1825 – 1898
Conrad Ferdinand Meyer
Kurzporträt↑
Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) zählt neben Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schweizer Dichtern des 19. Jahrhunderts. Er schrieb vor allem historische Novellen, Romane und Lyrik und gilt als Hauptvertreter des Realismus. Bekannt wurde er erst spät, mit 46 Jahren, durch den Gedichtzyklus Huttens letzte Tage. Es folgten Werke wie der Roman Jürg Jenatsch und die Novellen Die Hochzeit des Mönchs, Die Richterin und Die Versuchung des Pescara. 1888 wurde Meyer mit dem bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet.
Biografie↑
Geboren wurde Conrad Ferdinand Meyer am 11. Oktober 1825 in Zürich, in eine alteingesessene Patrizierfamilie. Sein Vater Ferdinand Meyer (1799–1840) war Jurist, Historiker und Mitglied des Zürcher Regierungsrates. Er starb, als der Sohn fünfzehn Jahre alt war. Zur Mutter Elisabeth (Betsy), geborene Ulrich, hatte er ein äußerst schwieriges Verhältnis. Sie war psychisch belastet und nahm sich 1856 in der Nervenheilanstalt Préfargier am Neuenburgersee das Leben. Eng verbunden blieb Meyer zeitlebens mit seiner jüngeren Schwester Betsy (1831–1912), die später als Sekretärin und literarische Vertraute für ihn tätig war.
Auf dem Zürcher Gymnasium war Meyer, anders als spätere Biographen es darstellten, kein schwacher Schüler. Bei den öffentlichen Prüfungen war er laut der Deutschen Biographie sechsmal Klassenerster, dreimal Zweiter. Als er ein halbes Jahr vor dem Abitur auf die fünfte Stelle absank, nahm die Mutter ihn sofort von der Schule. 1843/44 hielt er sich in Lausanne auf, um Französisch zu lernen. Er immatrikulierte sich dort als Externer an der Académie und las eifrig in der klassischen und zeitgenössischen französischen Literatur. Hier fand er im Historiker Louis Vulliemin einen väterlichen Freund. Er beherrschte das Französische so gut, dass er französische Literatur übersetzte und überlegte, französischer Schriftsteller oder Romanist zu werden. Eine eigene Angabe Meyers, er habe in Zürich das Maturitätsexamen bestanden, ist laut der Deutschen Biographie in den Akten des Zürcher Gymnasiums nicht belegt. Im Oktober 1844 schrieb er sich der Mutter zuliebe an der Juristischen Fakultät in Zürich ein. Das Studium vernachlässigte er aber bald völlig.
Es folgte ein verzweifeltes Jahrzehnt mit Selbstmordgedanken. Noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr kam er das erste Mal wegen schwerer Depressionen in eine Nervenheilanstalt. 1852 wurde er in die neuenburgische Anstalt Préfargier eingewiesen. Dort begann er auf Anregung Vulliemins – gleichsam als Arbeitstherapie – die Übersetzung von Augustin Thierrys Merowingergeschichte. Sie erschien 1855 anonym im Verlag Friderichs in Elberfeld. Meyer blieb damit in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.
Nach dem Tod der Mutter und einer Erbschaft von dritter Seite war Meyer finanziell unabhängig. 1857 reiste er nach Paris und München, 1858 mit Schwester Betsy nach Rom und in die Toskana. Diese Italienreise beeindruckte ihn tief. Nach Betsys Darstellung führte das Studium der Antike und der Renaissance, vor allem der Fresken und Skulpturen Michelangelos, zum künstlerischen Durchbruch, gefördert durch Friedrich Theodor Vischer und Jacob Burckhardt. 1860 entschloss er sich, sich ganz der Dichtung zu widmen. 1864 erschien anonym sein erster Gedichtband.
1868 übersiedelte Meyer mit der Schwester an den Zürichsee und wohnte bis 1877 nacheinander im Seehof Küsnacht, im Seehof Meilen und im Landgut Wangensbach. Der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich 1870/71 stürzte ihn, der in beiden Kulturen lebte, in einen tiefen Zwiespalt. Nach dem deutschen Sieg entschied er sich für die deutsche Literatur. 1871, mit 46 Jahren, kam der erste literarische Erfolg: der Gedichtzyklus Huttens letzte Tage. Er erschien wie alle weiteren Buchausgaben beim Leipziger Verleger Hermann Haessel. 1875 heiratete er Johanna Luise Ziegler, die Tochter des Zürcher Stadtpräsidenten. Diese Verbindung festigte sein gesellschaftliches Ansehen. 1876 erschien der Roman Jürg Jenatsch (in den ersten Auflagen noch als Georg Jenatsch), 1878 die humoristische Kurznovelle Der Schuß von der Kanzel. Mit Der Heilige, den Julius Rodenberg 1879/80 in der Deutschen Rundschau vorabdruckte, festigte sich Meyers Ruf als herausragender Erzähler. 1879 wurde die Tochter Camilla geboren. 1882 erschien die Sammlung Gedichte, die ihn auch als bedeutenden Lyriker zeigt und bis 1892 mit jeder Auflage erweitert wurde.
In nahezu jährlichem Rhythmus folgten weitere historische Novellen und Romane, darunter Die Hochzeit des Mönchs (1884), Die Richterin (1885) und Die Versuchung des Pescara (1887). 1888 wurde Meyer mit dem Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst geehrt. Im selben Jahr begannen wieder schwere Leiden. Sein letztes Werk Angela Borgia konnte er nur noch mit Mühe fertigstellen. 1892 wurde er erneut in eine psychiatrische Heilanstalt eingewiesen. Er geriet zunehmend in einen Dämmerzustand und wurde 1893 ohne nennenswerte Besserung entlassen. Gepflegt von seiner Frau, verbrachte er die letzten Jahre in seinem Haus in Kilchberg. Dort starb er am 28. November 1898 im Alter von 73 Jahren. Auf dem Friedhof von Kilchberg fand er seine letzte Ruhestätte. Louis Wethli schuf ein Grabdenkmal in Form eines Obelisken.
Literarische Merkmale↑
Meyer ist ein Dichter des Realismus, dessen Werk sich auf zwei Hauptgebiete verteilt: die historische Erzählprosa und die Lyrik. In den Novellen und Romanen wendet er sich bevorzugt vergangenen Epochen zu – der Schweizer Geschichte in Jürg Jenatsch, der Reformationszeit in Huttens letzte Tage, der italienischen Renaissance in Die Hochzeit des Mönchs, Die Versuchung des Pescara und Angela Borgia.
Den künstlerischen Durchbruch verdankt Meyer nach Darstellung seiner Schwester Betsy dem Studium der Antike und der Renaissance während der Italienreise von 1858, besonders der Fresken und Skulpturen Michelangelos. Gefördert wurde diese Wendung durch die Begegnung mit Friedrich Theodor Vischer und Jacob Burckhardt. Die entscheidende Einsicht, die seinem späteren Werk zugrunde liegt, fasst die Deutsche Biographie so: das Ideelle sei sinnlich darzustellen.
Daneben tritt das humoristische Erzählen, etwa in der Kurznovelle Der Schuß von der Kanzel von 1878. Als Lyriker zeigte er sich vor allem in der Sammlung Gedichte von 1882. Diese überarbeitete und erweiterte er bis zu seinem psychischen Zusammenbruch 1892 mit jeder neuen Auflage – ein Hinweis auf seinen unermüdlichen Willen zur Verfeinerung der Form.
Rezeption↑
Meyers Weg zur literarischen Anerkennung war lang. Seine ersten Arbeiten – die Thierry-Übersetzung von 1855 und der Gedichtband von 1864 – erschienen anonym, sodass er in der Öffentlichkeit zunächst weitgehend unbekannt blieb. Den Durchbruch brachte erst 1871, im Alter von 46 Jahren, der Gedichtzyklus Huttens letzte Tage. Sämtliche folgenden Buchfassungen erschienen beim Leipziger Verleger Hermann Haessel.
Der Roman Jürg Jenatsch von 1876 machte Meyer einem breiteren Publikum bekannt. Endgültig festigte sich sein Ruf als herausragender Erzähler, als der renommierte Herausgeber Julius Rodenberg die Novelle Der Heilige 1879/80 als Vorabdruck in die Deutsche Rundschau aufnahm, eine der angesehensten literarischen Zeitschriften der Zeit. Die Sammlung Gedichte von 1882 wies ihn auch als bedeutenden Lyriker aus. Die Heirat mit Luise Ziegler, der Tochter des Zürcher Stadtpräsidenten, stärkte 1875 entscheidend sein gesellschaftliches Ansehen.
Heute gilt Meyer als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts und wird in einem Atemzug mit Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf genannt. 1888 wurde er mit dem bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst geehrt. Sein Andenken pflegt das C.-F.-Meyer-Haus in Kilchberg, in dessen Garten sich auch die Gedenkstätte für seine Schwester Betsy befindet.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (94 weitere Titel)