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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Immensee
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Immensee
1849
– Werkseintrag –

Immensee

1849 · Novelle

Ein alter Mann erinnert sich an Elisabeth, an Märchen auf kleinen Zetteln und an eine weiße Wasserlilie weit draußen auf dem See.

Überblick

Die Novelle Immensee erschien Ende 1849. Sie stand in dem von Karl Leonhard Biernatzki herausgegebenen Volksbuch auf das Jahr 1850. Eine zweite, überarbeitete Fassung folgte 1851 in der Sammlung Sommergeschichten und Lieder. Es ist die bedeutendste frühe Erzählung Theodor Storms. Dieses Werk verschaffte ihm einen großen Leserkreis. In ihr klingen Einflüsse der Spätromantik und des frühen Realismus zusammen. Sie ist stark von Storms Lyrik geprägt. Das zentrale Thema ist die unerfüllte Liebe. Es durchzieht auch Storms übrige frühe Novellistik.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein älterer Herr kehrt von einem Spaziergang heim. Er setzt sich in seinem Zimmer nieder und versinkt in Erinnerungen. So öffnet sich die Rahmenerzählung und führt zurück in seine Kindheit. Reinhard Werner und die fünf Jahre jüngere Elisabeth sind eng befreundet. Er schreibt für sie Märchen auf kleine Zettel. Heimlich legt er in einem Pergamentband Gedichte an, in denen sie immer wieder vorkommt. Schon als Junge weiß er, dass er sein Leben mit ihr teilen möchte.

Als Reinhard zum Studium in eine weit entfernte Stadt aufbricht, verspricht er, ihr weiterhin Märchen zu senden. Doch in der Fremde stellen sich neue Eindrücke und Begegnungen ein. Zwischen die beiden tritt nach und nach etwas Fremdes. Zur gleichen Zeit übernimmt sein alter Schulfreund Erich einen Hof am Immensee. Jahre später folgt Reinhard einer Einladung dorthin. Er sieht Elisabeth in veränderten Verhältnissen wieder. Stille Spaziergänge am See, alte Lieder und eine weiße Wasserlilie weit draußen auf dem Wasser begleiten das Wiedersehen.

Die Handlung im Detail

In der Rahmenerzählung erinnert sich ein älterer Herr nach einem Spaziergang an seine unerfüllte Liebe. Der Blick öffnet sich in die Vergangenheit: Reinhard Werner und Elisabeth, fünf Jahre jünger, sind eng befreundet. Reinhard begeistert sie mit Märchen, die er für sie auf Zettel schreibt, und führt heimlich einen Pergamentband, in dem er seine Erlebnisse in Gedichten festhält. Auch eine neue Schule und neue Jungenfreundschaften ändern nichts an seiner Gewissheit, sein Leben mit Elisabeth teilen zu wollen. Bei einem Ausflug in einen nahen Wald suchen sie in größerer Gesellschaft vergeblich Erdbeeren, verirren sich und finden erst nach einiger Zeit zurück. Zu Hause schreibt Reinhard das Gedicht Waldeskönigin in sein Pergamentbuch.

Bevor er an seinen entfernten Studienort aufbricht, verspricht er Elisabeth, weiterhin Märchen für sie zu verfassen und sie den Briefen an seine Mutter beizulegen. Den Weihnachtsabend verbringt er im Ratskeller mit Mitstudenten und wendet seine Aufmerksamkeit einem Mädchen „mit feinen zigeunerhaften Zügen" zu, das dort mit einem Geiger Zither spielt. Nach einigem Zögern singt es für ihn ein Lied. Als er wegen eines Weihnachtsgeschenks eilig nach Hause aufbricht, zieht er den Zorn der jungen Frau auf sich. Daheim findet er ein Paket vor: Lebkuchen, persönliche Dinge und Briefe von Elisabeth und seiner Mutter. Elisabeth klagt, der Hänfling, den er ihr geschenkt habe, sei gestorben, und wirft ihm vor, ihr keine Märchen mehr zu senden. Übermannt vom Verlangen nach der Heimat schreibt er Briefe an sie und an die Mutter und verschenkt die Hälfte seiner Lebkuchen an ein Bettlermädchen.

Zu Ostern kehrt Reinhard zurück. Zwischen ihn und Elisabeth ist etwas Fremdes getreten. Während seiner Abwesenheit hat sein alter Schulfreund Erich einen Hof des Vaters am Immensee übernommen und Elisabeth einen Kanarienvogel geschenkt. Reinhard vertraut ihr sein Pergamentbuch an und verunsichert sie durch die vielen ihr gewidmeten Verse. Er verabschiedet sich mit dem Hinweis auf ein Geheimnis, das er bei seiner Rückkehr lüften werde. Nach zwei Jahren ohne Briefkontakt teilt ihm die Mutter mit, Erich und Elisabeth seien verlobt und würden bald heiraten.

Jahre später folgt Reinhard einer Einladung Erichs an den Immensee, ohne dass Elisabeth und ihre dort lebende Mutter davon wissen. Elisabeth, weiß gekleidet und mädchenhaft, ist über sein Kommen erfreut. Abendliche Spaziergänge führen ihn ans Ufer des Sees. Einmal überrascht ihn auf dem Rückweg ein Regen, und er glaubt, eine weiße Frauengestalt zu erblicken, die jemanden zu erwarten scheint. Er hält sie für Elisabeth und tritt rasch auf sie zu, doch sie wendet sich ab und verschwindet in der Dunkelheit. Da Reinhard im Laufe der Jahre viele Volksreime und -lieder zusammengetragen hat, wird er gebeten, einige davon vorzustellen. Es ist schon Abend, als er Verse aus dem Gedicht Meine Mutter hat's gewollt vorträgt. Verstört verlässt Elisabeth die kleine Gesellschaft. Bald darauf geht Reinhard im Mondlicht hinab zum See und müht sich vergebens und unter Gefahren, schwimmend eine weiße Wasserlilie weit draußen auf dem dunklen Wasser zu erreichen.

Am folgenden Nachmittag gehen Elisabeth und er auf der anderen Seite des Sees spazieren. Als er eine Erika pflückt und über die verlorene Jugend spricht, sieht er Tränen in ihren Augen. Schweigend fahren sie mit dem Boot zurück. Am Hof begegnet ihnen eine in Lumpen gehüllte Bettlerin mit „verstörten schönen Zügen", der Elisabeth den Inhalt ihrer Börse in die Hände schüttet. Reinhard kann seine Gedanken nicht ordnen und geht erneut zum See hinab. Nach der Rückkehr schreibt er einige Zeilen und will in der Morgendämmerung heimlich aufbrechen, doch Elisabeth überrascht ihn. Sie ahnt sein Vorhaben und die Absicht, nie wieder zurückzukehren. Er löst sich von ihr, tritt hinaus und entfernt sich vom Hof.

In der Rahmenerzählung sieht der Alte in der späten Abenddämmerung noch einmal vor seinem inneren Auge die Wasserlilie auf dem See, die so nah und doch unerreichbar scheint. Er erinnert sich an seine Jugend und vertieft sich wieder in seine Studien.

Stil

Storm fasst die Erinnerung in eine Rahmenerzählung. Ein alter Mann blickt zurück. Die einzelnen Stationen seines Lebens treten als knappe, in sich geschlossene Bilder hervor. Jedes dieser Bilder trägt eine eigene Überschrift. Diese Bauform gibt der Novelle ihren ruhigen, fast bildhaften Gang. Deutlich spürbar ist die Prägung durch Storms eigene Lyrik. Eingestreute Gedichte und Volksliedstrophen tragen die Stimmung der Szenen. Wiederkehrende Motive wie der Pergamentband, der See und die weiße Wasserlilie verbinden die Bilder zu einem dichten Geflecht. In der Sprache klingen Spätromantik und früher Realismus zusammen. Die innere Bewegung der Figuren wird in zurückgenommener, oft andeutender Rede sichtbar.

Rezeption

Die Novelle Immensee verschaffte Storm einen großen Leserkreis. Sie gilt als seine bedeutendste frühe Erzählung. Schon der rasche Übergang von der Erstveröffentlichung 1849/50 zu einer zweiten Fassung 1851 in den Sommergeschichten und Liedern zeugt von der Aufmerksamkeit, die das Werk auf sich zog. Im 20. Jahrhundert wurde der Stoff von Veit Harlan unter dem Titel Immensee verfilmt. Der Film kam 1943 in die Kinos.

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