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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Odyssee
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Odyssee
– Werkseintrag –

Odyssee

· Epik

Ein listenreicher König irrt zehn Jahre über das Meer, vorbei an Riesen, Ungeheuern und Zauberinnen, während daheim dreiste Verehrer sein Haus belagern und um seine treue Frau werben.

Überblick↑

Das Epos Odyssee gilt neben der Ilias als das zweite große Werk, das dem griechischen Dichter Homer zugeschrieben wird. Beide gehören zu den ältesten schriftlich festgehaltenen und einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur. Die Odyssee entstand wahrscheinlich im 8. oder 7. Jahrhundert vor Christus, vermutlich in Ionien. Spätestens seit der Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus gehörte sie zum Bildungskanon der griechischen Antike, später auch der römischen Kultur.

In 24 Gesängen schildert das Werk die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka. Nach dem Ende des zehnjährigen Trojanischen Krieges irrt er weitere zehn Jahre über das Meer, verliert alle seine Gefährten und kehrt erst danach heim. Aus diesem Grund ist das Wort „Odyssee“ in vielen Sprachen zum Sinnbild für lange Irrfahrten geworden. Das Epos hat die griechische Dichtkunst in allen ihren Gattungen geprägt und zählt bis heute zu den am häufigsten bearbeiteten Erzählstoffen der Literatur, des Theaters, der Oper und des Films.

Wer die Odyssee verfasst hat, ist umstritten. In der Antike galt Homer als alleiniger Urheber. Der Altphilologe Friedrich August Wolf warf 1795 die sogenannte Homerische Frage auf; seither vermuten viele Forscher, dass an den ursprünglich mündlich überlieferten Epen mehrere Dichter mitgewirkt haben.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zehn Jahre sind seit dem Ende des Trojanischen Krieges vergangen, doch der König von Ithaka ist noch immer nicht heimgekehrt. Odysseus irrt über das Meer, verschlagen von widrigen Winden und dem Zorn des Meeresgottes Poseidon. Auf seiner Fahrt begegnet er Ungeheuern, Zauberinnen und Riesen. Nach und nach verliert er seine Schiffe und seine Gefährten. Zu Beginn des Epos hält ihn die Nymphe Kalypso seit Jahren auf ihrer fernen Insel fest.

Unterdessen herrschen in seinem Palast auf Ithaka andere Zustände. Zahlreiche adelige Freier bedrängen seine Frau Penelope, die einen von ihnen heiraten soll, weil sie Odysseus für tot halten. Sie zehren von seinem Besitz und treiben Übermut in seinem Haus. Sein Sohn Telemachos, kaum erwachsen, bricht auf, um bei alten Weggefährten des Vaters nach dessen Verbleib zu forschen.

Homer erzählt diese Handlung nicht der Reihe nach. Er beginnt kurz vor der Heimkehr und lässt Odysseus seine Abenteuer später selbst am Hof der Phaiaken schildern. So verbinden sich die Suche des Sohnes, die Irrfahrten des Vaters und die bedrohliche Lage in der Heimat zu einer kunstvoll verschränkten Geschichte.

Die Handlung im Detail↑

Die Erzählung setzt kurz vor der Rückkehr des Helden ein. Die Götter beschließen, Odysseus die Heimkehr zu gestatten. Sie senden den Götterboten Hermes zur Nymphe Kalypso, die ihn seit sieben Jahren auf ihrer Insel Ogygia festhält. Zugleich reist die Göttin Athene nach Ithaka, wo Penelope von den Freiern bedrängt wird. In Gestalt eines väterlichen Freundes drängt sie Telemachos, nach dem verschollenen Vater zu suchen. Der Sohn segelt zu Nestor, dem Herrscher von Pylos, und weiter zu König Menelaos von Sparta, beide einst Mitkämpfer vor Troja. Die Freier planen währenddessen, Telemachos bei seiner Rückkehr in einen tödlichen Hinterhalt zu locken.

Hermes bewegt Kalypso, Odysseus ziehen zu lassen. Auf einem selbstgebauten Floß verlässt dieser die Insel. Als die Küste der Phaiaken schon in Sicht ist, lässt Poseidon einen Sturm aufkommen, der das Floß zerbricht. Mit Hilfe der Nymphe Ino Leukothea rettet sich Odysseus schwimmend an Land. Am Strand begegnet er der Königstochter Nausikaa, die ihm den Weg zum Palast ihrer Eltern weist. Der Phaiakenkönig Alkinoos nimmt ihn gastfreundlich auf. Vor dessen Gästen erzählt Odysseus die Geschichte seiner Irrfahrten.

Nach dem Aufbruch von Troja mit zwölf Schiffen überfielen Odysseus und seine Gefährten zunächst die Kikonen, wurden von diesen aber vertrieben. Ein Nordwind trieb sie aufs offene Meer, bis sie das Land der Lotophagen erreichten. Wer von der Lotosfrucht kostete, vergaß die Heimat und wollte für immer bleiben; die betroffenen Männer mussten mit Gewalt zurück auf die Schiffe gebracht werden. Danach gerieten sie in die Höhle des einäugigen Riesen Polyphem, eines Kyklopen und Sohnes des Poseidon. Dieser sperrte die Männer ein und fraß mehrere von ihnen. Odysseus nannte sich „Niemand“ und machte den Riesen mit Wein trunken. Dann blendete er ihn mit einem glühenden Pfahl. Als andere Kyklopen herbeieilten, rief Polyphem, „Niemand“ habe ihm etwas angetan – so blieb ihm keine Hilfe. Unter den Bäuchen der Schafe verborgen entkamen die Griechen. Erst aus der Ferne rief Odysseus dem Riesen hochmütig seinen wahren Namen zu. Daraufhin bat Polyphem seinen Vater Poseidon, dem Helden die Heimkehr zu verwehren oder wenigstens lange zu verzögern.

Der Windgott Aiolos schenkte Odysseus einen Schlauch, in dem alle Winde bis auf den günstigen eingesperrt waren. Kurz vor Ithaka öffneten die Gefährten den Schlauch aus Neugier, die Winde entwichen, und die Schiffe wurden zurückgetrieben. Bei den menschenfressenden Laistrygonen gingen alle Schiffe bis auf eines verloren. Mit diesem letzten Schiff erreichte Odysseus die Insel der Zauberin Kirke, die einen Teil seiner Männer in Schweine verwandelte. Mit dem Kraut Moly, das ihm Hermes gab, widerstand er ihrem Zauber und zwang sie, die Gefährten zu erlösen. Ein Jahr blieb er bei ihr.

Auf Kirkes Rat stieg Odysseus in die Unterwelt hinab, um die Seele des Sehers Teiresias über sein Schicksal zu befragen. Dort begegnete er auch der Seele seiner verstorbenen Mutter und einigen Gefährten aus dem Krieg. Nach der Rückkehr warnten ihn Kirke und Teiresias vor den kommenden Gefahren, besonders davor, die Rinder des Sonnengottes Helios zu schlachten. Die Fahrt führte an den Sirenen vorbei, deren betörender Gesang Seefahrer in den Tod lockt. Odysseus ließ sich an den Mast fesseln und seinen Gefährten die Ohren mit Wachs verschließen. Danach passierten sie die Meerenge zwischen dem sechsköpfigen Ungeheuer Skylla und dem Strudel der Charybdis; Skylla verschlang sechs Männer. Schließlich erreichten sie Thrinakia, die Insel des Helios. Am Ende der Irrfahrten verlor Odysseus alle seine Gefährten. Allein gelangte er zu Kalypso, deren Insel den Ausgangspunkt der Erzählung bildet.

Mit dem Ende dieser Erzählung fügt Homer die beiden Handlungsstränge zusammen. Die Phaiaken bringen Odysseus nach Ithaka. Der treue Sauhirt Eumaios nimmt ihn auf und berichtet ihm von der Lage im Palast. Zum Schutz verleiht ihm Athene die Gestalt eines Bettlers. Telemachos kehrt inzwischen aus Sparta zurück, entgeht dem Hinterhalt der Freier und kommt ebenfalls zu Eumaios. Dort erkennt er seinen Vater, nachdem dieser seine wahre Gestalt zurückerhalten hat.

In Bettlergestalt betritt Odysseus nach zwanzig Jahren wieder sein Haus. Zunächst erkennt ihn nur sein alter, sterbender Hund Argos, später auch die alte Magd Eurykleia. Heimlich schafft Odysseus die Waffen aus dem Saal beiseite. Die Freier verspotten den vermeintlichen Bettler und verlachen den Seher Theoklymenos, der sie vor dem drohenden Unheil warnt. Dann verspricht Penelope, denjenigen zu heiraten, der den Bogen des Odysseus spannen und einen Meisterschuss vollbringen kann. Keiner der Freier vermag den Bogen auch nur zu spannen – nur Odysseus selbst gelingt es. Nach dem geglückten Schuss gibt er sich zu erkennen. Gemeinsam mit Telemachos und Eumaios tötet er die Freier sowie die Mägde und Knechte, die ihm untreu geworden sind.

Erst nachdem Penelope ihn mit einer List auf die Probe gestellt hat, erkennt sie in dem Fremden ihren Gatten wieder. Odysseus besucht auch seinen alten Vater Laërtes. In der Unterwelt preisen seine einstigen Mitkämpfer Achilleus und Agamemnon seine siegreiche Heimkehr. Zuletzt schlichtet die Göttin Athene den Streit zwischen Odysseus und den Angehörigen der getöteten Freier – so kehrt Frieden nach Ithaka zurück.

Stil↑

Aufgebaut ist das Werk aus 24 Gesängen mit insgesamt 12.110 Versen im Hexameter, dem gebundenen Versmaß der antiken Epik. Eröffnet wird es durch das Proömium, eine Anrufung der Muse, die in wenigen Zeilen ankündigt, was den Zuhörer erwartet. Denn diese Dichtung war ursprünglich zum Vortrag bestimmt, nicht zum stillen Lesen.

Bemerkenswert ist die kunstvolle Erzählweise. Homer erzählt die Handlung nicht der Reihe nach, sondern setzt mitten im Geschehen ein, kurz vor der Heimkehr des Helden. Er verschränkt mehrere Handlungsstränge und arbeitet mit Rückblenden, Einschüben sowie mit dem Wechsel von Perspektive und Erzähler. Den zentralen Teil, die Irrfahrten, lässt er den Helden selbst berichten: Odysseus erzählt seine Abenteuer als Ich-Erzähler am Hof der Phaiaken. Auf diese Weise bleibt die Spannung durchweg erhalten.

Im deutschen Sprachraum prägte die Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781 den vertrauten Klang des Epos.

Rezeption↑

Kaum ein Werk der abendländischen Literatur ist so oft bearbeitet worden wie die Odyssee. Sowohl der Stoff – phantastische Irrfahrten und Abenteuer – als auch der Held ziehen bis heute Dichter, Maler, Komponisten und Filmemacher an: der listenreiche, einsame Dulder, der nach langen Jahren heimkehrt und seine vertraute Welt verändert vorfindet.

Die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sahen in Odysseus den ersten modernen Menschentyp der Literaturgeschichte. Er ergebe sich nicht den Göttern und dem Schicksal, sondern kämpfe – bisweilen unter Verleugnung seiner Identität – erfolgreich gegen beide an und werde so zum Herrscher über sein eigenes Geschick.

Schon in der Antike regte das Epos weitere Werke an. Der römische Dichter Vergil nahm es sich zum Vorbild für sein Epos Äneis, das die Irrfahrten des trojanischen Helden Aeneas schildert. Spuren der Odyssee finden sich später auch in den Erzählungen aus Tausendundeine Nacht und in den Märchen über Sindbad den Seefahrer. Odysseus wurde vielen Dichtern zum Urbild des neugierigen, listigen Menschen, der stets nach Wissen und Erfahrung sucht und doch, wie es heißt, „unnennbare Leiden erdulden“ muss.

Als literarisch anspruchsvollste moderne Bearbeitung gilt der Roman Ulysses von James Joyce aus dem Jahr 1922, der zu den wichtigsten Romanen des 20. Jahrhunderts zählt. Er schildert einen einzigen Tag im Leben des Anzeigenverkäufers Leopold Bloom, der durch Dublin streift und dabei Erlebnisse hat, die teils den Abenteuern des Odysseus entsprechen. Nach dem Zweiten Weltkrieg griffen in Deutschland Heimkehrerdramen wie Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür das Grundthema wieder auf. Im Jahr 2017 veröffentlichte der amerikanische Altphilologe Daniel Mendelsohn das autobiografische Werk Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich, in dem er sein eigenes Verhältnis zu Vater und Großvater immer wieder mit dem antiken Stoff verknüpft.

Auch die Malerei nahm den Stoff seit der Renaissance wieder auf; Künstler wie Peter Paul Rubens und Claude Lorrain gestalteten Szenen aus dem Epos. Johann Wolfgang von Goethe rief im Rahmen der Weimarer Preisaufgaben dazu auf, die Odyssee zu illustrieren. Im Auftrag König Ludwigs I. von Bayern entstanden für die Münchner Residenz 24 Wandbilder, je eines zu jedem Gesang. In der Oper diente der Stoff wiederholt als Vorlage, etwa in Claudio Monteverdis Il ritorno d'Ulisse in patria von 1641, das die Heimkehr des Odysseus zu Penelope behandelt.

Seit der Renaissance wurde das Epos immer wieder in moderne Sprachen übertragen. Im deutschen Sprachraum gilt die metrische Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem 18. Jahrhundert selbst als Klassiker; ihr Einfluss auf die deutsche Sprache wird mit dem der Bibelübersetzung Martin Luthers verglichen. Eine der bekanntesten Prosafassungen stammt von Gustav Schwab aus dem 19. Jahrhundert. Bis heute erscheinen neue Übersetzungen und Nacherzählungen, darunter auch solche für Kinder und Jugendliche.

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