1818
Der Schlangenkönig
Überblick↑
Bei dem Werk Der Schlangenkönig handelt es sich um ein Volksmärchen vom Wandertyp AaTh 560. Es erzählt von einem armen Jungen, der einer Schlange das Leben rettet und dafür einen wunscherfüllenden Gegenstand erhält – und der daran erfahren muss, dass Zauberkraft allein noch kein Glück bringt. Die Geschichte ist in vielen Sprachräumen zu Hause: im polnischen, slowakischen, ungarischen, bulgarischen, rumänischen und sogar afghanischen Erzählgut. In jeder Gegend wurde sie ein wenig anders ausgeschmückt, doch der Kern blieb überall derselbe.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der arme Junge Jaś findet eines Tages auf einer Wiese eine halbtote Schlange. Er nimmt sie mit und pflegt sie wieder gesund. Zum Dank erzählt ihm das Tier, dass es der einzige Sohn des Schlangenkönigs von Polen und Reußen sei; ein Storch habe die Schlange gefangen, doch sei sie ihm aus dem Schnabel geglitten. Sie bittet Jaś, sie in die Gegend von Pińsk zurückzubringen, wo ihr Vater herrscht.
Am Hof des Schlangenkönigs verlangt Jaś auf Anraten der Schlange die Krone des Königs, die jeden Wunsch erfüllt. Der König gibt sie ihm, warnt ihn aber ausdrücklich: Sie werde ihm weder Nutzen noch Glück bringen. Reich geworden, fasst Jaś bald einen kühnen Wunsch – und stellt damit sein Glück auf eine harte Probe. Wie es ihm mit der Zauberkrone ergeht und ob die Warnung des Königs sich bewahrheitet, entfaltet die Erzählung Schritt für Schritt.
Die Handlung im Detail↑
Der arme Jaś findet die halbtote Schlange, bringt sie wieder zu Kräften und erfährt, dass sie der Sohn des Schlangenkönigs von Polen und Reußen ist. Er trägt sie in die Gegend von Pińsk zurück. Dort verlangt er, wie die Schlange ihm geraten hat, die wunscherfüllende Krone des Königs. Der König warnt ihn, dass sie ihm kein Glück bringen werde, gibt sie ihm aber dennoch.
Durch die nur knopfgroße Krone wird Jaś zu einem sehr reichen Mann und beschließt, um die Tochter des Königs zu freien. Diese ist jedoch bereits mit dem Fürsten der Letten verlobt. Um den drängenden Jaś loszuwerden, stellt der König ihm eine scheinbar unlösbare Aufgabe: Er solle einen nahen Berg zur Hälfte abtragen, mit der Erde die umliegenden Sümpfe trockenlegen und auf dem Gipfel eine starke Festung samt einem uneinnehmbaren Schloss errichten. Jaś wünscht sich alles herbei, und dem König bleibt keine Wahl, als ihm die Tochter zur Frau zu geben.
Die Königstochter kommt jedoch hinter das Geheimnis der Krone, entwendet sie und wünscht sich den lettischen Fürsten herbei, während Jaś in seine ärmliche Hütte zurückversetzt wird. Dort klagt er seinem Hund und seinem Kater sein Unglück, und die beiden beschließen, die Krone zurückzuholen. Zu dritt gelangen sie an einen Fluss beim Schloss. Während Jaś wartet, ziehen Hund und Kater allein weiter: Zum Überqueren stellt sich der Kater auf den Rücken des schwimmenden Hundes. Dann überfallen sie eine Mäusehochzeit, nehmen die Braut als Geisel und zwingen so den Bräutigam, ihnen die kleine Krone aus dem Besitz der Königstochter zu holen.
Auf dem Rückweg über den Fluss erblickt der Kater einen Fisch, will ihn fangen und lässt dabei die Krone ins Wasser fallen. Der Hund befiehlt ihm, den Schwanz ins Wasser zu hängen; ein Hecht schnappt danach und wird ans Ufer gezogen. In seinem Bauch findet sich die Krone wieder. Vor dem König wünscht sich Jaś nun das Bett der Königstochter herbei, in dem nicht nur diese, sondern auch der lettische Fürst liegt – worauf der König beiden eine Tracht Prügel verpasst. Jaś aber erkennt, dass die Krone ihn nicht glücklich machen kann. Er gibt sie dem Schlangenkönig zurück und lebt fortan mit Hund und Kater in dessen Reich.
Stil↑
Die Erzählung folgt ganz dem schlichten Bauplan des Volksmärchens. Ein armer, namenloser Held, ein dankbares Zaubertier und ein wunscherfüllender Gegenstand treiben die Handlung voran. Kennzeichnend ist der Aufbau in klaren Stufen: die Rettung der Schlange, der Erwerb der Krone, die gestellten Aufgaben, der Verlust und die Rückgewinnung. Vieles geschieht durch bloßes Wünschen, und die Ordnung der Welt bleibt bis zum Schluss überschaubar.
Auffällig ist das Zusammenspiel der Tiere. Hund und Kater übernehmen als treue Helfer den entscheidenden Teil des Geschehens und bewältigen ihre Aufgabe mit List, etwa beim Überqueren des Flusses oder beim Überfall auf die Mäusehochzeit. Diese Verbindung aus Zauberding und tierischen Gehilfen kehrt in den verschiedenen Fassungen der Geschichte immer wieder, mag der Gegenstand nun eine Krone, ein Ring, eine Uhr oder ein Wunderstein sein.
Rezeption↑
Das Märchen ist kein Einzelstück, sondern über weite Teile Ost- und Südosteuropas verbreitet und reicht bis nach Afghanistan. Die polnische Fassung wurde in der Gegend von Sokal am Bug aufgezeichnet und 1896 in Lud gedruckt. Weitere Varianten sammelten Volkskundler wie Oskar Kolberg, A. J. Gliński und andere. Damit steht die Geschichte in der Tradition der großen Märchensammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
In den einzelnen Ländern trägt der Stoff jeweils eigene Züge. Die ungarische Fassung erschien unter dem Titel Schlangenbruder, hier springen aus einer goldenen Taschenuhr wünscheerfüllende Riesen. Pavol Dobšinskýs slowakische Version wurde als Schlange, Kätzchen und Hündchen übertragen und kennt einen Ring mit zwölf dienstbaren Riesen. Die bulgarische Fassung heißt Das Geschenk der Schlange und ersetzt die Krone durch einen Wunderstein. In der rumänischen Version Schlange, Maus und Kröte sind die tierischen Helfer eine Maus und eine Kröte, und die afghanische Variante Vierzig Meter Haar verbindet den Zauberring mit der Rettung einer geraubten Prinzessin. Aufgenommen wurden mehrere dieser Fassungen in die Reihe „Die Märchen der Weltliteratur“, was ihren festen Platz im europäischen Erzählgut zeigt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →