1948
Das Begräbnis
Überblick↑
Die Kurzgeschichte Das Begräbnis von Wolfdietrich Schnurre entstand in der unmittelbaren Nachkriegszeit und erschien erstmals im Februar 1948 in der Zeitschrift Ja. Zeitung der jungen Generation. Eine überarbeitete Fassung nahm Schnurre 1960 in seine Prosasammlung Man sollte dagegen sein auf. Der Text erzählt vom Begräbnis Gottes, dessen Tod in der Welt kaum jemanden berührt. Literaturgeschichtlich hat die Geschichte einen besonderen Rang: Sie war der erste Text, der bei einer Zusammenkunft der Schriftstellervereinigung Gruppe 47 vorgelesen wurde. Sie gilt als kennzeichnendes Beispiel der Trümmerliteratur und des magischen Realismus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein namenloser Ich-Erzähler wird bei seiner Arbeit durch die Türklingel unterbrochen, doch niemand steht vor der Tür. Er findet einen Brief, der nach Weihrauch riecht und eine ungewöhnliche Todesanzeige enthält: Gestorben sei, von keinem geliebt und von keinem gehasst, Gott. Wenig überrascht macht sich der Erzähler auf den Weg zum St.-Zebedäus-Friedhof, wo die Beisetzung noch in derselben Nacht stattfinden soll. Seine Frau argwöhnt, er wolle bloß Skat spielen.
Auf dem Weg begegnet er Menschen, die auf die Nachricht mit auffälliger Gleichgültigkeit reagieren. Die Zeitungen berichten nicht, und selbst dem Pfarrer sagt der Name des Toten kaum etwas. Die Geschichte führt den Leser zu einer Beerdigung, bei der der Verstorbene fast in Vergessenheit gerät, während das gewöhnliche Leben ungerührt weitergeht.
Die Handlung im Detail↑
Während der Erzähler an einer handwerklichen Arbeit sitzt, klingelt es an der Tür, doch niemand ist zu sehen. Er hört nur eine Stimme und findet einen nach Weihrauch riechenden Brief. Darin steckt eine Todesanzeige mit den Worten: „Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott.“ Der Erzähler zeigt sich wenig überrascht. Trotz des Argwohns seiner Frau, er wolle nur zum Skatspielen fort, macht er sich auf den Weg zum St.-Zebedäus-Friedhof, wo die Beisetzung noch in der Nacht stattfinden soll.
Die Menschen, denen er unterwegs begegnet, nehmen die Neuigkeit gleichgültig auf. Auch die Zeitungen schweigen; nur auf der letzten Seite eines Anzeigenblatts findet sich die Todesanzeige. Der Pfarrer kann mit dem Namen des Toten nichts anfangen und erinnert sich an ihn als „Klott oder Gott oder so ähnlich“.
Auf dem Friedhof versammeln sich neben Erzähler und Pfarrer nur wenige: zwei Totengräber, ein Kittelträger, der an einen Straßenfeger erinnert, zwei Kriegsheimkehrer und die Inspektorin. Bei strömendem Regen und im Licht von Karbidlampen findet die Beerdigung ohne jede Anteilnahme statt. Es kommt zu einem Zwischenfall, bei dem der Tote aus dem Sarg fällt. Schon nach den ersten Worten bricht der Pfarrer seine Trauerrede ab, weil die Totengräber ungerührt weiterarbeiten. Nachdem alle feuchten Lehm ins offene Grab geworfen haben, denken die Anwesenden bereits an die Vergnügungen der kommenden Nacht. Am Friedhofszaun stößt der Erzähler noch einmal auf Gottes Todesanzeige. Der Pfarrer hinkt bei seinem Abgang davon.
Stil↑
Ohne Vorbereitung setzt die Geschichte ein: Es gibt keine einführenden Beschreibungen, sondern einen unvermittelten Einstieg. Auch im weiteren Verlauf verzichtet Schnurre auf jede sprachliche Ausschmückung. Er bediene sich, wie er in den fünfziger Jahren programmatisch formulierte, „einer absolut unprätentiösen, hart dem Alltag angenäherten Sprache“. Die Sätze sind einfach und der Umgangssprache entnommen. Oft bestehen sie aus unvollständigen Ellipsen und sind schlicht aneinandergereiht, viele sogar ohne Verb. Schon das Druckbild erzeugt durch die zahlreichen Zeilenumbrüche ein textliches Stakkato und einen fragmentarischen Eindruck. Das Präsens verleiht der Erzählung Unmittelbarkeit, ebenso die niedergeschriebenen Wendungen der gesprochenen Sprache. Alle Gefühle verbirgt der Erzähler hinter einer nüchternen, sachlichen Notation.
Manfred Durzak sah den Text stark formal strukturiert, wie es für Schnurres Prosa typisch sei. Der betont naturalistische Stil werde mit „pseudometaphysischen“ Elementen kontrastiert, das Plakative dem Unerklärlichen und Surrealen gegenübergestellt. Der naturalistische Jargon der Figuren bestimme nicht nur die Dialoge, sondern auch die Rede des Ich-Erzählers. In der Todesanzeige verschwinde eine bedeutsame Aussage hinter sprachlichen Klischees. Das satirische Spiel mit den romantischen Erwartungen des Lesers rufe immer wieder Komik hervor. Mathias Adelhoefer sprach von einer „realistisch-grotesken“ Kurzgeschichte. Gerade die Beiläufigkeit und Schnoddrigkeit im Ton hätten in den Nachkriegsjahren, in denen vielfach ein literarisches Pathos vorherrschte, wie eine Provokation gewirkt.
Rezeption↑
Ihre erste öffentliche Beachtung fand die Geschichte in einem Bericht über die erste Tagung der Gruppe 47. Das Urteil nannte sie „hart an der Wirklichkeit begründet“ und zugleich transparent durch die metaphysische Verkettung, eine „Arbeit von Bedeutung, vielleicht ein Schulbeispiel für den magischen Realismus“. Laut Heinz Ludwig Arnold wurde der Text neben Günter Eichs Inventur „zum Paradestück des frühen Gruppe 47-Literaturprogramms“ und kennzeichnend für die Kahlschlagliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg. Heinz Friedrich sah in der Geschichte „eines der erschütterndsten Zeugnisse jener Stunde Null der ersten Nachkriegsjahre in Deutschland“. Für René Wintzen markierte sie „die Anfänge der neuen deutschen Literatur“ nach 1945.
Das Publikum reagierte jedoch nicht immer mit Verständnis. Bei einer öffentlichen Lesung im April 1948 in Jugenheim verließen große Teile der Zuhörer während des Vortrags den Saal. Toni Richter erklärte, die meisten hätten unter Dichtung „etwas Aufbauendes, Unverbindliches erwartet“. Georg Hensel erkannte darin ein „tieferes Mißverständnis“: Man habe Zynismus gewittert, wo keiner war, und geglaubt, Gott werde beleidigt. Die Geschichte trug Schnurre sogar den Vorwurf der Gotteslästerung ein. Anders verlief eine Lesung 1947 im Berliner Konsistorium vor evangelischen Pfarrern: Danach, so Schnurre, sei „ein Bekenntnisorkan“ losgebrochen. Keiner sei auf den Gedanken gekommen, dass „die Todesursache dieses Gottes vermutlich seine Bedeutungslosigkeit war“. Einer Schülerin schrieb er, die Menschen hätten Gott schon häufig begraben.
Im Jahr 1966 übertrug Schnurre die Geschichte unter dem Titel t Bejräbnis vollständig in den Berliner Dialekt. Im September 1977 las er sie zum Abschluss einer Wiederbegegnung der bereits inaktiven Gruppe 47 noch einmal vor. So bildete Schnurre nach den Worten Hans Werner Richters mit dieser Geschichte „Anfang und Ende der ‚Gruppe 47‘“. Marcel Reich-Ranicki nannte das einen „stilvollen und glücklichen Einfall“, denn das Prosastück sei „immer noch gut“. Im Jahr 1993 sprach Katharina Blencke von einer „mittlerweile schon fast legendären Kurzgeschichte“. Das Werk gilt als repräsentative Nachkriegsliteratur und wurde zur literaturgeschichtlichen Pflichtlektüre für Schüler und Germanisten.
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