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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Seán O’Casey
Seán O’Casey
1880 – 1964
– Autorenporträt –

Seán O’Casey

1880 – 1964 · 84 Jahre

Irischer Dramatiker, der das Leben der Dubliner Armen auf die Bühne brachte – ein überzeugter Sozialist, der sich im Freiheitskampf engagierte und auch Stücke gegen den Krieg schrieb.

Kurzbiografie↑

Der irische Dramatiker Seán O'Casey wurde 1880 in Dublin geboren und starb 1964 im englischen Torquay. Er brachte das Leben der Dubliner Armen und der Arbeiterviertel auf die Bühne und schrieb Stücke gegen den Krieg. Neben seiner literarischen Arbeit war er im irischen Freiheitskampf und in der Arbeiterbewegung aktiv und verstand sich als überzeugten Sozialisten. Seine sozialkritischen Dramen der 1920er Jahre machten ihn zu einem bekannten Bühnenautor des 20. Jahrhunderts.


Biografie↑

Aufgewachsen ist O'Casey in einer protestantischen kleinbürgerlichen Familie im Norden Dublins. Geboren wurde er als John Casey; der irische Name Seán Ó Cathasaigh geht auf seine spätere Hinwendung zur gälischen Sprache zurück. Sein Vater starb, als der Junge sechs Jahre alt war, und hinterließ eine dreizehnköpfige Familie. Die Familie verarmte, und O'Casey lernte das Leben in den Slums kennen.

Seine politische Arbeit begann mit dem Eintritt in die Gaelic League. Im Selbststudium eignete er sich die irische Sprache an, spielte in der GAA Hurling und begann die Uilleann Pipes, den irischen Dudelsack, zu erlernen. Er trat der Irish Republican Brotherhood bei und schloss sich der Gewerkschaft Irish Transport and General Workers' Union an, die James Larkin gegründet hatte. Im März 1914 wurde er Generalsekretär der ebenfalls von Larkin gegründeten Irish Citizen Army. Als sich dort der Nationalismus immer stärker durchsetzte, verließ er die Organisation im Juli 1914 als überzeugter Sozialist wieder; Auslöser waren Auseinandersetzungen mit James Connolly. Dem Dubliner Osteraufstand von 1916 stand er sehr kritisch gegenüber. Ebenso trat er aus der Gaelic League aus, der er lange mit seinen Kenntnissen des Gälischen genützt hatte. Wie die gesamte Irish Renaissance erschien ihm auch dieser Bund als eine Bewegung der oberen Mittelschicht, während er sich selbst stärker mit den Anliegen der Arbeiterschaft verband.

Danach begann O'Casey, sozial- und gesellschaftskritische Theaterstücke zu schreiben. Von 1923 bis 1927 wurden sie ausnahmslos am Abbey Theatre aufgeführt. Anders als viele Autoren der Irish Renaissance blendete er die soziale Wirklichkeit des städtischen Irlands nicht aus, sondern siedelte seine Stücke in den unteren Schichten der Dubliner Arbeiter- und Kleinbürgerwelt an. Mit der Uraufführung des Zweiakters The Shadow of a Gunman (deutsch Der Schatten eines Rebellen) begann 1923 seine Dubliner Trilogie, in der er das Scheitern einer sozialen Revolution und des Osteraufstands verarbeitete. Das Stück stieß beim Dubliner Publikum auf großes Interesse und bewahrte das Abbey Theatre vor dem damals drohenden Bankrott; die dritte Aufführung brachte zum ersten Mal ein ausverkauftes Haus.

1924 folgte mit ebenso großem Erfolg Juno and the Paycock (deutsch Juno und der Pfau). Für dieses Werk erhielt er 1925 den Hawthornden-Preis. Die Tragikomödie begründete seinen Ruhm in England. Von nun an konnte O'Casey seine Stelle als Straßenarbeiter aufgeben und von den Einkünften seiner schriftstellerischen Arbeit leben. Im Februar 1926 kam mit The Plough and the Stars (deutsch Der Pflug und die Sterne) das letzte Stück der Trilogie zur Aufführung. Es löste einen Skandal aus, weil O'Casey eine kritische Sicht auf den Osteraufstand auf die Bühne brachte; irische Nationalisten reagierten wütend. William Butler Yeats, der das Stück für ein Meisterwerk hielt, trat selbst auf die Bühne, um es zu verteidigen.

Als 1927 O'Caseys Antikriegsstück The Silver Tassie von Yeats als Leiter des Abbey Theatre abgelehnt wurde, wanderte O'Casey nach England aus. Der Streit spiegelte grundverschiedene Auffassungen: Yeats wollte das Drama den zeitlosen Fragen der menschlichen Existenz zuwenden, während O'Casey nicht bereit war, seine Werke vom Zeitgeschehen zu trennen. The Silver Tassie wurde 1929 in London aufgeführt. Nachdem sich Yeats und O'Casey versöhnt hatten, kam es 1935 auch am Abbey Theatre auf die Bühne, wo es allerdings heftige Angriffe auslöste, die den Autor weiter von diesem Haus entfremdeten. 1937 fand am Abbey Theatre dennoch die Uraufführung der Komödie The End of the Beginning statt.

In England schrieb O'Casey weitere Theaterstücke, die jedoch – mit Ausnahme von Within the Gates (1934) – nie so bekannt wurden wie seine frühen Dramen. Er setzte sich weiter mit dem Zeitgeschehen auseinander, etwa mit der Depression der Nachkriegszeit oder mit dem Zweiten Weltkrieg in Oak Leaves and Lavender (1946). Seine sechsbändige Autobiografie wird heute als gleichrangig mit seinen Dramen gewürdigt. In seiner Heimatstadt Dublin ist eine Fußgängerbrücke über den Fluss Liffey nach ihm benannt, die Seán O'Casey Bridge.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für O'Caseys Dramen ist die Verbindung von realistischer Darstellung sozialer Probleme mit einer melodramatischen Zeichnung der Figuren und der Handlung. Seine Stücke spielen in den unteren Schichten der Dubliner Arbeiter- und Kleinbürgerwelt, wo er soziale Konflikte unmittelbar auf die Bühne brachte. Die männlichen Helden sind durchweg Anti-Helden: teils sympathische Träumer, teils Großsprecher oder Feiglinge. Die Frauenfiguren dagegen erscheinen tapfer und mutig dem Leben verbunden. O'Casey trennte seine Werke nicht vom Zeitgeschehen, sondern verarbeitete darin unmittelbar zeitgeschichtliche Entwicklungen wie den irischen Freiheitskampf, den Ersten Weltkrieg oder den Zweiten Weltkrieg.


Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten fanden O'Caseys frühe Stücke großes Echo. The Shadow of a Gunman zog das Dubliner Publikum an und rettete das Abbey Theatre vor dem Bankrott, und Juno and the Paycock begründete seinen Ruhm in England; 1925 wurde er dafür mit dem Hawthornden-Preis ausgezeichnet. The Plough and the Stars löste 1926 einen Skandal aus, der in seiner Heftigkeit mit dem Aufruhr um Synges The Playboy of the Western World von 1907 verglichen wurde; William Butler Yeats verteidigte das Stück öffentlich als Meisterwerk. Der Bruch mit dem Abbey Theatre um The Silver Tassie hielt die Auseinandersetzung um sein Werk lebendig. Seine in England entstandenen Stücke erreichten meist nicht mehr die Bekanntheit der frühen Dramen. Anhaltende Beachtung findet dagegen seine sechsbändige Autobiografie, die heute als gleichrangig mit seinen Bühnenwerken gilt.

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