1886
Illuminationen
Überblick↑
Die Sammlung Illuminations ist ein unvollendetes Bündel von Prosagedichten des französischen Dichters Arthur Rimbaud. Erstmals teilweise veröffentlicht wurde sie im Mai und Juni 1886 in der Pariser Literaturzeitschrift La Vogue. Im Oktober desselben Jahres folgte die Buchausgabe unter dem von Paul Verlaine vorgeschlagenen Titel Les Illuminations. Verlaine erklärte im Vorwort, der Titel beziehe sich auf das englische Wort illuminations im Sinne von „farbigen Tafeln". Diesen Untertitel hatte Rimbaud selbst dem Werk schon gegeben. Entstanden sind die Texte zwischen 1873 und 1875, größtenteils während Rimbauds Aufenthalt in Großbritannien an der Seite Verlaines. Heute gilt die Sammlung als eines der einflussreichsten Werke der modernen europäischen Lyrik.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Bei Illuminations handelt es sich nicht um eine erzählte Geschichte, sondern um eine Folge von Prosagedichten. Nach allgemeiner Übereinkunft sind es zweiundvierzig Stücke, davon vierzig in Prosa und zwei in freien Versen (Marine und Mouvement). Die Reihenfolge der Texte ist umstritten und in jeder Ausgabe etwas anders. Nahezu alle Drucke beginnen jedoch mit Après Le Deluge.
Die Gedichte führen den Leser durch eine traumhaft aufgeladene Welt aus Städten, Landschaften, Festen, Visionen und Verwandlungen. Rimbaud zieht den Leser hinein in sinnliche Bilderfluten aus Farben, Geräuschen und Bewegung. Eine durchgehende Handlung gibt es dabei nicht. Wer sich auf diese Sprache einlässt, betritt eine moderne Großstadt, sieht Naturschauspiele und hört von Reisen, von Schöpfung und Zerstörung, von Ekstase und Angst. Die einzelnen Stücke stehen jeweils für sich. Man kann sie in beliebiger Folge lesen, ohne dass eines vom anderen abhängt.
Die Handlung im Detail↑
Das Werk Illuminations erzählt keine Handlung im üblichen Sinn. Die zweiundvierzig Texte sind in sich geschlossen – der Übersetzer Bertrand Mathieu hat dies auf den Punkt gebracht: kein einzelnes Gedicht hänge von den anderen ab oder brauche sie, um vollkommen zu sein. Genau deshalb halten viele Forscher die Anordnung für unwesentlich.
Inhaltlich bewegt sich die Sammlung durch ein Geflecht wiederkehrender Themen. Schon das erste Stück, Après Le Deluge, schlägt den Ton des Protests an, der viele der folgenden Gedichte durchzieht: Rimbaud lehnt sich gegen fast alles auf, was die Gesellschaft seiner Zeit zu bieten hat. Ein zweites großes Motiv ist die moderne Stadt, am deutlichsten in Ville, aber in mindestens sechs Gedichten zentral und in vielen weiteren angedeutet. Rimbaud schildert die Großstadt zugleich anziehend und entsetzlich. Hinzu kommen Angst und Ekstase, Verwandlung, Natur, das Wandern und Reisen, Schöpfen und Zerstören.
Die Texte führen den Leser an die Orte ihrer Entstehung: nach Paris, nach London, nach Belgien, nach Reading, wo Rimbaud 1873 eine feste Arbeit suchte, nach Charleville und schließlich 1875 nach Stuttgart. Auffällig ist Rimbauds Spiel mit fremdsprachigen Wörtern mitten im französischen Text – das Gedicht Being Beauteous trägt selbst im Original einen englischen Titel. Sein Biograph Graham Robb führt dies auf Rimbauds Reisen zurück: Beim Erlernen fremder Sprachen habe der Dichter Listen von Wörtern geführt, die er später in Gedichten verwenden wollte.
Was bleibt, sind keine Geschichten mit Anfang und Ende, sondern dichte, hellsichtige Bilder – Tableaus, in denen sich Wahrnehmung, Halluzination und Welterfahrung übereinanderschieben. Rimbaud selbst hat das Erscheinen seines Werks nie miterlebt im Bewusstsein seines Ruhms: Während die Texte 1886 in Paris gedruckt wurden, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Händler am Horn von Afrika und kehrte erst 1891 todkrank nach Europa zurück.
Stil↑
Die Sammlung besteht ganz überwiegend aus Prosagedichten. Vierzig der zweiundvierzig Stücke gehören dieser Form an. Die beiden Ausnahmen, Marine und Mouvement, sind in freien Versen geschrieben. Sie gelten als zwei der ersten Beispiele des vers libre in der französischen Sprache.
Rimbauds Prosagedichte stehen zwar in der Nachfolge Charles Baudelaires, unterscheiden sich aber deutlich von dessen Vorbildern. Sie verzichten auf erzählerische Elemente wie linearen Handlungsablauf und Übergänge. Dadurch sind sie dichter und „poetischer" als die Baudelaires. Genau aus dieser Verdichtung speist sich der surrealistische Zug der Illuminations. Rimbaud schrieb lange vor dem Surrealismus, doch der halluzinatorische, traumartige Charakter vieler Texte nimmt ihn vorweg.
Ein weiteres Stilmerkmal ist der Umgang mit den Wörtern. Rimbaud setzt sie nicht in erster Linie um ihrer wörtlichen Bedeutung willen, sondern wegen ihrer Klangkraft und ihrer Suggestion. Die Sprache ist reich an sinnlichen Bildern, an Farben, Geräuschen, Bewegungen. Hinzu kommen die fremdsprachigen Einsprengsel: englische und deutsche Wörter mitten im französischen Text, Erinnerungen an seine Wanderjahre.
Rezeption↑
Schon Paul Verlaine widmete seinem ehemaligen Geliebten ein ganzes Kapitel in Les Poètes maudits. In einem eigenen Vorwort zu den Illuminations bekräftigte er 1891, dass Rimbauds Werk auch nach Jahren des Schweigens nichts an Bedeutung verloren habe. Die Verbreitung war anfangs schleppend. Eine Ausgabe von 1895, die sich als „Gesamtwerk" ausgab, enthielt nur fünf Stücke aus den Illuminations. Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde die Sammlung in ihrer vollen Wirkung erkannt.
Albert Camus rühmte Rimbaud in seinem Essay L'homme révolté (1951) als „den Dichter der Auflehnung, und den größten". Ausschlaggebend waren vor allem seine letzten beiden Werke Une saison en enfer und Illuminations. Zugleich warf er ihm scharf vor, später aus der Literatur und damit aus der Auflehnung selbst „desertiert" zu sein, als er zum „bürgerlichen Händler" wurde.
Die Wirkungsgeschichte der Illuminations lässt sich auch an der Zahl ihrer Übersetzungen ablesen. Allein ins Englische wurde das Werk vielfach übertragen: von Helen Rootham (1932), Louise Varèse (1946, überarbeitet 1957), Paul Schmidt (1976), Nick Osmond (1993), Dennis J. Carlile (2001), Martin Sorrell (2001), Wyatt Mason (2002) sowie dem Gespann Jeremy Harding und John Sturrock (2004). Eine Übertragung des Dichters John Ashbery aus dem Jahr 2011 wurde von Lydia Davis in der New York Times Book Review als „gewissenhaft treu und zugleich beweglich erfinderisch" gelobt. Rimbaud selbst hat den späten Ruhm seiner Texte nicht mehr erlebt.
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