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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Das Amulett
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Das Amulett
1873
– Werkseintrag –

Das Amulett

1873 · Novelle

Ein junger Schweizer Calvinist gerät in Paris zwischen Liebe, Freundschaft und Glaubenshass – und ein katholisches Amulett begleitet ihn auf den 24. August 1572 zu.

Überblick

Die Novelle entstand im Winter 1872/73. Sie erschien 1873 bei Hessel in Leipzig. Conrad Ferdinand Meyer erzählt in zehn Kapiteln eine Geschichte aus dem 16. Jahrhundert. Sie spielt in der Zeit der blutigen Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten in Frankreich. Im Mittelpunkt steht ein junger Schweizer Calvinist. Er zieht nach Paris und gerät dort in die Wirren der Religionskriege. Das Werk gilt als erste größere Erzählung Meyers. Es führt jene Verbindung von historischem Stoff, klar gebauter Handlung und durchscheinender Symbolik vor, die für sein späteres Werk kennzeichnend werden sollte.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein namentlich nicht genannter Bearbeiter gibt die Aufzeichnungen Hans Schadaus aus dem 17. Jahrhundert wieder. Schadau ist ein junger Protestant vom Bieler See. Nach dem Tod seiner Eltern wächst er bei seinem Oheim auf Schloss Chaumont auf. Vom Vater her ist er dem Soldatenhandwerk verbunden. Er träumt davon, unter Admiral Coligny gegen den Herzog von Alba zu kämpfen, um die Niederlande von der spanischen Herrschaft zu befreien.

Auf der Reise nach Paris lernt er in einer Gaststätte den katholischen Freiburger Wilhelm Boccard kennen. Dazu kommen der Parlamentsrat Chatillon und dessen Begleiterin Gasparde. Boccard ist durch eine Wunderheilung gläubig geworden und trägt ein Amulett der Muttergottes von Einsiedeln bei sich. Über Glaubensfragen wie Prädestination und Wunder gerät er mit den Calvinisten in Streit.

In Paris findet Schadau Anschluss an Coligny. Er verliebt sich in Gasparde und stößt zugleich auf einen anmaßenden Höfling, der das Mädchen bedrängt. Aus der Beleidigung wird eine Forderung, aus der Forderung ein Duell. Zugleich spitzt sich die Lage der Hugenotten in der Stadt zu. Liebe, Freundschaft und Glaubensspaltung geraten in einen Sog, dem sich keiner der Beteiligten entziehen kann. Die Erzählung führt auf den 24. August 1572 zu, den Tag der Pariser Bartholomäusnacht.

Die Handlung im Detail

In einer Herausgeberfiktion gibt ein Bearbeiter die Aufzeichnungen Hans Schadaus aus dem 17. Jahrhundert wieder. Das erste Kapitel bildet die im Jahr 1611 spielende Rahmenhandlung. Schadau besucht den alten Vater seines verstorbenen Freundes Boccard in Courtion und sieht dort das Amulett und den durchschossenen Hut des Sohnes wieder; das bewegt ihn, seine Geschichte aufzuschreiben.

Schadau erzählt von seiner Jugend am Bieler See, wo er nach dem Tod der Eltern bei seinem Oheim Renat auf Schloss Chaumont aufwächst und nach calvinistischer Lehre erzogen wird. Als Sohn eines Soldaten will er an einem Feldzug gegen den Herzog von Alba zur Befreiung der Niederlande teilnehmen. Ein Fremder erscheint, den Schadau als Fechtmeister anstellt. Später taucht die Nachricht auf, dass ein böhmischer Fechtmeister wegen Mordes gesucht wird; Schadau verhindert dessen Flucht nicht. Nach einem Streit auf einer Hochzeit über die Bewertung Albas schlägt er sich mit einem Kontrahenten und bricht am nächsten Tag nach Paris auf, um auf den erwarteten Krieg zu warten. Er will, wie sein Vater, unter Admiral Coligny dienen, den er abgöttisch verehrt.

Unterwegs kehrt er, von einem Gewitter überrascht, in einer Gaststätte bei Melun ein und lernt den Freiburger Wilhelm Boccard, den Parlamentsrat Chatillon und dessen vermeintliche Nichte Gasparde kennen. Schadau schwärmt für Coligny und nennt dessen toten Bruder Dandelot sein Vorbild. Die beiden Calvinisten streiten mit dem Katholiken Boccard über Prädestination und Wunderheilungen; Schadau macht sich darüber lustig. Boccard erzählt, wie er von der Muttergottes von Einsiedeln von der Kinderlähmung geheilt wurde; deshalb trägt er ein Amulett bei sich.

In Paris empfängt Admiral Coligny ihn freundlich, verspricht ihm einen Platz in seiner Deutschen Reiterei und stellt ihn bis Kriegsbeginn als Schreiber an. Bei einem Besuch in Chatillons Haus auf der Île Saint-Louis erfährt Schadau, dass Gasparde in Wahrheit die Tochter Dandelots, also die Nichte des Admirals, ist. Als sie mit ihm am Fenster steht und unten der Franziskaner Panigarola gegen die Calvinisten predigt, geht der Graf Guiche vorbei, ein Höfling des Herzogs von Anjou, der Gasparde bereits länger nachstellt. Sie weist seine Kusshand zurück und gibt Schadau ihm gegenüber als ihren Beschützer aus.

Am nächsten Tag erlebt Schadau in Colignys Dienst den Auftritt des schwächlich wirkenden Königs, auf den der Admiral seine Hoffnungen setzt. Boccard zeigt ihm seine Unterkunft im Louvre, wo er der Schweizer Garde des Königs angehört. In einer engen Gasse stellt Graf Guiche sich Schadau in den Weg, beschimpft ihn als „verdammten Hugenotten", und Boccard fordert ihn für den Freund zum Duell. Bei der Fechtübung sieht Boccard, dass Schadau zu langsam reagiert, und beschwört ihn, die Muttergottes um Beistand zu bitten. Am Morgen des Zweikampfs steckt er ihm heimlich sein Amulett ins Wams. Es fängt den Stoß des Grafen ab, während Schadau zustößt und ihn tötet. Im hugenottischen Lager fürchtet man eine Verschärfung des Religionskonflikts. Gasparde spürt das belastete Gewissen Schadaus, lässt sich die Tat gestehen, umarmt und küsst ihn und versteht sich als mitschuldig. Sie versprechen einander, in „Gefahr und Rettung, Schuld und Heil" untrennbar „bis zum Tode" zusammenzubleiben.

Einen Monat später hat sich die Lage der Hugenotten verschlechtert. Der Einfall in Flandern ist misslungen, die Protestanten fürchten Übergriffe. Admiral Coligny wird bei einem Mordanschlag schwer verwundet und liegt im Sterben. Montaigne will Chatillon auf sein Schloss in Sicherheit bringen, doch der bleibt wie Coligny in Paris. Schadau und Gasparde werden zum Admiral gerufen, der sie in aller Eile trauen lässt. Schadau soll mit seiner Frau nach Deutschland fliehen.

Bevor das gelingt, überredet Boccard den Freund, mit ihm am Bartholomäustag zum Namenstag seines Landsmannes Pfyffer in den Louvre zu kommen. Dort wird Schadau gefangen genommen und in Boccards Zimmer eingesperrt. Er hört die Sturmglocken läuten und Schüsse fallen: In dieser Nacht, der Bartholomäusnacht, werden in Paris auf Befehl des Königs Tausende Protestanten ermordet. Schadau begreift, dass der katholische Freund ihn auf diese Weise retten will. Als er ihm sagt, dass er Gasparde geheiratet hat und um sie fürchtet, fleht er ihn „im Namen der Mutter von Einsiedeln" an, ihn fliehen zu lassen. In der Uniform eines Schweizergardisten getarnt, verlässt er mit Boccards Hilfe den Louvre.

Durch mit Leichen übersäte Gassen erreichen sie das von Bewaffneten besetzte Haus des Parlamentsrats. Chatillon wird gerade aus einem Fenster auf die Straße geworfen. Sie können Gasparde aus den Händen einer Horde befreien und fliehen. Boccard wird dabei aus einem Fenster heraus erschossen, und zwar mit der Pistole, die Schadau, wie er entsetzt bemerkt, zurückgelassen hat. Im letzten Atemzug küsst Boccard das Amulett.

Am Stadttor hält eine Wache die Flüchtenden an. Es ist der böhmische Fechtmeister, der am Attentat auf Coligny beteiligt war und in der Personenbeschreibung von Guiches Duellanten seinen Schüler Schadau erkannt hat. Aus Dankbarkeit für die einstige Fluchthilfe verschafft er ihm und Gasparde nun selbst Pferde und führt sie über die Grenze. Unterwegs liest Schadau einen Brief seines Oheims, zu dem er bisher keine Zeit hatte. Er enthält den Abschiedsgruß vor dessen Tod und das Vermächtnis: „Ich lasse Dir mein irdisches Gut, vergiss Du das himmlische nicht."

Die rund vierzig Jahre später spielende Rahmenhandlung lässt erkennen, dass der Sohn Schadaus und Gaspardes im Dienst der niederländischen Generalstaaten steht, die ihre Unabhängigkeit von Spanien erreicht haben, und mit einer Holländerin verlobt ist. Beim Wiedersehen mit Boccards Amulett im Haus des alten Vaters reift Schadaus Entschluss, alles aufzuschreiben.

Stil

Die Novelle ist streng gebaut. Sie umfasst zehn Kapitel: im ersten eine 1611 spielende Rahmenhandlung und dann die rund vierzig Jahre zurückliegende Binnenerzählung, die auf die Bartholomäusnacht des 24. August 1572 zuläuft. Mit der Herausgeberfiktion schiebt Meyer eine zweite Erzählebene ein. Ein namentlich nicht genannter Bearbeiter gibt die Aufzeichnungen Schadaus wieder und rückt den persönlichen Bericht in historische Distanz.

Erzählt wird in der Ich-Form, knapp, sachlich und konzentriert auf das, was die Hauptfigur sehen, hören und denken kann. Die Religionskonflikte werden in Gesprächen über Prädestination und Wunderheilungen ausgetragen. Die historischen Figuren – Coligny, der schwächliche König, Panigarola, Montaigne – treten in einzelnen, scharf umrissenen Szenen auf. Das Amulett selbst ist der zentrale Dingsymbol-Träger: katholisches Glaubenszeichen, Schutz im Duell, Erinnerungsstück in der Rahmenhandlung. Um es ordnet Meyer das Verhältnis von Glaube und Zufall, Schuld und Rettung an, ohne es ausdrücklich auszudeuten.

Rezeption

Der Titel Das Amulett gilt als die erste größere Prosaerzählung Conrad Ferdinand Meyers. Er steht am Beginn jener Reihe historischer Novellen, mit denen sich Meyer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen festen Platz im deutschsprachigen Erzählwerk sicherte. Die Verbindung von präzise gesetztem historischem Stoff, einer kunstvoll gerahmten Konstruktion und dem schweigenden Dingsymbol des Amuletts wurde zum Muster. Es kehrt in seinen späteren Werken wieder.

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