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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Robert Merle
Robert Merle
1908 – 2004
– Autorenporträt –

Robert Merle

1908 – 2004 · 95 Jahre

Französischer Romancier, der reale historische Ereignisse ebenso verarbeitete wie erfundene Zukunftsszenarien – bekannt wurde er mit dem Atomkriegsroman „Malevil“ und dem dreizehnbändigen Familienzyklus „Fortune de France“.

Kurzbiografie↑

Robert Merle war ein französischer Romancier, der historische Ereignisse zum Stoff seiner Bücher machte. Geboren wurde er 1908 im damals französischen Algerien; er starb 2004 im Alter von 95 Jahren. Der Roman Wochenend in Zuidcoote brachte ihm 1949 den Prix Goncourt ein. Einem breiten Publikum wurde er 1972 mit Malevil bekannt, einem Roman über das Leben nach einem Atomkrieg. Neben Romanen schrieb er auch Theaterstücke sowie eine Biografie des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro.


Biografie↑

Als Sohn eines Offiziers kam Robert Merle 1908 in Tebessa im damals französischen Algerien zur Welt. 1918 zog die Familie nach Frankreich. Nach dem Schulabschluss begann er in Paris ein Studium der Anglistik.

Der Zweite Weltkrieg unterbrach diesen Weg. 1940 kämpfte Merle in der Schlacht um Dünkirchen und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er 1943 zurückkehrte. Diese Erfahrung prägte den Roman Wochenend in Zuidcoote von 1949, der von der Zeit in der Gefangenschaft angeregt war und mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.

Nach Kriegsende schloss Merle sein Studium in Paris ab und promovierte 1948 über Oscar Wilde. 1950 folgte er einem Ruf an die Universität Rennes, wo er den Lehrstuhl für englische Sprache und Literatur übernahm. Kurze Zeit lehrte er als Professor für Anglistik an der Universität von Algier, ab 1967 dann in Nanterre. Mit den Jahren trat die Lehre gegenüber dem Schreiben immer weiter zurück.

1952 erschien Der Tod ist mein Beruf, ein Roman über das Leben des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß; Merle stützte sich dabei auf Verhörprotokolle. Die deutsche Ausgabe kam 1957 heraus. 1965 legte er mit Moncada – Fidel Castros erste Schlacht eine Arbeit über den kubanischen Revolutionsführer vor. Der Science-Fiction-Roman Ein vernunftbegabtes Tier von 1967 handelt vom Missbrauch von Delfinen für militärische Zwecke; in anderen deutschen Ausgaben trägt er den Titel Der Tag der Delphine.

Die Studentenunruhen von 1968 erlebte Merle an seinem eigenen Lehrort. Sie wurden zum Thema des Romans Hinter Glas, der 1970 erschien und die Proteste an der Universität Paris-Nanterre schildert. 1972 folgte Malevil. Der Roman erzählt von einer kleinen Gruppe, die den Atomkrieg überlebt, weil sie sich am Tag der Bomben gerade im Weinkeller einer südfranzösischen Burg aufhält. Weil es keinen Fallout gibt, können die Überlebenden weiterleben, doch es kommt zu Konflikten mit anderen Überlebenden und zu Spannungen in der eigenen Gruppe. Die ersten Geräte, die sie selbst herstellen, sind Waffen. 1974 erschien Die geschützten Männer: Eine Seuche befällt nur Männer und tötet sie, sofern sie nicht kastriert sind; die Überlebenden werden in Quarantänelagern gehalten, und Männer und Frauen tauschen Rollen wie Verhaltensweisen.

Von 1974 bis zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 gehörte Merle der Kommunistischen Partei Frankreichs an.

Ab 1977 arbeitete er ohne Unterbrechung an seinem großen Zyklus Fortune de France, an dem er bis zu seinem Lebensende schrieb. Der Zyklus erzählt die Geschichte Frankreichs in der Zeit der Religionskonflikte anhand der Renaissance-Familie Siorac, von François I. bis Ludwig XIV. Bis zum Erscheinen des letzten Bandes 2003 umfasste die Reihe dreizehn Bände; ein vierzehnter blieb unvollendet. Daneben entstanden weitere Romane, darunter Madrapour (1976), Nachtjäger (1986), Der Tag des Affen (1989) und Das Idol (1991). 1987 schrieb er das Drehbuch zu dem Film Insel der Meuterer.

Robert Merle starb 2004 im Alter von 95 Jahren an einem Herzinfarkt in seinem Haus bei Paris. Die Angaben zu Geburts- und Todesdatum gehen auseinander: Wikidata und die Deutsche Nationalbibliothek nennen den 29. August 1908 und den 27. März 2004, während sich anderswo der 28. August und der 28. März finden. Auch der Sterbeort wird unterschiedlich angegeben, teils Paris, teils Grosrouvre. Zum hundertsten Geburtstag legte sein Sohn Pierre Merle eine Biografie über den Vater vor, die 2009 auf Deutsch erschien.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Merles Bücher ist die Bindung an geschichtliche Ereignisse. Immer wieder ging er von belegten Vorgängen aus: von der Schlacht um Dünkirchen, von den Verhörprotokollen des Auschwitz-Kommandanten, von den Pariser Studentenprotesten des Jahres 1968.

Daneben arbeitete er mit erfundenen Ausgangslagen, die er streng durchdachte. In Malevil ist es der Atomkrieg, in Die geschützten Männer eine Seuche, die nur Männer befällt. Merle spielt solche Annahmen konsequent durch und beobachtet, wie sich das Zusammenleben der Menschen darunter verändert. In Die geschützten Männer nimmt er dabei beide Seiten aufs Korn: das machistisch-patriarchalische Gesellschaftssystem ebenso wie einen extremen Feminismus.

Der Zyklus Fortune de France zeigt eine dritte Seite seines Schreibens. Hier vermittelt Merle die französische Geschichte nicht als Darstellung von oben, sondern über die Erlebnisse einer einzelnen Familie, die er über Generationen hinweg verfolgt.


Rezeption↑

Bereits Wochenend in Zuidcoote brachte Merle große Aufmerksamkeit: Der Roman erhielt 1949 den Prix Goncourt. Für Malevil wurde er 1974 mit dem John W. Campbell Memorial Award ausgezeichnet.

Mehrere seiner Bücher gelangten auf die Leinwand. Wochenend in Zuidcoote wurde 1964 als Dünkirchen, 2. Juni 1940 verfilmt, 1973 folgte Der Tag des Delphins. 1977 verfilmte Theodor Kotulla Der Tod ist mein Beruf unter dem Titel Aus einem deutschen Leben mit Götz George in der Hauptrolle. 1981 kam Malevil ins Kino, 2024 Die geschützten Männer.

Im deutschen Sprachraum wurde Merle vor allem über den Aufbau-Verlag bekannt. In den späten 1960er und den 1970er Jahren übersetzte Eduard Zak in dessen Auftrag mehrere Werke aus dem Französischen, darunter Die Insel, Ein vernunftbegabtes Tier und Malevil. Der Zyklus Fortune de France sollte ursprünglich nur in Teilen übersetzt werden. Wahrscheinlich brachten Anfragen und Proteste von Lesern den Verlag zum Umdenken, sodass Bände nachgeliefert wurden. Das führte allerdings dazu, dass die deutschen Ausgaben nicht in der historisch richtigen Reihenfolge der Handlung erschienen. Der Zyklus zählt zu den umfangreichsten historischen Romanwerken der Gegenwartsliteratur und erreichte etwa sechs Millionen Leser.

Auch in der Science-Fiction wird Merle geführt: Er ist in einschlägigen Nachschlagewerken wie Reclams Science-fiction-Führer und der Encyclopedia of Science Fiction verzeichnet.

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