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Werkseintrag · Der Schimmelreiter
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Der Schimmelreiter
1888
– Werkseintrag –

Der Schimmelreiter

1888 · Novelle

Ein einsamer Deichgraf, ein unheimlicher Schimmel und ein kühner Plan gegen die Sturmfluten der Nordsee – Storms berühmteste Novelle über Ehrgeiz, Aberglauben und die Gewalt des Meeres.

Überblick

Mit dem Schimmelreiter schuf Theodor Storm sein berühmtestes Werk. Die Novelle aus dem Jahr 1888 gehört zu seinem Spätwerk. Sie erschien wenige Monate vor seinem Tod in der Zeitschrift Deutsche Rundschau. Im Mittelpunkt steht der fiktive Deichgraf Hauke Haien, ein begabter, ehrgeiziger Mann an der nordfriesischen Küste. Er baut gegen die Naturgewalten und gegen den Widerstand seiner Mitmenschen einen neuartigen Deich. Storm hatte sich über Jahrzehnte mit der zugrunde liegenden Sage beschäftigt. Im Juli 1886 begann er mit der Niederschrift und schloss sie im Februar 1888 ab. Die Erzählung gilt als ein Hauptwerk des deutschen Realismus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein Reiter sucht in einem nordfriesischen Wirtshaus Schutz vor dem Unwetter. Dort erzählt ihm der Schulmeister die Geschichte von Hauke Haien. Dieser war vor langer Zeit Deichgraf. Sein Schicksal ist mit den Deichen, der See und einem unheimlichen Schimmel verbunden.

Hauke wächst als Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern auf. Schon als Junge meidet er die Spiele der Altersgenossen. Lieber sitzt er bis tief in die Nacht am Deich, beobachtet die Wellen und sinnt darüber nach, wie man die Menschen besser vor Sturmfluten schützen könnte. Er bringt sich selbst Niederländisch bei, um Euklid zu lesen. Als Knecht beim alten Deichgrafen Tede Volkerts macht er sich durch sein Rechnen und Planen unentbehrlich. Doch er weckt das Misstrauen des Großknechts Ole Peters. Zugleich findet er die Zuneigung Elkes, der Tochter des Deichgrafen.

Hauke steigt auf, heiratet und übernimmt schließlich selbst das Amt des Deichgrafen. Mit großem Eifer setzt er einen kühnen Plan in die Tat um: einen Deich nach einer neuen, flacheren Form, die der See besser standhalten soll. Doch sein Vorhaben weckt Neid, Aberglauben und Widerstand im Dorf. Hinzu kommt sein Pferd, ein edler Schimmel. Er hat es einem zwielichtigen Fremden abgekauft, und bald ranken sich düstere Gerüchte darum. Während Hauke unbeirrt seinen Weg geht, wächst die Spannung zwischen ihm und seinen Gegnern. Über allem hängt die ferne Drohung der nächsten großen Flut.

Die Handlung im Detail

Die Erzählung setzt in einem nordfriesischen Wirtshaus ein, in dem der Schulmeister einem fremden Reiter die Geschichte Hauke Haiens berichtet, die sich vor fast hundert Jahren zugetragen haben soll.

Hauke ist der Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern. Statt mit Gleichaltrigen zu spielen, schaut er dem Vater beim Ausmessen und Berechnen zu und hilft ihm dabei. Er lernt mit einer holländischen Grammatik Niederländisch, um eine niederländische Ausgabe von Euklids Werken lesen zu können, die sein Vater besitzt. Schon früh fasziniert ihn die See. Stundenlang sitzt er am Deich und beobachtet die Wellen, dabei reift in ihm der Gedanke, man müsse die Deiche zur See hin flacher anlegen, um sie haltbarer zu machen.

Als der örtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entlässt, bewirbt sich Hauke um die Stelle und wird angenommen. Im Haus des Deichgrafen hilft er weniger in den Ställen als beim Rechnen und Planen, was Volkerts gefällt, ihn aber bei Ole Peters, dem Großknecht, unbeliebt macht. Hinzu kommt, dass Hauke das Interesse Elkes weckt, der Tochter des Deichgrafen, was den Konflikt mit Ole verschärft. Auf dem nordfriesischen Winterfest gewinnt Hauke das Boßeln und gewinnt damit erste gesellschaftliche Anerkennung. Er lässt einen Ring anfertigen und macht Elke auf einer Verwandtenhochzeit einen Heiratsantrag. Elke nimmt ihn nicht sofort an: Sie will warten, bis ihr Vater sein Amt aufgibt. Inzwischen führt Hauke das Amt inoffiziell und soll sich dann offiziell als Nachfolger bewerben.

Binnen kurzer Zeit sterben beide Väter. Hauke erbt Haus und Land seines Vaters. Bei der Neubesetzung der Deichgrafenstelle entflammt der Streit mit Ole Peters erneut, denn traditionell wird nur Deichgraf, wer genügend Land besitzt. Für den Knecht Hauke gilt das nicht, weshalb einer der älteren Deichbevollmächtigten den Vorzug erhalten soll. Doch Elke erklärt vor dem Oberdeichgrafen, sie sei mit Hauke verlobt; durch die Heirat werde er das Land ihres Vaters erhalten und damit den nötigen Grundbesitz. So wird Hauke Deichgraf.

Den Dorfbewohnern wird ihr neuer Deichgraf unheimlich, vor allem wegen seines Pferdes: ein edler Schimmel, den er krank und verwahrlost einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und wieder aufgepäppelt hat. Die Leute reden sich gegenseitig ein, der Schimmel sei das wiederbelebte Pferdeskelett von der verlassenen Hallig Jeverssand, das mit dem Kauf des Tieres verschwunden gewesen sei. Immer wieder wird der Schimmel mit dem Teufel in Verbindung gebracht, ja selbst als dieser bezeichnet.

Hauke geht nun an die Verwirklichung seines alten Plans. Vor einem Teil des bestehenden Deiches lässt er einen neuen, flacher zur See hin geformten Deich anlegen. Mit Zustimmung des Oberdeichgrafen setzt er sich gegen die Bedenken durch. Ein neuer Koog entsteht, mehr Ackerland für die Bauern. Als die Arbeiter nach altem Brauch etwas Lebendiges in den Deich einbauen wollen und einen Hund eingraben wollen, rettet Hauke das Tier. Viele sehen darum einen Fluch auf dem neuen Deich lasten. Hinzu kommt der Verdruss darüber, dass Hauke selbst große Stücke Land im neuen Koog besitzt und damit vom Bau besonders profitiert.

Tag für Tag reitet er seinen Schimmel am Deich entlang und prüft ihn. Der neue Deich hält den Stürmen stand. Doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges weiterläuft und dort die vorderste Front zur See bildet, ist marode und von Mäusen durchgraben. Ole Peters spielt die Gefahr herunter, die Arbeiter murren, und Hauke beschränkt sich mit großen Gewissensbissen auf Flickwerk, statt grundlegende Arbeiten durchzusetzen.

Jahre später bricht eine Jahrhundertsturmflut über das Land. Der alte Deich droht zu brechen. Auf Anordnung Ole Peters' wollen die Männer den neuen Deich durchstoßen, damit die Wassermassen sich in den noch unbewohnten neuen Koog ergießen und der alte Deich gerettet werde. Hauke kommt im letzten Augenblick herangeritten, stellt die Arbeiter zur Rede und verhindert den Durchstich. Kurz darauf bricht der alte Deich. In dieser Nacht ist auch Elke mit der gemeinsamen geistig behinderten Tochter Wienke aus Angst um Hauke hinausgefahren. Hauke muss vom Deich aus mit ansehen, wie die durch den Bruch hereinstürzenden Wassermassen Frau und Kind unter sich begraben. In seiner Verzweiflung stürzt er sich mit dem Schimmel in die tosenden Fluten und ruft: „Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!"

Damit endet die Erzählung des Schulmeisters. Er fügt hinzu, dass andere die Geschichte anders erzählen würden. So seien die Dorfbewohner damals überzeugt gewesen, dass das Pferdeskelett nach Haukes Tod wieder auf der Hallig gelegen habe. Und er bemerkt, dass der von Hauke erbaute Deich noch immer den Fluten standhält.

Stil

Der Schimmelreiter ist als Rahmenerzählung gebaut. Ein Reiter kehrt in ein nordfriesisches Wirtshaus ein. Der Schulmeister erzählt die Geschichte Hauke Haiens. Am Ende gibt er selbst zu, dass andere sie anders erzählen würden. Diese Erzählhaltung lässt das Geschehen zugleich nah und fern erscheinen: Es ist Bericht, Erinnerung und Sage in einem. Storm verbindet die nüchterne Schilderung von Deichbau, Verwaltung und Dorfpolitik mit den unheimlichen Zügen einer Volkssage. In dieser haben ein gespenstisches Pferdeskelett, ein zwielichtiger Fremder und ein Fluch auf dem Deich ihren Platz.

Die Landschaft Nordfrieslands mit ihren Deichen, der See und den Sturmfluten ist nicht bloß Schauplatz. Sie bestimmt Aufbau und Stimmung der Novelle. Die Sprache bleibt knapp und sachlich, wo es um Rechnen, Planen und Bauen geht. Sie wird dicht und bildhaft, wo Wind, Wasser und Aberglauben ins Spiel kommen. Die Erzählung steht im literarischen Realismus. Durch den Sagenstoff und die Schimmel-Episode behält sie aber eine dunkle, übersinnliche Schicht, die sich nicht völlig auflösen lässt.

Rezeption

Der Schimmelreiter gilt als Theodor Storms bekannteste Erzählung und als ein Hauptwerk des deutschen Realismus. Die Novelle hat ihre Wirkung über Generationen hinweg behalten. Im 20. Jahrhundert ist sie mehrfach verfilmt worden: 1934 von Hans Deppe, 1978 von Alfred Weidenmann und 1984 als Fernsehfilm von Klaus Gendries. 2001 entstand mit Hauke Haiens Tod eine literarische Weiterführung des Stoffes. Die Figur des Deichgrafen auf dem Schimmel ist über die Novelle hinaus zu einem festen Bild der deutschen Literatur geworden.

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