1890
Das Ballettmädchen
Überblick↑
Die Erzählung Das Ballettmädchen (japanisch 舞姫, Maihime) ist die erste veröffentlichte Erzählung des japanischen Schriftstellers Mori Ōgai. Sie erschien 1890 in der Zeitschrift Kokumin no Tomo. Den Hintergrund bildet Mori Ōgais eigener Aufenthalt in Deutschland, wo er von 1884 bis 1888 als Medizinstudent lebte. Erzählt wird von einem jungen Japaner in Berlin, der sich zwischen seiner Laufbahn und seiner Liebe zu einer Tänzerin entscheiden muss. Der Text gilt als Beispiel für die Herausbildung der modernen japanischen Literatur in der Meiji-Zeit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Ōta Toyotarō, ein junger Japaner, der zum Studium nach Deutschland geschickt wird. Sein Vater starb früh, die Mutter zog ihn in Tokio auf. An der Universität Tokio studierte er Jura und galt als glänzender Student; er spricht neben Japanisch auch Französisch und Deutsch.
In Berlin fühlt er sich von seinen Landsleuten abgesondert, weil er ihr geselliges Leben nicht teilt. Eines Abends trifft er auf dem Heimweg ein weinendes Mädchen: Elise, die Tochter einer armen Familie, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr als Tänzerin an einem Theater arbeitet. Tagsüber Proben, abends Vorstellungen, dazu ein kärglicher Lohn. Toyotarō will ihr helfen, leiht ihr Bücher und unterrichtet sie.
Der Beistand für Elise bringt ihn in Schwierigkeiten; er verliert seine Stellung. Sein Freund Aizawa Kenkichi, Privatsekretär des Grafen Amakata in Tokio, verschafft ihm eine neue Beschäftigung. Zugleich wächst die Zuneigung zwischen Toyotarō und Elise. Und zugleich zieht ihn Aizawa zurück in die Bahn einer Beamtenkarriere, denn eine Verbindung mit einer Tänzerin, so hält er ihm vor, schade dem Ruf und dem Fortkommen. Toyotarō selbst nennt sich einen schwachen Menschen, der Vorgesetzten zustimmt, ohne die Folgen zu bedenken.
Die Handlung im Detail↑
Nach seinem Studium in Tokio kommt Ōta Toyotarō nach Deutschland. Bis dahin war sein Weg mühelos verlaufen: ein vorbildlicher Student, ein vorbildlicher Beamter. In Berlin aber wird ihm bewusst, dass er zu einem, wie er es empfindet, passiven und mechanisch funktionierenden Wesen geworden ist. Auf seine früheren Erfolge ist er nicht mehr stolz, denn sie erscheinen ihm als Lohn für bloßes Gehorchen.
Eines Nachts findet er die weinende Elise, zweite Tänzerin an einem Theater. Sie hat kaum Schulbildung erhalten, liest aber seit ihrer Kindheit gern, und sie verschlingt alles, was Toyotarō ihr in die Hand gibt. Er wird für eine Weile ihr Lehrer und berichtet stolz, dass unter seiner Anleitung ihr Akzent verschwunden und ihre Schrift besser geworden sei. Seine Hilfe kostet ihn die Stellung. Aizawa Kenkichi, der in einer japanischen Zeitung davon gelesen hat, überredet den Herausgeber einer Berliner Zeitung, Toyotarō zu beschäftigen. Über Aizawa kommt auch die Verbindung zum Grafen Amakata zustande, einem einflussreichen Politiker.
Aus der Bekanntschaft mit Elise wird Liebe, und sie wird schwanger. Im selben Maß aber wächst der Druck von der anderen Seite. Aizawa erklärt dem Freund, Elise stehe unter seinem Stand, sie sei ein Hindernis für seine Laufbahn und ein Makel für seinen Ruf. Hinter Toyotarōs Rücken teilt er dem Grafen mit, dieser plane bereits, sich von Elise zu trennen; so will er das Vertrauen des Grafen in Toyotarō stärken. Zugleich unterstützt Aizawa Elise und ihre Familie finanziell, während Toyotarō krank daniederliegt.
Am Ende entscheidet sich Toyotarō für die Karriere. Elise erleidet darüber einen Zusammenbruch. Er lässt sie allein und schwanger zurück und reist nach Tokio ab; damit schließt die Erzählung. Sein letztes Wort gilt dem Freund: Menschen wie Aizawa Kenkichi seien selten, und doch bleibe in ihm bis heute etwas, das ihn verfluche.
Stil↑
Auffällig ist die Ich-Erzählung: Toyotarō berichtet selbst, und gerade dieser Rückblick eines Mannes, der sich seine Schwäche eingesteht, ohne sie ändern zu wollen, prägt den Ton. Die Ich-Form war ein Kennzeichen der modernen Literatur des 19. Jahrhunderts, und Das Ballettmädchen gilt zugleich als Beispiel neoklassizistischen Erzählens in Japan.
Bemerkenswert ist auch, wie wenig der Erzähler selbst handelt. In den meisten Ereignissen spielt er nur eine Nebenrolle; es sind Elise, seine Mutter und Aizawa Kenkichi, die die Handlung vorantreiben. Die literaturwissenschaftliche Forschung hat den Text als Spiegel der Meiji-Zeit gelesen: als Auseinandersetzung zwischen Moderne und Tradition, zwischen Ost und West und zwischen persönlichem Wunsch und den einengenden Regeln der Gesellschaft.
Rezeption↑
Kurz nach dem Erscheinen entzündete sich an der Erzählung eine literarische Auseinandersetzung. Der Schriftsteller und Kritiker Ishibashi Ningetsu veröffentlichte eine kritische Besprechung und bemängelte darin vor allem, dass die Hauptfigur Ōta widersprüchlich gezeichnet sei. Mori Ōgai antwortete und verteidigte seine Figurenzeichnung. Aus Rede und Gegenrede wurde ein längerer Briefwechsel. Die Forschung sieht in diesem Streit ein Beispiel dafür, wie sich die japanische Literatur des 19. Jahrhunderts im Austausch mit der Kritik entwickelte.
Über die Frage, wie viel eigenes Erleben in der Erzählung steckt, wird bis heute diskutiert. Der Literaturwissenschaftler Christopher Hill weist darauf hin, dass Mori Ōgai sich auf andere Studenten stützte, die er in Deutschland kannte, und dass der Text deshalb nicht als Bericht über sein eigenes Leben gelesen werden sollte. In der Figur des Grafen Amakata hat man eine Anspielung auf den Politiker Yamagata Aritomo vermutet, der sich zur selben Zeit im Ausland aufhielt.
Häufig wird die Erzählung neben Puccinis Oper Madama Butterfly gestellt, die ein ähnliches Motiv behandelt, aber mit vertauschten Rollen: Dort verlässt ein Mann aus dem Westen eine Japanerin, hier verlässt ein Japaner eine Europäerin. Der Stoff wurde auch verfilmt: als Folge der Zeichentrickreihe Animated Classics of Japanese Literature, die in Nordamerika von Central Park Media herausgebracht wurde, und 2006 als Direktveröffentlichung des Studios Toei Animation.
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