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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ilias
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Ilias
– Werkseintrag –

Ilias

· Epik

Der Groll eines gekränkten Helden, der sich mitten im Krieg um Troja vom Kampf abwendet – und ein Heer, das ohne seinen stärksten Mann in Bedrängnis gerät, während die Götter Partei ergreifen.

Überblick

Das Epos Ilias zählt zu den ältesten schriftlich festgehaltenen Werken Europas und gehört zu den bedeutendsten der Weltliteratur. Es schildert einen Ausschnitt aus dem Trojanischen Krieg, der zwischen der Stadt Troja und dem griechischen Bündnis der Achaier ausgetragen wird. Wann das Werk entstand, lässt sich nur schwer bestimmen; heute setzt man die Entstehung ins 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. an. Überliefert ist es in 24 Büchern oder Gesängen. Die Bezeichnung „Gesänge" geht auf die deutsche Übersetzung von Johann Heinrich Voß zurück. Traditionell wird die Ilias Homer zugeschrieben. Ihre Darstellung der olympischen Götter prägte das Bild der griechischen Mythologie und wirkt bis heute in Kunst und Wissenschaft nach.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht nicht der gesamte Trojanische Krieg, sondern nur eine knappe Spanne von rund fünfzig Tagen. Alles beginnt mit einem Zorn: Der griechische Oberbefehlshaber Agamemnon muss ein geraubtes Mädchen an dessen Vater zurückgeben, einen Priester des Gottes Apollon. Als Ersatz nimmt er dem Helden Achilleus dessen Beutefrau Briseïs weg. Achilleus fühlt sich entehrt, zieht sich beleidigt aus den Kämpfen zurück und lässt die anderen Griechen allein weiterkämpfen. Ohne ihren stärksten Krieger geraten die Achaier zunehmend in Bedrängnis. Immer wieder greifen die olympischen Götter in das Geschehen ein und ergreifen Partei für die eine oder die andere Seite. Was den Krieg überhaupt auslöste – das Urteil des Paris und die Entführung der schönen Helena –, wird dabei nur kurz angedeutet und als bekannt vorausgesetzt.

Die Handlung im Detail

Am Anfang steht eine Kränkung der Götter. Der Priester Chryses bittet um die Freilassung seiner Tochter Chryseïs, die Agamemnon als Beute hält. Als der Oberbefehlshaber ihn abweist, schickt Apollon eine Seuche über das griechische Heer. Agamemnon muss das Mädchen schließlich zurückgeben. Zum Ersatz nimmt er Achilleus dessen Beutefrau Briseïs – allein, um seine Macht vorzuführen. Achilleus beugt sich, zieht sich aber grollend aus dem Kampf zurück.

Damit tritt der Held für weite Teile des Epos in den Hintergrund. In den folgenden Gesängen schildert der Erzähler Szenen aus früheren Kriegsjahren und ein erstes Aufeinandertreffen der Heere. Erst im neunten Buch wenden sich die Griechen wieder an Achilleus, denn ohne ihn kommen sie gegen die Trojaner nicht an. Doch Agamemnon will sich nicht entschuldigen, und Achilleus’ Zorn ist noch zu groß: Er lehnt jeden Ausgleich ab. Damit stellt er sich nicht nur gegen Agamemnon, sondern gegen das ganze Heer – und nimmt den Tod vieler Gefährten in Kauf. Denn Zeus gewährt den Trojanern, bis an das Schiffslager der Griechen vorzudringen, ehe sich das Blatt wenden soll. Kämpfe um die Mauer vor den Schiffen und Eingriffe der Götter verzögern diesen Umschwung.

Im sechzehnten Buch erfüllt sich Zeus’ Plan. Achilleus erlaubt seinem Freund Patroklos, die Trojaner zurückzudrängen. Übermütig greift dieser die Stadt selbst an und wird dabei von Hektor getötet. Um den Leichnam entbrennt ein erbitterter Kampf, und für Achilleus werden neue Waffen geschmiedet. Erschüttert über den Verlust des Freundes versöhnt sich Achilleus im neunzehnten Buch mit Agamemnon und stürmt – noch immer zornig, nun aber auf Hektor – in die Schlacht. Bis zum entscheidenden Zweikampf im zweiundzwanzigsten Buch kämpft er gegen zahlreiche Gegner, sogar gegen Götter. Dann stellt er Hektor und tötet ihn.

Sein Zorn ist damit noch nicht gestillt. Zwölf Tage lang schändet Achilleus den Leichnam seines Feindes. Für Patroklos richtet er eine Feuerbestattung mit Totenspielen aus. Zur Ruhe kommt er erst im vierundzwanzigsten und letzten Gesang. Hektors Vater Priamos, der wie Achilleus einen schweren Verlust erlitten hat, kommt zu ihm. Vor ihm mäßigt sich Achilleus’ Zorn, und er gibt den Leichnam Hektors zur Bestattung frei.

Stil

Verfasst ist das Epos in Versen, die sich zu 24 Gesängen von unterschiedlicher Länge fügen. Die kürzeren zählen etwa 400, die längeren rund 900 Verse; insgesamt sind es 15.693. Die einzelnen Bücher wurden später mit den Buchstaben des griechischen Alphabets gekennzeichnet. Ein wiederkehrendes Mittel sind feste Formelverse, die sich an vielen Stellen gleichlautend wiederholen. Getragen wird das Ganze vom Motiv des Zorns, das sich wie eine Klammer über das Werk spannt, aber nur in wenigen Gesängen stark hervortritt. Zwischen den entscheidenden Wendungen dehnt der Dichter die Handlung bewusst: Kämpfe an der Mauer und immer neue Eingriffe der Götter verzögern den Umschwung und halten die Spannung. Weil sich Achilleus lange zurückzieht, gewinnt der Erzähler Raum, Szenen aus früheren Kriegsjahren einzuflechten. Auffällig ist zudem, wie menschlich, streitbar und eigennützig die olympischen Götter auftreten.

Rezeption

Kaum ein Werk hat die europäische Literatur so früh und so nachhaltig geprägt. Die Ilias und die Odyssee wirkten auf zahllose Gattungen, Autoren, Künstler und Gelehrte – als Fortführung wie als Umdeutung. Joachim Latacz bemerkte dazu: „Ob Homers Wirkungsgeschichte jemals ganz zu erfassen sein wird, muss in der Tat bezweifelt werden."

Schon in der Antike war die Wirkung gewaltig. Um die beiden Großepen herum entstanden weitere, sogenannte kyklische Epen, die den erzählerischen Rahmen füllen sollten. Die griechische Tragödie griff den Stoff auf; bei Aischylos, Sophokles und Euripides finden sich zahlreiche Anklänge. Geschichtsschreiber wie Herodot und Thukydides zitierten Verse aus dem Epos. Auch die Philosophie rieb sich am Werk. Platons Sokrates nahm Anstoß am unmoralischen, allzu menschlichen Auftreten der Götter und verbannte Homers Epen aus seinem idealen Staat – zugleich nannte er Homer den ersten „tragischen Poeten". Ähnliche Kritik am Götterbild übten schon frühe Naturphilosophen.

Bis in die Gegenwart reicht diese Nachwirkung. Der Stoff wurde immer wieder neu erzählt, bis hin zu Verfilmungen wie Troja von Wolfgang Petersen.

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