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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Im Westen nichts Neues
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Im Westen nichts Neues
1929
– Werkseintrag –

Im Westen nichts Neues

1929 · Roman

Ein junger Soldat erzählt vom Ersten Weltkrieg, wie ihn der Schützengraben fühlen lehrt und der Heimaturlaub fremd macht – der berühmteste Antikriegsroman in deutscher Sprache.

Überblick

Erich Maria Remarques Roman erschien zunächst als Vorabdruck. Er lief ab dem 10. November 1928 in der Vossischen Zeitung. 1929 folgte die Buchausgabe beim Propyläen Verlag. Schon innerhalb von elf Wochen erreichte er nach Verlagsangaben eine Auflage von 450.000 Exemplaren. Noch im selben Jahr wurde er in 26 Sprachen übersetzt. Bis heute liegt das Buch in über fünfzig Sprachen vor. Die geschätzten weltweiten Verkaufszahlen lagen 2007 bei mehr als zwanzig Millionen Exemplaren. Erzählt werden die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Soldaten. Remarque selbst bezeichnete den Roman als unpolitisch. In der Wirkung wurde er zum berühmtesten Antikriegsroman der Weltliteratur und zu einem Schlüsselwerk der Neuen Sachlichkeit.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der neunzehnjährige Paul Bäumer. Mit seinen Schulkameraden zieht er an die Westfront des Ersten Weltkriegs. Ihr Lehrer Kantorek hatte die ganze Klasse mit patriotischen Reden dazu gebracht, sich freiwillig zu melden. Schon in der Grundausbildung lernen die jungen Männer unter dem schikanösen Unteroffizier Himmelstoß eine harte Lektion. Die in der Schule vermittelten Werte gelten auf dem Kasernenhof nichts mehr.

An der Front führt sie der erfahrene Stanislaus Katczinsky in die Wirklichkeit des Schützengrabens ein. Alle nennen ihn nur Kat. Kat wird zum heimlichen Anführer der Gruppe. Er ist ein älterer Kamerad, der weiß, wo Essen zu finden ist und wie man die heranfliegenden Geschosse am Klang unterscheidet. Paul lernt zu überleben und sich gegen den eigentlichen Feind zu wappnen, den Tod.

Der Roman folgt dieser Gruppe durch Ruhepausen hinter der Front, Lazarettbesuche, einen kurzen Heimaturlaub und immer neue Einsätze. In der Heimatstadt erfährt Paul, wie fremd ihm die Zivilisten geworden sind. Sie begegnen ihm mit realitätsfernem Patriotismus und ahnen nichts vom Grauen des Krieges. Zwischen den Schlachten sprechen die Kameraden über das Leben vor dem Krieg. Sie fragen sich auch, was nach dem Krieg überhaupt noch möglich sein wird.

Die Handlung im Detail

Paul Bäumer erzählt im Präsens aus dem Alltag seiner Kompanie. Im ersten Kapitel gibt es ungewöhnlich viel Essen, weil von hundertfünfzig Mann nur achtzig zurückgekehrt sind. Im Rückblick schildert Paul, wie der Lehrer Kantorek die ganze Klasse zur freiwilligen Meldung überredete und wie der Unteroffizier Himmelstoß sie in der Grundausbildung schikanierte. Im Lazarett besuchen die Freunde den schwer verwundeten Franz Kemmerich, dem ein Bein amputiert wurde, was er selbst noch nicht weiß. Sie sorgen dafür, dass er Morphium bekommt, zugleich versucht der Kamerad Müller, an Kemmerichs gute Stiefel zu kommen. Kemmerich stirbt.

In den folgenden Kapiteln erinnert sich Paul an die Kaserne und an Himmelstoß, dem die Kameraden später an einem dunklen Ort eine Tracht Prügel verabreichen. Beim Schanzen an der Front hören sie das markerschütternde Schreien verwundeter Pferde, ein Artillerie- und Giftgasangriff zwingt sie, Schutz zwischen Gräberhügeln zu suchen, mehrere Soldaten fallen. Zwischen den Einsätzen kommen Gespräche über Sinn und Unsinn militärischer Strukturen auf, eine nächtliche Aktion Kats und Pauls beschert der Gruppe einen Gänsebraten.

In Kapitel sechs erlebt die Kompanie einen besonders grausamen dreitägigen Stellungskrieg mit Trommelfeuer, Gas und Rattenplagen. Beim französischen Angriff sehen die Soldaten in den Gegnern keine Menschen mehr, sondern töten, wer ihnen entgegenkommt. Pauls Freund Haie Westhus stirbt, am Ende kehren nur zweiunddreißig von hundertfünfzig Mann zurück.

Nach einer Pause im Feldrekrutendepot, wo Paul und seine Freunde drei französische Frauen nachts heimlich besuchen, fährt Paul in zweiwöchigen Heimaturlaub. Zu Hause findet er seine Mutter schwer krank, die Zivilisten begegnen ihm mit einem Patriotismus, der nichts vom Krieg weiß. Er besucht den ehemaligen Klassenkameraden Mittelstaedt, der nun in der Kaserne ihren inzwischen eingezogenen Lehrer Kantorek lächerlich macht. Paul spürt, dass er nicht mehr in die Heimat gehört, berichtet schließlich der Mutter Kemmerichs vom Tod ihres Sohnes und kehrt freiwillig an die Front zurück.

Nach einer Ausbildungseinheit im Heidelager, wo er russische Kriegsgefangene heimlich mit Essen und Zigaretten versorgt und in ihnen einfache Menschen wie sich selbst erkennt, geht es zurück zur Kompanie. Bei einem Patrouillengang rettet sich Paul in einen Bombentrichter und stellt sich tot. Als der Franzose Gérard Duval ebenfalls hineinspringt, stößt Paul ihm in Todesangst den Grabendolch in den Bauch. Einen ganzen Tag verbringt er neben dem Sterbenden, verspricht ihm aus Schuldgefühl, sich um dessen Familie zu kümmern, obwohl er weiß, dass er es nicht halten kann. Erst nachts kann er in den deutschen Graben zurückkriechen, Kat und Albert versuchen ihn zu beruhigen.

Bei einer gegnerischen Offensive werden Paul und Albert verwundet. Im katholischen Hospital wird Albert das Bein amputiert. Paul erholt sich, muss sich schweren Herzens von Albert verabschieden und kehrt mit zwanzig Jahren, nach zwei Jahren Soldatenleben, an die Front zurück.

In den letzten Kapiteln wird die Gruppe nach und nach zerrieben. Berger, Müller, Leer und Kompanieführer Bertinck sterben. Detering desertiert, wird aufgegriffen und vermutlich erschossen. Schließlich stirbt auch Kat, trotz eines verzweifelten Rettungsversuchs Pauls. Paul ist der letzte von sieben Mann aus seiner Klasse. Er beschreibt die zermürbende Überlegenheit der Alliierten im Sommer 1918 und fragt: „Warum? Warum macht man kein Ende?" Im Oktober 1918, kurz vor Kriegsende, fällt Paul an einem so ruhigen Tag, dass der Heeresbericht sich auf den Satz beschränkt, im Westen sei nichts Neues zu melden. Sein Gesicht, berichtet ein anonymer Erzähler im Schlusskapitel, wirkt beinahe friedlich.

Stil

Das Erich Maria Remarque-Friedenszentrum Osnabrück nennt mehrere wichtige Merkmale des Stils. Dazu zählen die auf Episoden gestützte Erzählweise, die dramatische Dialogführung und die journalistisch knappe, präzise Charakterisierung der Personen. Auch der Literaturwissenschaftler Jörg F. Vollmer betont die Episodenstruktur und die szenische Wiedergabe. Charakteristisch ist das Präsens als Erzähltempus. Ebenso prägend ist der Wechsel vom „ich" zum „wir", der die Erfahrung des Einzelnen in die der ganzen Gruppe öffnet. Vollmer spricht von einer „Ästhetik des Grauens". Er sieht in Remarques Roman die Figur des „Zombies" in die Kriegsliteratur eingeführt.

Die Zugehörigkeit zur Neuen Sachlichkeit zeigt sich an der Erzählweise. Auch das Furchtbarste wird in einem ruhigen, abgeklärten, oft bilanzierenden Ton erzählt. Sachliches, faktenorientiertes Schreiben, der Verzicht auf Pathos und auf Ornament, Präzision und Montage prägen den Roman. Brian Murdoch vergleicht eine Passage sogar mit der Lyrik August Stramms: „Granaten, Gasschwaden und Tankflottillen – Zerstampfen, Zerfressen, Tod. Ruhr, Grippe, Typhus – Würgen, Verbrennen, Tod. Graben, Lazarett, Massengrab – mehr Möglichkeiten gibt es nicht."

An einigen Stellen brechen jedoch ältere Töne durch. In Kapitel vier ruft der Erzähler „Mutter Erde" pathetisch an. Formulierungen wie „Schwärzere Dunkelheiten als die Nacht rasen mit Riesenbuckeln auf uns los" erinnern an den Expressionismus, den die Neue Sachlichkeit eigentlich überwinden wollte. Personifizierende Vergleiche weisen das Buch als Werk der Weimarer Republik aus, etwa Strohdächer, die „wie Mützen tief über gekalkte Fachwerkhäuser gezogen sind".

An anderen Stellen wird der Ton satirisch. So schwelgen die Soldaten ironisch in Erinnerungen an die „dunklen, muffigen Korporalsstuben" und an die „Instruktionsstunden in der Morgenfrühe", bevor eine banale Antwort die Künstlichkeit dieser Schwärmerei offenlegt. Die romantisierende Beschwörung des „Sommers 1918" im elften Kapitel gilt dagegen als Kitsch, als Rest älterer Kriegsliteratur. Vielleicht sollte sie bewusst auch konservative Leserschichten ansprechen. Vielleicht scheitert auch ein als Trost gedachter Gegenton zum Kriegsgeschehen ungewollt. Das lässt sich nicht entscheiden.

Rezeption

Schon der Vorabdruck in der Vossischen Zeitung ab dem 10. November 1928 löste eine ungewöhnlich starke Resonanz aus. Mit dem Erscheinen der Buchausgabe beim Propyläen Verlag am 29. Januar 1929 wurde der Roman zum publizistischen Ereignis. Innerhalb von elf Wochen meldete der Verlag eine Auflage von 450.000 Exemplaren. Noch im selben Jahr erschienen Übersetzungen in 26 Sprachen. Bis heute gibt es Ausgaben in über fünfzig Sprachen. Die geschätzten weltweiten Verkaufszahlen liegen bei mehr als zwanzig Millionen Exemplaren.

Bei den Nationalsozialisten machte sich Remarque mit dem Buch erbitterte Feinde. Sie bezweifelten im Rahmen ihrer Rufmordkampagne dessen Authentizität. Sie streuten das Gerücht, der Autor habe gar nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Bei den Bücherverbrennungen 1933 wurden zahlreiche Exemplare des Romans vernichtet.

Die Wirkung des Buches verstärkten mehrere Verfilmungen. Die amerikanische Verfilmung von Lewis Milestone aus dem Jahr 1930 wurde mit zwei Oscars ausgezeichnet. 1979 entstand unter Delbert Mann ein gleichnamiger Fernsehfilm. Die erste deutsche Verfilmung schuf Edward Berger im Jahr 2022. Sie erhielt bei der Oscarverleihung 2023 vier Auszeichnungen. So ist der Roman bis heute weltweit präsent, als der klassische Roman gegen den Krieg.

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