeboten wird, plagen ihn unerträgliche Schmerzen im Bein, doch der Weg ins Pub gelingt ihm mühelos. Die Mutter Juno, die Titelfigur, hält als einzige die auseinanderdriftende Familie zusammen.

Der Sohn Johnny hat im irischen Unabhängigkeitskrieg und im anschließenden Bürgerkrieg gekämpft und dabei Verwundungen davongetragen. Über ihm liegt der Verdacht, einen Kameraden verraten zu haben. Die Tochter Mary ist ebenfalls ohne Arbeit; sie verlor ihre Stelle, weil sie sich aus Solidarität an einem Streik für eine zu Unrecht entlassene Kollegin beteiligte. Sie hängt einem englischen Anwalt namens Bentham nach.

Als Bentham ein Testament entdeckt, das der Familie eine beachtliche Erbschaft verheißt, keimt plötzlich Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Boyles beginnen, in Erwartung des Reichtums über ihre Verhältnisse zu leben. Doch die politischen Wirren draußen und die Spannungen im Inneren der Familie lassen sich nicht so leicht abschütteln.

Die Handlung im Detail↑

Die Familie Boyle lebt in einem Dubliner Elendsviertel im Jahr 1922, während draußen der Bürgerkrieg tobt. Der Vater, ironisch „Captain Boyle“ genannt, ist wegen seiner ganzen Wesensart nicht mehr fähig, die Familie zusammenzuhalten. Angebotene Arbeit weist er stets mit plötzlichen Beinschmerzen ab, während er zielstrebig den Weg ins Wirtshaus findet.

Der Sohn Johnny hat sich im Unabhängigkeitskrieg und im Bürgerkrieg engagiert und wurde verwundet. Er hatte bereits 1916 am Osteraufstand in Dublin teilgenommen. Über ihm lastet der Verdacht, einen Kameraden an die Gegenseite verraten zu haben, der aufgrund dieser Information getötet wurde.

Die Tochter Mary hat ihre Arbeit verloren, weil sie sich an einem Proteststreik für eine ungerechtfertigt entlassene Kollegin beteiligte. Sie ist dem heruntergekommenen englischen Anwalt Bentham zugetan, einem Mann mit hohlen theoretischen Überzeugungen. Bentham entdeckt ein Testament, das der Familie eine beachtliche Geldsumme verheißt. Die Boyles richten ihr Leben auf den erwarteten Reichtum aus. Juno schleppt Plunder und ein Grammophon herbei und stopft das Zimmer mit geborgtem Geld gekauften Dingen voll.

Dann bricht das Unglück über die Familie herein. Bentham hat bei der Ausfertigung des Testaments einen Fehler begangen, sodass die erhoffte Erbschaft ausbleibt. Als Mary von ihm schwanger wird, macht er sich klammheimlich davon. Der tobende Vater verstößt Mary daraufhin. Johnny wird von seinen eigenen Mitkämpfern verschleppt und als Vergeltung für den Tod des verratenen Kameraden hingerichtet.

Am Ende bleibt Juno als einzige integrierende Kraft in dieser auf Selbstzerstörung angelegten Familie. Nach Johnnys Ermordung und Benthams Verschwinden nimmt sie sich der verstoßenen Mary an. Auf deren Klage, ihr Kind werde keinen Vater haben, antwortet Juno, es werde etwas viel Besseres haben, nämlich zwei Mütter. So trägt sie, entgegen jeder Hoffnung, eine Spur von Zuversicht in das Drama.

Stil↑

Das Werk folgt einem konventionellen, durchsichtigen Aufbau mit einer an Einzelereignissen reichen Fabel. Die Dramenstruktur lehnt sich weitgehend an die Form der klassischen Tragödie an. Drei Handlungsstränge werden miteinander verwoben: die Johnny-Handlung, die Mary-Handlung und die Familienhandlung. Jeder wird von einem eigenen zentralen Motiv vorangetrieben – dem Gewissenskonflikt des Täters, dem Motiv des verführten Mädchens und des treulosen Geliebten sowie dem der glücklosen Erbschaft. Es sind Standardmotive des klassischen Dramas, wie man sie von Shakespeares Macbeth bis zum Melodrama des 19. Jahrhunderts findet.

Zugleich lässt sich das Stück in die Tradition der Tragikomödie einordnen. Die Erschütterung über den Untergang der Familie wird in eine Vielzahl komischer Situationen und Szenen eingebettet. Die Figur des Captain Boyle ist als Anti-Held angelegt, den derb anzüglichen, komischen Gestalten aus Shakespeares Komödien nachgezeichnet. In seiner tragischen Machtlosigkeit steht er der Heldin Juno gegenüber, die als einzige die chaotischen Verhältnisse bewältigen kann. Ihr Name verweist auf die römische Göttin, die als Hüterin des Herdes und Beschützerin der Ehe galt.

Über die einzelnen Schicksale hinaus vermittelt das Stück Einblicke in die Sozialgeschichte Irlands: die Landflucht nach Dublin, die prekäre Lage des Stadtproletariats und die drückende Enge des Lebens in den slums. Zugleich fließt über die Figur Johnnys das politische Geschehen des Bürgerkriegs in die private Familientragödie ein.

Rezeption↑

In der Literaturkritik gilt das Werk als eines der wichtigsten irischen Dramen des 20. Jahrhunderts. Es wurde teilweise mit Hebbels Maria Magdalena oder Arnold Weskers Hühnersuppe mit Graupen verglichen. Innerhalb von O'Caseys Gesamtwerk schätzen es verschiedene Literaturwissenschaftler als sein bedeutendstes Stück ein. Der große Erfolg nach der Uraufführung trug mit dazu bei, das Abbey Theatre vor dem damals drohenden finanziellen Ruin zu bewahren.

Das Drama fand auch im Film und Fernsehen vielfache Beachtung. Alfred Hitchcock verfilmte es 1929 fürs Kino; er schrieb das Drehbuch und führte Regie. Für das englische Fernsehen wurde der Stoff 1938, 1960 und 1980 mehrfach adaptiert. Eine deutschsprachige Fernsehfassung entstand 1969 unter der Regie von Karl Fruchtmann, mit Walter Richter als „Captain“ Boyle und Klaus Maria Brandauer als Johnny. Im Januar 1975 zeigte das Fernsehen der DDR eine Aufzeichnung der Inszenierung an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin unter der Regie von Adolf Dresen. Die deutsche Übersetzung, unter der das Stück heute bekannt ist, stammt von Maik Hamburger.

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