1949
Das Aleph
Überblick↑
Die Erzählung Das Aleph stammt von dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges. Der spanische Originaltitel lautet El Aleph. Die Geschichte erschien zuerst 1945 und gab wenig später dem Erzählband El Aleph von 1949 seinen Namen. Im Mittelpunkt steht ein winziger Punkt im Raum, in dem das gesamte Universum auf einmal sichtbar wird. Damit greift Borges eines seiner immer wiederkehrenden Themen auf: die Unendlichkeit. Die Erzählung zählt zu den bekannten Texten des Autors.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Ich-Erzähler trägt denselben Namen wie sein Autor: Borges. Zu Beginn berichtet er vom Tod der Beatriz Elena Viterbo, einer Frau, die er verehrt hat. Um ihr Andenken wachzuhalten, besucht er einmal im Jahr das Haus ihrer Familie. Dort trifft er regelmäßig auf ihren Cousin, Carlos Argentino Daneri, einen selbstgefälligen und wenig begabten Dichter.
Daneri arbeitet an einem gewaltigen Gedicht, das jeden Ort der Welt bis ins Kleinste beschreiben soll. Er redet ausführlich über sein Werk und bittet Borges sogar, seine Beziehungen für ein prominentes Vorwort spielen zu lassen. Borges sagt seine Hilfe nur zum Schein zu.
Eines Tages ruft Daneri in großer Aufregung an: Sein Haus soll abgerissen werden. Er vertraut Borges ein seltsames Geheimnis an. In seinem Keller liege ein Aleph – ein einziger Punkt, der alle Orte der Welt zugleich in sich enthalte. Borges bleibt zunächst ungläubig. Doch die Neugier siegt, und er steigt in den dunklen Keller hinab, um selbst nachzusehen.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht der Tod von Beatriz Elena Viterbo, einer Frau, die der Ich-Erzähler Borges verehrt hat. Um die Erinnerung an sie zu bewahren, sucht er Jahr für Jahr Haus und Familie der Verstorbenen auf. So kommt er in näheren Kontakt mit ihrem Cousin Carlos Argentino Daneri, einem blasierten und untalentierten Lyriker.
Daneri hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein großes Gedicht zu verfassen, das jeden Ort der Erde im Detail schildert. In langen Gesprächen kommentiert er sein eigenes Werk und bittet Borges schließlich, einen anderen Autor für das Vorwort zu gewinnen. Der Erzähler verspricht seine Unterstützung nur zum Schein.
Dann soll Daneris Haus abgerissen werden. In seiner Not offenbart er Borges das Geheimnis des Kellers: Dort befinde sich ein Aleph, ein Punkt im Raum, der alle Punkte der Welt in sich enthalte. Auf keinen Fall dürfe er zerstört werden, denn ohne ihn könne Daneri sein Gedicht nicht vollenden. Obwohl Borges an einen Scherz oder Wahnsinn glaubt, steigt er in den dunklen Keller hinab. Und tatsächlich erblickt er das Unglaubliche: „[Ich] sah das Aleph aus allen Richtungen zugleich, sah im Aleph die Erde und in der Erde abermals das Aleph und im Aleph die Erde, sah mein Gesicht und meine Eingeweide, sah dein Gesicht und fühlte Schwindel und weinte, weil meine Augen diesen geheimen und gemutmaßten Gegenstand erschaut hatten, dessen Namen die Menschen in Beschlag nehmen, den aber kein Mensch je erblickt hat: das unfaßliche Universum."
Am Ende wird Daneris Haus doch abgerissen und das Aleph zerstört. In einem Nachtrag äußert der Erzähler einen Verdacht: Womöglich sei das Aleph in Daneris Keller nur ein „falsches" gewesen. Denn in der Literatur finden sich Hinweise auf weitere solche Punkte an anderen Orten der Welt.
Stil↑
Kennzeichnend für die Erzählung ist die Erzählstimme selbst: Der Ich-Erzähler heißt wie sein Autor, ein Kunstgriff, den Borges in mehreren Geschichten verwendet. Sein Blick auf den eitlen Daneri ist von feiner Ironie getragen, während die Sprache im entscheidenden Moment ins Feierliche kippt.
Den Höhepunkt bildet eine lange Aufzählung. Was der Erzähler im Aleph sieht, reiht er in einer scheinbar endlosen Kette aneinander, jeweils eingeleitet mit dem Wort „sah". So wird die Fülle des Universums im Satzbau selbst spürbar. Hinter dem Bild steht der Gedanke der Unendlichkeit: Ein Punkt, der das ganze Universum enthält, muss auch sich selbst enthalten. So spiegelt sich das Aleph im Aleph und dieses wieder in einem weiteren, immer fort. In der Mathematik bezeichnet das Aleph-Symbol die Mächtigkeit unendlicher Mengen; die Menge der natürlichen Zahlen trägt das Zeichen ℵ₀.
Der Text ist zudem dicht mit gelehrten Anspielungen durchsetzt, vor allem auf Dante Alighieris Göttliche Komödie. Der Name „Daneri" ist aus „Dante Alighieri" zusammengesetzt. In der Göttlichen Komödie steht in jedem der drei Teile im 19. Gesang die Beschreibung eines aleph-ähnlichen Bildes, etwa ein Adler, der sich aus allen Adlern zusammensetzt. Passend dazu liegt das Aleph in Borges' Keller auf der 19. Stufe der Treppe. Auch die Namen spielen mit den Buchstaben: „Carlos Argentino Daneri" und „Beatriz Elena" enthalten die ersten fünf Buchstaben des Alphabets, dessen hebräische Form mit dem Buchstaben Aleph beginnt.
Rezeption↑
Die Erzählung gab dem Sammelband El Aleph von 1949 seinen Titel und steht damit für einen der zentralen Erzählbände von Borges. Ihr Bild vom Aleph – dem einzelnen Punkt, in dem das gesamte Universum zugleich erscheint – gehört zu den Vorstellungen, die man bis heute mit seinem Werk verbindet. Immer wieder wurde auch die Verbindung zur Mathematik beachtet, in der das Aleph-Zeichen die Größe unendlicher Mengen benennt.
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