Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Der Schuß von der Kanzel
Eingang · Werke · Der Schuß von der Kanzel
Abbildung nicht verfügbar
Der Schuß von der Kanzel
1878
– Werkseintrag –

Der Schuß von der Kanzel

1878 · Novelle

Ein listiger alter General, zwei vertauschte Pistolen und ein Schuss, der mitten in der Predigt fällt – Conrad Ferdinand Meyers heiterste Novelle über die Kunst, ein scheues Liebespaar mit einem frommen Streich zu vereinen.

Überblick

Bei Der Schuß von der Kanzel handelt es sich um eine humoristische Novelle von Conrad Ferdinand Meyer. Sie entstand zwischen Mai und August 1877 und erschien erstmals im Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1878. Das Werk ist vom Werk Gottfried Kellers beeinflusst. Es erzählt heiter und mit feinem Spott, wie ein listiger alter General mit einer Pistole und einem ungewöhnlichen Streich in die Verhältnisse einer Pfarrgemeinde eingreift.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Pfannenstiel, ein Kandidat der Theologie. Er ist ein schwacher und naiver Mensch, der sich der „Welt des Zwanges und der Maske" nicht gewachsen fühlt. Pfannenstiel liebt Rahel, die Tochter des Pfarrers von Mythikon. Doch er glaubt, auf diese Liebe verzichten zu müssen, weil der Standesunterschied ihm zu groß erscheint.

Auf der Suche nach einer Stelle als Militärkaplan sucht er den General Rudolf Wertmüller auf, einen Vetter des Pfarrers. Der General hält den jungen Mann für zu schwach und lehnt seine Bitte ab. Im Lauf des Gesprächs aber erfährt er von Pfannenstiels Liebe zu Rahel. Der General, der in Mythikon ohnehin nur mit Misstrauen aufgenommen wird, weil er ungläubig ist und ausländische Sklaven anstellt, fasst daraufhin einen Plan. Er möchte die beiden Liebenden zusammenbringen und sich zugleich einen lang gehegten Spaß auf Kosten der Kirche gönnen. Worin dieser Plan besteht und wie er sich entwickelt, treibt die Erzählung ihrem Höhepunkt entgegen.

Die Handlung im Detail

Pfannenstiel, der schwache und naive Kandidat der Theologie, liebt Rahel Wertmüller, die Tochter des Pfarrers von Mythikon. Aus Furcht vor dem Standesunterschied glaubt er, auf sie verzichten zu müssen. Um eine Stelle als Militärkaplan in der venezianischen Kompanie des Generals Rudolf Wertmüller zu erbitten, sucht er diesen auf. Der General weist die Bitte ab, weil er Pfannenstiel für zu schwach hält. Doch im Gespräch erfährt er, dass der junge Mann seine Großcousine Rahel liebt.

Der General, der in Mythikon als ungläubiger Mann mit ausländischen Sklaven nur ungern geduldet wird, heckt nun einen Plan aus. Er will die Liebenden vereinen und sich zugleich seinen lange ersehnten Wunsch erfüllen, sich über die Kirche lustig zu machen.

Während Pfannenstiel am nächsten Morgen im Haus des Generals noch schläft, ist dieser bereits mit zwei gleich aussehenden Pistolen in die Kirche seines Vetters, des Pfarrers Wilpert Wertmüller, gegangen. Er schenkt ihm eine der beiden Waffen. Diese hat allerdings einen sehr schwergängigen Abzug. Der Pfarrer nimmt dankend an. Kurz vor Beginn der Predigt aber vertauscht der General die schwergängige Waffe heimlich gegen die zweite, die einen leichten Abzug besitzt. Der Pfarrer steckt sich die Pistole unter den Talar und beginnt zu predigen. Bei der letzten Strophe des Lieblingsliedes der Mythikoner – „Lobet Gott mit großem Schalle!" –, als der General seinen Plan schon gescheitert sieht, zieht der Pfarrer die Waffe und gibt aus Versehen einen Schuss ab.

Die Gemeinde ist aufgebracht, doch der General besänftigt sie, indem er sie in sein Testament aufnimmt. Dem Pfarrer vererbt er ein Schloss, wo dieser leben und sich der Jagd widmen kann. Im Gegenzug muss der Pfarrer sein Amt niederlegen und den beiden Liebenden seinen Segen geben. Die Gemeinde Mythikon erhält das ersehnte Land – unter der Bedingung, niemandem die Geschichte vom Schuss von der Kanzel zu erzählen. Der General selbst stirbt später während eines Feldzuges an einer rätselhaften Krankheit.

Stil

Heiterkeit und feiner Spott bestimmen den Ton dieser Erzählung. Die Erzählung ist eine humoristische Novelle, die vom Werk Gottfried Kellers beeinflusst ist. Die Komik entsteht aus der List des Generals, der mit vertauschten Pistolen und einem wohlkalkulierten Streich die fromme Gemeinde überlistet.

Das Werk ist in elf Kapitel gegliedert. Sein Höhepunkt liegt im neunten Kapitel, das schlicht „Schuss" überschrieben ist – der Augenblick, auf den die ganze Erzählung zuläuft. Die Gegenüberstellung von kirchlicher Ordnung und dem weltklugen, ungläubigen General gibt der Novelle ihre Spannung. Pfannenstiels Empfinden, der „Welt des Zwanges und der Maske" nicht gewachsen zu sein, bündelt das Grundthema vom scheuen Menschen, der erst durch einen fremden Eingriff zu seinem Glück findet.

Rezeption

Zurück geht die Erzählung auf eine Anekdote, die in geselligen Kreisen weitergetragen wurde: Ein Pfarrer hatte nach durchzechter Nacht eine Spielzeugpistole für seinen Sohn bei sich, die sich während der Predigt löste. Über mehrere Mittelsmänner gelangte diese Geschichte zu Conrad Ferdinand Meyer und wurde von ihm zu einer Novelle ausgeformt.

Das Werk wirkte über die Literatur hinaus. Unter der Regie von Leopold Lindtberg entstand 1942 eine Verfilmung mit Adolf Manz in der Hauptrolle. So fand die heitere Geschichte vom unfreiwilligen Schuss in der Kirche auch ein Publikum im Kino und blieb über die Jahrzehnte in Erinnerung.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten