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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Jugend ohne Gott
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Cover Jugend ohne Gott
Jugend ohne Gott
1937
– Werkseintrag –

Jugend ohne Gott

1937 · Roman

Ein Lehrer im beginnenden NS-Staat sieht zu, wie aus seinen Schülern eine kalte Generation wird – bis ein Mord im Zeltlager ihn zwingt, Stellung zu beziehen.

Überblick↑

Es ist der dritte Roman des österreich-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth, erschienen 1937. Das Buch gehört zu den hellsichtigsten literarischen Zeugnissen über das Leben unter dem nationalsozialistischen Regime. Schon kurz nach dem Erscheinen wurde Jugend ohne Gott in acht weitere Sprachen übersetzt. Schriftstellerkollegen und Kritiker lobten es. Bis heute steht das schmale Buch auf den Lehrplänen deutschsprachiger Schulen – als Lehrstück über Gewöhnung, Anpassung und das stille Erlöschen des Mitgefühls.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ein Lehrer an einem städtischen Gymnasium gerät in einen Konflikt mit seiner Klasse. Bei der Korrektur eines Aufsatzes rügt er abwertende Äußerungen eines Schülers über Schwarze. Der Vater beschwert sich beim Rektor mit dem Hinweis, sein Sohn habe ja nur wiederholt, was im Radio zu hören sei. Die Klasse erklärt geschlossen, diesen Lehrer nicht mehr haben zu wollen.

Bald darauf muss der Lehrer seine Klasse als Aufsicht in ein verpflichtendes Zeltlager begleiten. Dort leitet ein Feldwebel die militärischen Übungen. In der Nähe trifft er einen Pfarrer. Mit ihm verbinden ihn lange Gespräche über Glaube, Armut und die eigene Haltung. Im Lager geschehen merkwürdige Dinge: ein Fotoapparat verschwindet, ein Schüler bekommt heimlich Nachrichten, im Wald lebt eine Bande verwahrloster Jugendlicher unter der Führung eines Mädchens namens Eva. Und immer wieder spürt der Erzähler den kalten, starren Blick eines seiner Schüler im Nacken.

Der Roman Jugend ohne Gott ist die Geschichte eines Mannes, der sich von der Welt um sich her abgestoßen fühlt und doch lange mitmacht. Bis ein Verbrechen ihn zwingt, eine Entscheidung zu treffen.

Die Handlung im Detail↑

Der Ich-Erzähler arbeitet als Lehrer an einem städtischen Gymnasium. Bei der Korrektur einer Klassenarbeit stößt er auf abwertende Äußerungen eines Schülers über Schwarze – im Buch mit dem zeitgenössischen Wort „Neger“ bezeichnet – und stellt den Verfasser zur Rede. Der Vater des Schülers beschwert sich beim Rektor mit dem Argument, sein Sohn habe nur wiedergegeben, was im Radio gesagt werde. Die Schüler unterschreiben gemeinsam eine Erklärung, den Lehrer nicht länger haben zu wollen. Der Rektor weist das Anliegen zurück.

Kurz darauf stirbt ein schon länger kranker Schüler an einer Lungenentzündung. Beim Begräbnis bemerkt der Erzähler zum ersten Mal den kalten, starren Blick seines Schülers T, der ihn unverwandt anstarrt.

Wegen der Fürsprache des Direktors wird er nicht suspendiert, muss aber mit seiner Klasse in ein verpflichtendes Zeltlager fahren. Dort dient er lediglich als Aufsichtsperson, während ein Feldwebel die militärischen Übungen leitet. Während des Lagers untersucht der Erzähler den Diebstahl eines Fotoapparats und bemerkt dabei, dass der Schüler Z heimlich eine Nachricht erhält. Bei einem Gang ins nahegelegene Dorf spricht er mit einem Pfarrer über die Lage der Landbevölkerung und über seine religiösen Ansichten.

Während die Jungen auf einer Übung außerhalb des Lagers sind, durchsucht er den Schlafplatz des Schülers Z, bricht dabei eine Kassette mit dessen Tagebuch auf und erfährt so, dass Z ein Verhältnis mit Eva, der Anführerin einer örtlichen Räuberbande, unterhält. Im Tagebuch steht außerdem geschrieben, jeder werde sterben, der es lese. Z entdeckt die aufgebrochene Kassette, beschuldigt einen Mitschüler und sucht Streit mit ihm. Der Erzähler nimmt sich vor, die Tat zu gestehen, führt das Vorhaben aber nicht aus.

Am nächsten Tag wird der Schüler N nach einem Ausflug der Klasse erschlagen aufgefunden. Z gesteht die Tat, doch der Erzähler vermutet T dahinter. Als Grund nennt Z, N habe ihm gestanden, das Tagebuch gelesen zu haben. Der Erzähler bekommt Gewissensbisse, spricht erneut mit dem Pfarrer und macht schließlich eine Aussage: Er gesteht, selbst für das Aufbrechen der Kassette verantwortlich gewesen zu sein, sodass der Angeklagte freigelassen wird. Eva, die als Geliebte des vermeintlichen Täters vernommen wird, erzählt von einem Jungen mit Fischaugen, der N getötet habe. Da sie zugibt, am Tatort gewesen zu sein, ihr im Übrigen aber nicht geglaubt wird, nimmt man sie selbst fest.

Der Erzähler verliert durch sein Geständnis Anstellung und Pension, erhält jedoch das Angebot, in Afrika tätig zu werden. Zuvor will er T zur Rede stellen, der jedoch alles abstreitet. Am nächsten Tag wird T erhängt aufgefunden; in einem Abschiedsbrief gesteht er den Mord an N. Eva wird daraufhin aus dem Gefängnis entlassen und vom Pfarrer aufgenommen. Der Lehrer verabschiedet sich von „Julius Cäsar“ und vom Klub der hilfreichen Schüler und fährt nach Afrika.

Stil↑

Horváth wählt die Ich-Form. So wird der Lehrer zum Beobachter seiner eigenen Welt und seiner eigenen Feigheit. Die Sprache ist knapp und nüchtern, in kurzen Kapiteln gefügt, oft nur wenige Seiten lang. Viele tragen Überschriften, die wie Stationen einer inneren Reise wirken. Diese Form zeigt das Leben einer Kleinstadt und eines Zeltlagers von innen. Zugleich macht sie die fortschreitende Repression und Militarisierung am Beginn der NS-Zeit sichtbar.

Horváth stellt einen Intellektuellen ins Zentrum und legt dessen Innenwelt offen. So gewinnt der Roman die Wucht einer Selbstreflexion: Wer mitläuft, wer schweigt, wer wegsieht – alles wird vor dem Leser verhandelt. Die Figuren stammen aus bürgerlichen Verhältnissen. Sie stehen unter dem Druck, sich dem Regime anzupassen, um nicht abzustürzen. Der Schüler T verkörpert die Kälte dieser neuen Zeit. Er steht zugleich für eine Jugend, die von den modernen Massenmedien geformt wird. Die Religion tritt in den Gesprächen mit dem Pfarrer auf. Sie ist eine über das Sichtbare hinausreichende Begründung dafür, von der Mehrheit abzuweichen, auch wenn es die eigene Stellung kostet.

Rezeption↑

Schon unmittelbar nach dem Erscheinen lobten Schriftstellerkollegen und Kritiker das Buch. Hermann Hesse schrieb 1938 an Alfred Kubin: „Ein kleines Buch empfehle ich Ihnen, eine Erzählung Jugend ohne Gott von Horváth. Sie ist großartig und schneidet quer durch den moralischen Weltzustand von heute." Auf Antrag der Gestapo wurde der Roman 1938 in die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ aufgenommen. 1941 hielt der NS-kritische Baptistenprediger Arnold Köster in seiner Wiener Gemeinde einen Vortrag mit dem Titel „Volk ohne Gott“. Diese Wendung lehnt sich erkennbar an Horváths Romantitel an.

Noch unmittelbar vor seinem Unfalltod am 1. Juni 1938 verhandelte Horváth in Paris mit dem Regisseur Robert Siodmak über eine Verfilmung. Nach dem Tod des Autors ließ Siodmak das Vorhaben fallen. Später entstanden mehrere Verfilmungen, darunter Nur der Freiheit gehört unser Leben (1969, Regie: Eberhard Itzenplitz), Wie ich ein Neger wurde (1970, Regie: Roland Gall), Jugend ohne Gott (1991, Regie: Michael Knof), Jeunesse sans Dieu (Frankreich 1996, Regie: Catherine Corsini) und Jugend ohne Gott (2017, Regie: Alain Gsponer). Der britische Komponist Paul Graham Brown schrieb auf der Grundlage des Romans ein gleichnamiges Musical. Bis ins 21. Jahrhundert ist das Buch fester Stoff der Curricula deutschsprachiger Schulen.

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