1876
Jürg Jenatsch
Überblick↑
Der historische Roman Jürg Jenatsch erschien 1876. Er zählt zu den bekanntesten Werken des Schweizer Erzählers Conrad Ferdinand Meyer. Im Mittelpunkt steht der Bündner Pfarrer und Militärführer Jörg Jenatsch. Seinen Aufstieg und seine Verstrickung in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges verdichtet Meyer zu einem großen Charakterbild. Das Buch war schon zu Lebzeiten des Autors ein außergewöhnlicher Verkaufserfolg. Vielen gilt es bis heute als sein beliebtestes Werk.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist Graubünden zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die Spanier wollen das Bergland unter ihre Gewalt bringen, um die strategisch wichtigen Alpenpässe zu kontrollieren. Ihnen tritt der junge reformierte Pfarrer Jürg Jenatsch entgegen. Er ist der Anführer der protestantischen Bündner, die ihre Heimat verteidigen wollen. Sein katholischer Gegenspieler ist der mächtige Freiherr Pompejus Planta.
Eine Verschwörung Plantas zieht eine Bluttat nach sich. Diese trifft Jenatsch persönlich und verändert ihn von Grund auf. Aus dem Vaterlandsverteidiger wird allmählich ein Mann, dessen Handeln von Hass, Glaubenseifer und politischem Kalkül zugleich getrieben ist. Im Ringen um die Unabhängigkeit Graubündens lässt er sich auf das Spiel der großen Mächte ein. Er wechselt zwischen Frankreich und Spanien, zwischen Bündnis und Verrat. Meyer erzählt diesen Weg mit großer dramatischer Spannung. Zugleich zeichnet er das Porträt eines Menschen, dessen Mittel ihn ihren eigenen Zielen immer fremder werden lassen.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman setzt zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges ein. Spanien drängt nach Graubünden, um die Bergpässe in seine Hand zu bekommen. Auf der Gegenseite steht der junge reformierte Pfarrer Jürg Jenatsch, der die protestantischen Bündner zur Verteidigung ihrer Heimat führt. Sein wichtigster Gegner ist der katholische Freiherr Pompejus Planta.
Planta zettelt eine Verschwörung an, in deren Folge Jenatschs Frau beim Veltliner Protestantenmord umgebracht wird. Jenatsch und seine Reformierten müssen das Land verlassen, Spanier und Österreicher besetzen Graubünden. Von Rachedurst getrieben, stellt Jenatsch den Freiherrn nach und erschlägt ihn. Auch in den folgenden Auseinandersetzungen bleibt der Hass seine bestimmende Triebkraft.
Mit der Zeit erkennt Jenatsch, dass er seinem Land auf diesem Weg mehr geschadet als genutzt hat. Er schließt sich dem französischen Herzog Heinrich von Rohan an, der von Frankreich entsandt wurde, um die reformierten Bündner zu unterstützen. Jenatsch wird Oberst in Rohans Heer; die von ihm geführten Truppen unterstehen fortan dem französischen Oberbefehl. Mit französischer Hilfe wird der Krieg in Graubünden siegreich beendet. Im Vertrag von Chiavenna verbürgt sich Rohan für Freiheit und Unabhängigkeit des Landes.
Doch der französische Kanzler, Kardinal Richelieu, weigert sich, den Vertrag zu unterschreiben. Jenatsch wandelt sich nun zu einem skrupellosen Taktiker. Heimlich verbündet er sich mit den einst bekämpften Spaniern; gemeinsam vertreiben sie die Franzosen aus Graubünden. Um endlich einen Unabhängigkeitsvertrag für seine Heimat zu erlangen, ist er sogar bereit, zum katholischen Glauben überzutreten. Den Spaniern aber wird er allmählich zu mächtig. Sie lassen ihn aus dem Weg räumen: Bei einem Mordanschlag stirbt Jenatsch von der Hand seiner ehemaligen Geliebten Lucrezia, die ihn eigenhändig mit derselben Axt erschlägt, mit der er einst ihren Vater Pompejus Planta getötet hatte.
Stil↑
Der Roman Jürg Jenatsch ist ein historischer Roman. Er bündelt die politischen und religiösen Konflikte des Dreißigjährigen Krieges in ein zugespitztes Charakterdrama um eine einzige Hauptfigur. Meyer arbeitet mit starken Szenen, wirkungsvollen Kontrasten und großen, theatralischen Bildern. Schon die sozialistische Literaturwissenschaft der Nachkriegszeit bemerkte, der Roman sei „von theatralischen Effekten nicht frei“. Die historische Kulisse dient ihm dabei weniger zum bloßen Ausmalen vergangener Epochen. Sie dient vielmehr der Darstellung eines Menschen, der zwischen Glaubenstreue, Rachedurst und politischem Kalkül zerrieben wird.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten Meyers war Jürg Jenatsch ein außerordentlicher Erfolg. In den rund 22 Jahren bis zum Tod des Autors erlebte der Roman 30 Auflagen. 1907 war bereits die 80. Auflage erreicht. Nur Viktor von Scheffels Ekkehard übertraf diese Zahl. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Noch 1993 galt es als „Meyers vielleicht beliebtestes Werk“.
Der Stoff zog auch das Theater an. Meyer selbst hatte ihn ursprünglich als Drama gestalten wollen. Später bearbeiteten Richard Voß (1893, Jürg Jenatsch) und Rudolf Joho (1936, Jörg Jenatsch) den Stoff für das Sprechtheater. Zwischen 1927 und 1929 vertonte Heinrich Kaminski ihn als Oper Jürg Jenatsch. Ein Drama nach der gleichnamigen Erzählung C. F. Meyers. Die Uraufführung fand am 27. April 1929 an der Semperoper in Dresden statt. Sie geriet allerdings zum Misserfolg, weil zwei Regisseure – einer für die Sänger, einer für die Schauspieler – unkoordiniert nebeneinander gearbeitet hatten.
1927 sah Harry Graf Kessler in Jürg Jenatsch ein Meisterwerk politischer Dichtung. Er las den Roman als Vorausschau auf den Nationalismus und die Konflikte seiner eigenen Zeit. Aus dieser Lesart leitete er zugleich den bleibenden Wert des Werkes auch als Schullektüre ab. Die sozialistische Literaturwissenschaft der Nachkriegszeit deutete den Weg der Hauptfigur als Folge eines gesellschaftlichen Systemfehlers. Der Roman behandle „im historischen Kostüm das Thema nationaler Freiheit und Unabhängigkeit“. Mit der Entwicklung seines Helden „vom Volksführer zum skrupellosen Machtpolitiker“ werfe er „einen bezeichnenden Widerschein auf die weder durch Humanität noch Recht legitimierte herrschende Klasse der Bourgeoisie“.
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