1868 – 1932
Gustav Meyrink
Kurzporträt↑
Als deutsch-österreichischer Schriftsteller und Übersetzer schuf Gustav Meyrink einige der bekanntesten phantastischen Romane des deutschen Sprachraums. Geboren 1868 in Wien als Gustav Meyer, wurde er zunächst Bankier in Prag, ehe ihn der Zusammenbruch seines Geschäfts zur Schriftstellerei trieb. Sein Werk kreist um Okkultismus, Mystik und das Übersinnliche. Am bekanntesten wurde sein 1915 erschienener Roman Der Golem, der im alten Prager Ghetto spielt. Meyrink starb 1932 in Starnberg.
Biografie↑
Geboren wurde Gustav Meyrink am 19. Januar 1868 in Wien als unehelicher Sohn des württembergischen Staatsministers Carl Freiherr von Varnbüler und der Hofschauspielerin Marie Meyer. Seinen bürgerlichen Namen Meyer führte er bis 1901, danach nutzte er den Künstlernamen Meyrink, der ihm laut der Neuen Deutschen Biographie 1917 offiziell genehmigt wurde. Seine Kindheit verbrachte er, allem Anschein nach wenig glücklich, in München und besuchte dort das Wilhelmsgymnasium. Wegen der wechselnden Engagements seiner Mutter setzte er die Schule in Hamburg fort. Das Abitur legte er schließlich in Prag ab.
Dort besuchte er die Handelsakademie und absolvierte einen Lehrgang für Bankkaufleute. Mit 21 Jahren erhielt er Vermögenswerte, die sein Vater hinterlegt hatte. Sie ermöglichten es ihm, in Prag gemeinsam mit einem Verwandten des Dichters Morgenstern das Bank- und Wechslergeschäft „Meyer & Morgenstern“ zu gründen. Von 1889 bis 1902 war Meyrink dessen Mitinhaber, später Alleininhaber. In Prag wirkte er auffällig auf seine Umgebung: seine betonte Eleganz, sein distanziertes Auftreten und seine unklare Herkunft ließen ihn befremdlich erscheinen. Manche hielten sogar Ludwig II. für seinen Vater.
Um 1890/91 wandte er sich dem Okkultismus zu. Nach eigener Aussage verhinderte ein Verlagsprospekt über okkulte Literatur einen geplanten Selbstmord und regte ihn zu diesem Studium an. 1891 wurde er Mitbegründer und Vorsitzender der theosophischen Loge „Zum blauen Stern“ in Prag, einer Ortsvereinigung der von Helena Petrovna Blavatsky gegründeten Theosophischen Gesellschaft. Danach trat er mehreren Geheimorden bei, die er meist rasch wieder verließ, weil er nachprüfbare Ergebnisse suchte. 1893 heiratete er Hedwig Aloysia Certl.
Um die Jahrhundertwende häuften sich die Schicksalsschläge. 1900 erkrankte er an einem Rückenmarksleiden, von dem er sich nie ganz erholte; eine zeitweilige Besserung führte er auf seine Yoga-Übungen zurück. 1901 geriet er in einen Konflikt mit einem Reserveoffizier, der ihm als unehelich Geborenem die Satisfaktionsfähigkeit absprach. Am schwersten traf ihn die Untersuchungshaft im Jahr 1902: Er wurde zu Unrecht des Betrugs verdächtigt. Das Verfahren wurde eingestellt und endete mit einem Freispruch, doch das Aufsehen ruinierte sein Bankgeschäft.
Von nun an lebte Meyrink von der Schriftstellerei. Seine erste Veröffentlichung, die Geschichte Der heiße Soldat, erschien 1901 im Münchner Simplicissimus. 1903 zog er nach Wien, wo er 1904 die Redaktion der Satirezeitschrift Der liebe Augustin übernahm. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratete er 1905 Philomena Bernt. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor: 1906 die Tochter Sibylle Felizitas und 1908 der Sohn Harro Fortunat. Der Sohn nahm sich nach einer unfallbedingten Querschnittlähmung im Juli 1932 das Leben. 1906 zog Meyrink nach München, 1907 erhielt er die bayerische Staatsangehörigkeit.
Aus der Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Roda Roda gingen mehrere Komödien hervor. 1911 übersiedelte Meyrink nach Starnberg, wo er bis zu seinem Tod wohnte. 1915 erschien sein erfolgreichster Roman Der Golem, mit dessen Vorarbeiten er bereits 1907 in München begonnen hatte. Es folgten Das grüne Gesicht und die Sammlung Fledermäuse (1916), der Roman Walpurgisnacht (1917) sowie Der weiße Dominikaner (1921). 1926 erschien Der Engel vom westlichen Fenster, der sich mit dem englischen Magier John Dee beschäftigt. 1927 konvertierte Meyrink vom Protestantismus zum Mahayana-Buddhismus. Wegen anhaltender finanzieller Probleme musste er 1928 sein Starnberger Haus verkaufen. Am 4. Dezember 1932 starb er in Starnberg und wurde drei Tage später auf dem dortigen Friedhof beerdigt.
Literarische Merkmale↑
Die Zentren von Meyrinks literarischem Schaffen waren Prag und München, mit denen ihn eine lebenslange Hassliebe verband. Er zählt zu den ersten Autoren im deutschen Sprachraum, die phantastische Romane schrieben. Sein Frühwerk rechnet mit dem Spießbürgertum seiner Zeit ab, so die Sammlung Des deutschen Spießers Wunderhorn. Bereits seine frühen Erzählungen behandeln okkulte Themen nicht um ihrer selbst willen, sondern als Einkleidung der Satire, die vor allem Spießbürger und Militärs traf. Laut der Neuen Deutschen Biographie übertrafen seine Militärsatiren an Schärfe bei weitem den zeichnerischen Teil des Simplicissimus.
Seine späteren Werke spielen häufig im alten Prag und befassen sich mit übersinnlichen Phänomenen und dem metaphysischen Sinn der Existenz. Dazu gehören Der Golem, Das grüne Gesicht, Der weiße Dominikaner und Der Engel vom westlichen Fenster. Meyrink brachte darin esoterisch-mystische Ansichten zum Ausdruck. Sie verbanden religiös-messianische Ideen und Elemente des Buddhismus mit jüdischer und christlicher Mystik, mit Theosophie und Alchemie.
Wie die Neue Deutsche Biographie zu Der Golem ausführt, ist das Prager Ghetto darin kein realistisches Abbild, sondern ein symbolischer Raum, der eine Stimmung latenter Bedrohung und Angst vermittelt. Ausgangspunkt ist die Sage einer im 17. Jahrhundert durch den Rabbi Löw geschaffenen Lehmfigur. Bei Meyrink wird sie zu einem zyklisch erscheinenden Gespenst, das eine willenlose Triebnatur verkörpert. Verwoben ist diese Sage mit der Geschichte des Gemmenschneiders Pernath, der einen Prozess der Selbstfindung durchläuft.
Neben seinem eigenen Werk war Meyrink als Übersetzer tätig. Zwischen 1909 und 1914 übertrug er mehrere Werke von Charles Dickens ins Deutsche, darunter David Copperfield und Oliver Twist. Ferner übersetzte er Schriften von Rudyard Kipling und Camille Flammarion. 1925 übersetzte und gab er eine Abhandlung des Thomas von Aquin über den Stein der Weisen heraus.
Rezeption↑
Seinen schnellen Ruhm als Schriftsteller verdankte Meyrink dem Simplicissimus, für den er bis 1908 arbeitete. Der Durchbruch als Romancier kam 1915 mit Der Golem. Laut der Neuen Deutschen Biographie erreichte der Roman durch den großen Reklameaufwand des Kurt Wolff-Verlags hohe Auflagen und wurde unter anderem auf Litfaßsäulen beworben. Wirtschaftliche Sicherheit brachte ihm der Erfolg dennoch nicht, weil er zuvor alle Rechte gegen ein Pauschalhonorar abgegeben hatte. Die Auseinandersetzung mit dem Verlag zog sich bis 1921 hin.
Zeitlebens stand Meyrink auch im Streit. Nach Kriegsbeginn sah er sich nationalistischen und antisemitischen Angriffen ausgesetzt; im Völkischen Beobachter warf man ihm „wehrkraftzersetzende“ Satiren vor. Gegen Adolf Bartels führte er seit 1917 wegen beleidigender Äußerungen in dessen Literaturgeschichte einen gerichtlichen Streit, der erst 1930 zu seinen Gunsten entschieden wurde.
Sein Werk fand besonderes Interesse bei esoterisch interessierten Menschen sowie im Rosenkreuzertum und in der Theosophie des 20. Jahrhunderts. Der Erforscher der jüdischen Mystik Gershom Scholem besuchte Meyrink 1921 in Starnberg, um mit ihm über Der Golem zu sprechen. Sechzig Jahre später charakterisierte Scholem ihn als einen „damals berühmten Schriftsteller, der eine außerordentliche Begabung für antibürgerliche Satire mit einer nicht weniger ausgeprägten für mystische Marktschreierei verband“. Deren literarische Qualität sei, so Scholem, erst in seiner Zeit von Jorge Luis Borges übertroffen worden.
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