1915
Der Golem
Überblick↑
Zu den Klassikern der phantastischen Literatur zählt der Roman Der Golem von Gustav Meyrink. Er erschien zunächst von Dezember 1913 bis August 1914 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Die Weißen Blätter. 1915 kam er als Buch heraus. Die Handlung ist in zwanzig Kapitel gegliedert und spielt Ende des 19. Jahrhunderts im verwinkelten Prager Judenviertel. Im Mittelpunkt steht Athanasius Pernath, ein Mann auf der Suche nach seiner eigenen Identität. Um ihn herum verknüpfen sich die Schicksale eines geheimnisvoll miteinander verbundenen Personals. Meyrink verwebt dabei die alte Golem-Sage mit Motiven der Kabbala, ägyptischer Mysterien und indisch-theosophischer Gedanken.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein namenloser Schriftsteller ist zu Besuch in Prag. Vor dem Einschlafen liest er in einem Buch über das Leben Siddhartha Gautamas und gleitet in einen unruhigen Halbschlaf. Er erinnert sich, dass er seinen Hut mit dem eines Unbekannten namens Athanasius Pernath vertauscht hat. In einer Art Seelenwanderung erlebt er nun die Ereignisse mit, die sich vor Jahrzehnten im inzwischen abgerissenen Prager Judenviertel zugetragen haben.
In dieser Traumwelt erzählt der Gemmenschneider und Restaurator Pernath in der Ich-Form von seinem Leben. Er hat ein schmerzhaftes Erlebnis aus seiner Jugend verloren und will noch einmal neu beginnen. Da taucht in seiner Wohnung unvermittelt ein Fremder auf, der sich benimmt, als sei er zu Hause. Er bringt ein rätselhaftes Buch, dessen Kapitel „Ibbur“ – die Seelenschwängerung – Pernath restaurieren soll. So plötzlich, wie er gekommen ist, verschwindet der Gast wieder.
Von da an gerät Pernaths Leben aus den Fugen. Er wird in die Streitigkeiten und Geheimnisse seiner Nachbarschaft hineingezogen, in einen Rachefeldzug, eine verbotene Liebe und eine dunkle Kriminalgeschichte. Zugleich sucht er mit Hilfe des Mystikers Hillel den Weg zu sich selbst. Immer wieder geistert dabei die Gestalt des Golem durch das Viertel, jenes Gespenst, das nach alter Sage die Seele der Menge verkörpert. Der Roman verbindet eine spannende Handlung mit einer geheimnisvollen, traumhaften Atmosphäre.
Die Handlung im Detail↑
In der Rahmenhandlung liest der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller im frühen 20. Jahrhundert, vor dem Zubettgehen in einem Buch über Siddhartha Gautama. Er fällt in einen unruhigen Halbschlaf und erinnert sich, seinen Hut mit dem eines Unbekannten namens Athanasius Pernath vertauscht zu haben. In einer Art Seelenwanderung durchlebt er die Ereignisse, die sich 33 Jahre zuvor im inzwischen sanierten Prager Judenviertel abgespielt haben.
In der Haupthandlung erzählt der Gemmenschneider und Restaurator Pernath aus seinem Leben Ende des 19. Jahrhunderts. Nach einem Trauma aus seiner Jugendliebe hat er sein Gedächtnis verloren und will neu anfangen. In seiner Wohnung erscheint plötzlich ein Besucher, der weder grüßt noch den Hut abnimmt. Er zieht einen Folianten mit Metalleinband hervor; die Initiale des Kapitels „Ibbur“ (Seelenschwängerung) soll Pernath ausbessern. Wie ein Geist ist der Gast dann wieder verschwunden. Mit seinen Freunden, dem Marionettenspieler Zwakh, dem Maler Frieslander und dem Musiker Josua Prokop, bespricht Pernath den Besuch. Zwakh erzählt eine Sage aus dem 16. Jahrhundert und deutet den Golem als Inkarnation der Massenseele. Pernath vermutet bald, sein Auftraggeber könnte der Golem gewesen sein. Er leidet immer wieder an Bewusstseinsstörungen, und die Freunde verbergen vor ihm sein früheres Leben: Aus Liebeskummer war er wahnsinnig geworden und lange im Irrenhaus gewesen. Durch eine hypnotisch erzeugte Erinnerungsblockade hat man ihn davon befreit und ihm eine neue Wohnung gesucht.
Der etwa vierzigjährige Pernath wird in einen Rachefeldzug verwickelt. Der arme Medizinstudent Innozenz Charousek verfolgt den reichen Trödler Aaron Wassertrum, dessen unehelicher Sohn er ist. Wassertrum hatte Charouseks Mutter ausgenutzt, die Schwangere in ein Bordell verkauft und sich nie um Mutter und Kind gekümmert. Zudem hatte er nicht Charousek, sondern seinen ehelichen Sohn gefördert. Dieser war als Augenarzt unter dem Namen Dr. Wassory zu Ansehen gelangt und drängte Patienten mit der Angst vor Erblindung zu unnötigen, teuren Operationen. Charousek spielte seine Beweise dem Konkurrenten Dr. Savioli zu, der den Betrug anzeigte; Wassory entzog sich der Festnahme durch Selbstmord. Nun schleicht sich Charousek in das Vertrauen des Vaters ein und plant, auch ihn in den Selbstmord zu treiben.
Wassertrum will seinerseits den Tod des Sohnes an Savioli rächen. Dieser unterhält in einem seiner Häuser ein Liebesquartier, in dem er sich mit der verheirateten Gräfin Angelina trifft. Eines Tages flüchtet Angelina zu Pernath und bittet ihn, sie zu verstecken. Sie fürchtet, Wassertrum werde ihrem Mann die Affäre verraten, was Scheidung und die Trennung von ihrer Tochter bedeuten würde. Sie gibt Pernath ihren Schmuck, um damit das Schweigen des Trödlers zu erkaufen. Pernath gelangt über eine Speichertür in Saviolis Atelier im Nachbarhaus und stellt mit Charousek die Liebesbriefe sicher, um Angelinas Spuren zu verwischen. Als Pernath den Trödler warnt und in einem Zornausbruch mit einer Feile auf ihn losgehen will, erwidert dieser, es gehe ihm um Savioli – doch nun sei auch Pernath verstrickt. Bei nächster Gelegenheit stellt Wassertrum ihm eine Falle.
Zur selben Zeit wird der Lebensversicherungsdirektor Karl Zottmann vermisst. Der jugendliche Kriminelle Loisa Kwäßnitschka hatte beobachtet, wie sich die vierzehnjährige Prostituierte Rosina mit ihrem Freier Zottmann in einem Kellergewölbe traf. Loisa raubte ihn aus und sperrte ihn ein; später findet man den Verhungerten mit seinem Notizbuch. Der taubstumme, in Rosina verliebte Jaromir findet die Taschenuhr des Opfers und verkauft sie an Wassertrum. Der Trödler nutzt sie für seine Intrige: Er gibt sie Pernath zur Reparatur, schenkt sie ihm dann und zeigt ihn an. Man findet die Uhr bei Pernath und verhaftet ihn.
Im Gefängnis trifft Pernath den ebenfalls inhaftierten Loisa. Nach zwei Monaten bricht dieser mit Pernaths Feile aus, die unbemerkt in sein Rockfutter geraten war. Er ersticht Wassertrum, raubt dessen Laden aus und flieht. Charousek hatte sich unterdessen so weit in Wassertrums Vertrauen eingeschlichen, dass der Trödler ihn zum Erben einsetzte. Da Loisa den Mordplan durchkreuzt hat, tötet Charousek sich selbst auf einem Grabhügel, indem er seine Pulsadern öffnet; sein in die Erde sickerndes Blut soll den Vater ewig verfolgen. Aus hinterlassenen Papieren hat Charousek erfahren, dass Wassertrum auch Pernaths Familie um ihr Vermögen betrogen hatte, und entschädigt Pernath in seinem Testament. Nachdem Zottmanns Leiche und Tagebuch im Keller gefunden sind, ist Pernath entlastet und wird im November nach neun Monaten entlassen.
Parallel dazu verläuft Pernaths Suche nach seiner Identität. Nachdem er im „Salon Loisitschek“ bewusstlos zusammengebrochen ist, bringen ihn seine Freunde zum Archivar Hillel, der ihn durch Handauflegen wiederbelebt. Hillel verspricht, ihm den Weg zur Erkenntnis und zum „wahren Wachsein“ zu zeigen. Er lehrt, dass es nicht einen einzigen Weg gebe, und veranschaulicht dies am hebräischen Alphabet, das nur aus Konsonanten besteht: „Jeder hat sich selbst die geheimen Vokale dazuzufinden“. In einer Wintergewitternacht hat Pernath eine Golem-Erscheinung; ein Phantom bietet ihm die Wahl zwischen Todesweg und Lebensweg. Er lehnt die Wahl ab, eine Hieroglyphe erscheint auf seiner Brust, und er fällt in tiefen Schlaf.
Durch Angelina erfährt Pernath ein Schlüsselerlebnis seiner Vergangenheit: Sein Vater unterrichtete einst das Adelskind Angelina, das sich in kindlicher Schwärmerei in ihn verliebte. Ein rotes Korallenherz wollte sie ihm zum Abschied im Schlosspark schenken, als er das Gut verlassen musste. Als Pernath aus den Liebesbriefen ihren Namen erfährt, zerreißt „der Vorhang, der seine Jugendjahre vor ihm verbarg“. Vermutlich hatte die Grafenfamilie die Freundschaft der Kinder wegen der Standesunterschiede verboten, und die Trennung hängt mit seinem späteren Wahnsinn zusammen. Bei weiteren Treffen gestehen sich beide, voneinander geträumt zu haben; sie küssen sich, und Pernath phantasiert von einer Heirat.
Während seiner Haft wird ein großer Teil seines Viertels wegen der Sanierung abgerissen, und seine Freunde ziehen fort – auch Hillel und Mirjam. Angelina verlässt ihren Mann und verschwindet mit Savioli und ihrer Tochter. Jaromir löst mit seinem Verdienst Rosina aus ihrem Vertrag; sie wird die Mätresse eines Fürsten und heiratet, nachdem sie dessen Geld verprasst hat, einen „hohen Herrn“.
In der Rahmenhandlung folgt der Schriftsteller am nächsten Tag dem im Traum zurückgelegten Weg, um den vertauschten Hut zurückzubringen. Durch ein von Osiris-Fresken eingerahmtes Flügeltor, das sich für einen kurzen Augenblick öffnet, erblickt er den ihm gleichenden Pernath und Mirjam.
Stil↑
Bemerkenswert ist die Art, wie Meyrink eine surreale Handlung mit einer Mischung esoterischer Motive verbindet. Die geheimnisvolle Welt des Prager Judenviertels erscheint als Traumwelt des Erzählers, verliert dabei aber nichts an Realistik und klarer Rationalität. Die verwinkelten Gänge und Gassen der Stadt öffnen sich zugleich in die versunkenen Bezirke der eigenen Vergangenheit und in ein von Ängsten durchzucktes Traumbewusstsein, in dem die Grenzen von Ich und Außenwelt zerfließen. Der Erzähler tritt sich darin gleichsam selbst als fremdes Doppel gegenüber.
Getragen wird das Werk von einer dicht gefügten Symbolwelt. In expressiver Schilderung gewinnt, wie ein Ausleger es beschreibt, „Totes und Starres auf einmal vibrierende Existenz“. Meyrinks Sprache gilt als ungekünstelt und klar gebaut, zugleich aber als hintergründig und von seltsamem Eigenleben erfüllt. Diese sprachliche Qualität hebt den Roman weit über die Schauerromane hinaus, wie sie seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts bekannt waren.
Rezeption↑
Schon bei seinem Erscheinen war der Roman ein großer Verkaufserfolg und wurde in viele Sprachen übersetzt. Der Verlag hatte ihn in einer großen Werbeaktion als „sensationelle Detektivgeschichte“ um den „Dämon von Prag“ angepriesen. Franz Werfel merkte in einem Brief an Meyrink an, der Erfolg sei „mehr dem Verleger als dem Autor zu verdanken“ gewesen. Das Buch lenkte den Blick der Leser auf das damals bereits verschwundene historische Prager Judenviertel und gilt als eine der bekanntesten Bearbeitungen der alten jüdischen Legende vom Mann aus Ton, der durch Magie zum Leben erweckt wird.
Von Anfang an war das Urteil geteilt. Zu Meyrinks Befürwortern zählen anerkannte Schriftsteller wie Arnold Zweig, Max Brod und Jorge Luis Borges. Franz Kafka dagegen, der Meyrinks Lesungen in Prag besuchte, hielt die Handlung für „zu weit hergeholt und viel zu krass“. Ein Rezensent der New York Times würdigte das Werk als „anspruchsvoll und außergewöhnlich kraftvoll“, bemängelte aber die „nebligen Andeutungen“. Der amerikanische Horrorautor Howard Phillips Lovecraft lobte in seinem Essay Supernatural Horror in Literature die „meisterhaft“ gestaltete unheimliche Atmosphäre des Ghettos.
Besonders die esoterische Motivmischung rief Kritik hervor. Der Kabbalist Scholem ordnete den Roman zwar in die kabbalistische Legendengeschichte ein, sah darin aber „alles fantastisch bis zur Groteske“ und eher indische als jüdische Erlösungsvorstellungen. Zugleich attestierte er dem Werk „eine unnachahmliche Atmosphäre“. In rechtsextremen Zeitungen wurde Meyrink umgekehrt vorgeworfen, er betreibe Propaganda für „jüdische Politik und Kultur“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden seine Bücher öffentlich verbrannt und ihre Verbreitung verboten.
Mit wachsendem zeitlichen Abstand hat sich die Bewertung verschoben, zumal die Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Literatur fließend geworden sind. Literaturwissenschaftler sehen den Roman in der Tradition von E. T. A. Hoffmann und Brentano. Für einen Ausleger ist Der Golem eine der wenigen deutschen Gestaltungen einer geschlossenen grotesk-phantastischen Welt, vergleichbar allein mit Alfred Kubins Die andere Seite. Zum hundertjährigen Jubiläum wurde er als eine der „fesselndsten, atmosphärischsten und bizarrsten Fantasien“ gewürdigt, die einen Platz neben Kafka verdiene.
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